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Bei Aphrodite im Garten

Radfahren auf Zypern

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Ob es eine Fahrradmarke namens Aphrodite gibt? Wir haben es nicht herausgefunden. Doch hier ist alles Aphrodite: Die Schaumgeborene verleiht ihren Namen Restaurants, Schiffen und sogar Apotheken. Aphrodite, Göttin der Liebe, Fruchtbarkeit und Schönheit und Zyperns Schutzgöttin ist allgegenwärtig. Die Zyprer vereinnahmen sie gerne für sich. In der Tat ist sie aber ein Konglomerat aus Westlichem und Östlichem, lässt sich zurückverfolgen bis auf die antiken Göttinnen Astarte und Ischtar. So symbolisiert sie nun doch wieder das, was Zypern ist: eine Insel auf der Schwelle zwischen Orient und Okzident.

Zypern - auf dem Aphrodite Wanderweg

Kopiaste! Herzlich willkommen auf Zypern. Der erste Eindruck ist grau, weiß, grün und beige verschwommen: Olivenbäume, Pinien, Sand, Kalk. Hinter allem das blaue Mittelmeer. Der zweite: eine Moschee, orthodoxe Kirchen und Klöster. Wieder: Orient und Okzident. Viele waren hier auf der drittgrößten Mittelmeerinsel nach Sardinien und Sizilien: Phönizier, Assyrer, Perser, Venezianer, Mamelucken, Franzosen, Briten, um nur einige zu nennen. Geographisch gehört man zu Asien. Doch man spricht Griechisch im südlichen Teil der Insel und ist ansonsten very British: Linksverkehr ist angesagt und man übt Disziplin.

Ausgangspunkt Tóchni

Wir wohnen in Tóchni, einem restaurierten Dorf. Im Allesgeschäft in der Dorfmitte sagt man einfach, man kommt von Christian, dem Reiseleiter. Schon wird man von Ladeninhaber Christos zu einem Willkommenstrunk eingeladen und ist die Jüngste, Schönste und Charmanteste der Gruppe. Diese Ansage bekommen natürlich alle Damen, denn Christos ist beileibe kein Kaymaki, wie Zyperns Frauen-Aufreißer genannt werden. Gegenüber auf dem Balkon hocken wie jeden Tag die drei Alten und beobachten das Treiben. Wir stocken Verpflegung auf, Wasser vor allem, und dann geht es los durchs Hinterland und Richtung Südküste zu einem Picknick am Strand mit anschließendem Bad. In der Taverne nebenan gibt es Fisch satt und lokales Keo-Bier in einem seltsamen Maß: ein Pint. Very British. Weiter die Straße lang hupt uns eine Zyprerin wie verrückt an und winkt hinter der Windschutzscheibe mit ihrem Softeis. Des Rätsels Lösung folgt im nächsten Dorf, in Zygi: Dort steht heute der Wagen, der Softeis verkauft: „Orient Super Soft Ice Cream“ steht darauf zu lesen und orientalisches Gebimmel ertönt. Ein Stopp ist ein Muss, einmal Vanille mit Schokoladenüberzug, dann geht’s zurück nach Tóchni. Geschlemmt wird abends in der Tóchni Taverne: Schüsseln über Schüsseln werden aufgetragen, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch.

Zypern - Scheunendachkirche in Vikla
Scheunendachkirche in Vikla

Ein Transferbus bringt uns hinauf nach Vikla mit seiner Scheunendachkirche. Diese Bauwerke sind eine Besonderheit Zyperns und manche von ihnen wurden zum Unesco-Weltkulturerbe geadelt. Innen ist diese hier reich bemalt mit byzantinischen Fresken und einer Ikonostase, was man nicht vermutet hätte. Von außen nämlich wirken die Häuser mit ihren Scheunendächern eher unscheinbar. Für uns folgt ein langer Anstieg Richtung Klonari und dann eine rasante Abfahrt durch Gegenden, die schon fast wüstenähnlich anmuten. In Asgata finden wir eine alte Dampflok, Reste der ersten zyprischen Eisenbahn, die 1951 leider still gelegt wurde, und ein nettes Kafenion am Hauptplatz. Der Kaffeehausmeister ist noch verschlafen, es ist ja erst Mittag, und putzt gerade seine Kneipe. Unten am Governor's Beach aber gibt es Salat mit Hallóumi gleich neben dem Strand, mit Brandungsgeräuschen unterlegt. Hallóumi ist die Leidenschaft des Zyprers, an der auch kein Ausländer vorbei kommt. Die Zubereitungsarten des Nationalkäses sind äußerst vielfältig. Es gibt ihn frisch, gebraten, gebacken, geröstet oder gegrillt. Von uns bekam er den Beinamen Quietschkäse, da er beim Kauen diesen Ton erzeugt.

In der Hauptstadt Nikosia

Zypern - Nikosia - Makariospalast
Palast des Erzbischofs Makarios III. / Makariospalast
in Nikosia (griech. Teil)

Nikosia, oder Lefkosia auf Griechisch und Lefkoşa auf Türkisch sollte man auf keinen Fall auslassen, allerdings per Bus und nicht per Fahrrad. Moscheen und Kirchen, ein Hamam und der Makariospalast stehen dicht beieinander und verdeutlichen einmal mehr, was die Insel einst in sich vereinigte. An verschiedenen Stellen befinden sich Militärposten hinter Sandsäcken und das Café „Checkpoint Charly Berlin No. 2“ wirkt wie eine Zeitreise. Heute ist die Stadt immer noch geteilt, doch nach etwa 30 Jahren Trennung ist es möglich, wieder auf die andere Seite zu gelangen. Wir gehen auf dem Boulevard Ledra über die so genannte Green Line. Green Line heißt sie, weil ein Offizier mit einem grünen Farbstift eine trennende Linie durch Lefkosia gezeichnet haben soll. Dies ist heute die Demarkationslinie, denn anerkannt wurde sie nur von der Türkei und ist somit völkerrechtlich betrachtet keine Grenze. Auf dem Markt glänzen die Mandarinen und Zitronen um die Wette. Es duftet nach exotischen Gewürzmischungen. Draußen gurren die Tauben, Oleander klettert die Wände hinauf. Die einzige geteilte Hauptstadt in Europa liegt in der Mesaória-Ebene. Heiß ist es innerhalb der Altstadt mit ihrem Befestigungsring.

Zypern - Nikosia - Laden im türkischen Teil der Stadt
Laden im türkischen Teil der Stadt

UNESCO-Weltkulturerbe Choirokoítia

Nun wieder aufs Rad: Per Bus geht es hinauf bis kurz hinter Pyrga, dann abwärts nach Klavdia durch Gegenden von wildromantischer Schönheit mit hundertjährigen Olivenbäumen und blendend weißem Kalk. Irgendwo am Wegesrand entdecken wir einen riesigen Tontopf. Dies sei einst ein Behältnis zur Aufbewahrung von Getreide oder Olivenöl gewesen, erklärt Christian. Nach dem besten Apfelkuchen ganz Zyperns, wenn nicht der Welt, in einer Taverne, wo der Himmel voller Kürbisse hängt, geht es durch Orangen- und Zitronenhaine Richtung Strand. Ein Schild weist den Weg auf Englisch und Griechisch nach links und nach rechts: To the beach. Das nächste Mysterium folgt auf dem Fuß: Die Ausgrabungsstätte und UNESCO-Weltkulturerbe Choirokoítia. Erbarmungslos brennt die Sonne vom Himmel. Wohl deshalb wohnten die Menschen hier ab dem 7. Jahrtausend v. Chr. in so genannten Tholoi, Rundhäusern, mit 2,5 m dicken Mauern. Begraben wurden sie darunter in Hockstellung mit einem Stein darauf.  Auf der Speisekarte standen damals vor allem Zwergflusspferde und Zwergelefanten. Warum die Siedler um 5.500 v. Chr. plötzlich spurlos verschwanden, ist immer noch ein Rätsel. Gegraben wird heute noch. Eine staubige Angelegenheit. Der Anblick macht Durst auf einen Brandy sour, dem zyprischen Nationalgetränk aus Brandy, Angostura, Zitronensaft und Soda. Härter Gesottene probieren Tsivanía, eine Art Tresterschnaps.

Spitzen aus Léfkara

Eine der härtesten Touren in der ersten Woche führt ab Léfkara über Berge und Hochebene zurück nach Tóchni. In Léfkara herrscht die moderne Wegelagerei: „Kaufen Sie Spitzen und Stickarbeiten, alles Handarbeit!“ Tut man das nicht, werden die „Verkäufer“ schon mal unfreundlich. „Das Einzige, was an diesen Decken Handarbeit ist, war das Schild „made in Taiwan“ herauszutrennen“, so unser Reiseleiter. Leonardo da Vinci dürfte es nicht so ergangen sein. Er soll hier 1481 die Altardecke für den Mailänder Dom erstanden haben. Am Straßenrand sitzen Stickerinnen dekorativ vor ihren Geschäften. Doch wenn die Touristenbusse den Ort wieder verlassen haben, legt man die Handarbeit schnell wieder weg. Schnell wieder weg wollen auch wir nach einem süßen zyprischen Mokka, auch wenn dieses Dorf wirklich schön ist.

Zypern - auf der Tour ab Léfkara nach Vavatsinia
Auf der Tour ab Léfkara nach Vavatsinia

Durch Landschaften, die tatsächlich ab und zu grün sind, ganz ungewohnt fürs Auge, fahren wir bis Vavatsinia, wo es Mittagessen gibt und als Nachtisch herrliche Boreki, mit Käse gefüllte, in schwimmendem Fett gebackene und mit Puderzucker bestäubte Teigtaschen. Solchermaßen gestärkt gilt es, noch ein Paar Steigungen zu nehmen und dann auf die Hochebene zu strampeln. Für Zypern ist schon einiges an Muskelschmalz nötig. Richtung Tóchni ist es wieder trockener. Wer weiß, vielleicht wird die Wasserknappheit, die auf Zypern heute schon herrscht, dem kleinen Paradies irgendwann zum Verhängnis. Im Süden sahen wir einige abgestorbene Bäume.

Zypern - Mittagessen in Vavatsinia
Mittagessen in Vavatsinia

Die grüne Lunge Zyperns

Doch es gibt auch grüne Wälder. Das Tróodos-Gebirge ist die grüne Lunge der Insel und ein Wanderer- und Mountainbiker-Paradies mit einigen ausgeschilderten Routen. Auch Zypern will vom großen Fahrrad-Kuchen etwas abhaben. Die Insel wirft mit neu ausgeschilderten Routen und Karten, die über das Fremdenverkehrsamt bestellt werden können, ihren Hut in den Ring. Ein nationales Radwegenetz soll aufgebaut und eventuell mit der Euroveloroute 8 verbunden werden. Vor allem hier in der Tróodos-Region gibt es bereits Radwege.

Zypern - im Tróodos-Gebirge
Im Tróodos-Gebirge

Wir genießen die steilen Abfahrten, die engen oder weit geschwungenen Kurven und den würzigen Duft nach Pinien und Kiefern. Die Tróodos-Kiefer ist endemisch und streckt ihre Äste nach unten. Ruhe. Auch im Kloster Kýkko, dem reichsten Zyperns, umfängt uns die ruhige kontemplative Atmosphäre und die zahlreichen kunstvollen Mosaiken lassen staunen. Wichtigstes Heiligtum ist die Ikone der Eleoúsa, der barmherzigen Gottesmutter, die jedoch immer verhangen ist. Sie hilft gegen allerlei Gebrechen. Hoffentlich auch gegen Muskelkater!

Zypern - Mosaik im Kloster Kýkko
Mosaik im Kloster Kýkko

Touren ab Polis

Im Nordwesten ab Polis gibt es ebenfalls schöne Touren, so z. B. zum Bad der Aphrodite. Ein Stück fahren wir per Rad, dann heißt es runter vom Sattel und auf dem Adonis Wanderweg hinauf auf die Hügel der Akámas-Halbinsel und später auf dem Aphrodite Wanderweg wieder hinunter und zu Aphrodites Bad. Meeresblau und Piniengrün stechen fast in den Augen, so intensiv strahlen sie im gleißenden Sonnenlicht. Es ist Mitte November und Zypern darf mit Fug und Recht zu dieser Zeit als Reiseziel für Radfahrer empfohlen werden. Der Aphrodite-Kult ist allgegenwärtig. Am Kiosk neben ihrem Bade gibt es Aphrodite-Nippes zu kaufen. 

Zypern - Tour ab Polis zu den verlassenen Dörfern
Tour ab Polis zu den verlassenen Dörfern

Auf der Route zu den so genannten Geisterdörfern im Inland trifft man lange Zeit weder Mensch noch Auto, weder Schaf, Katze noch Hund. In Evretou pfeift der Wind und verursacht gespenstische Geräusche in den Ohren. Gespenstisch muten auch die verlassenen Häuser an: klappernde Fensterläden, die leeren Höhlen der Eingänge blicken wie schwarze Augen in die Gegend. Dahinter liegt der fast ausgetrocknete Evretou Stausee. 670 Höhenmeter  liegen hinter uns, die Abfahrt nach Polis ist fantastisch und vergeht wie im Fluge. Ein wenig fahren wir noch auf Feldwegen und werden mächtig eingestaubt. Doch auf dem Dorfplatz in Polis wartet mal wieder ein leckerer zyprischer Mokka auf uns, metrio mit einem Löffel Zucker.  Oder ein Brandy sour? Am Ständer des Souvenirgeschäfts nebenan lächelt Aphrodite: als Magnet für den heimischen Kühlschrank, darauf sie blassrosa und -blau hinterlegt mit Minithermometer daneben.  Eine Fantasie?

Zypern - Am Evretou-Stausee
Am Evretou-Stausee

Eine Fantasie: „ Alle Tore sind offen. Der Hoca findet zum Priester und der Priester zum Hoca. Die Glocken der orthodoxen Kirchen läuten neben den Moscheen und die Männer spielen in den Häfen von Kyrenia, Famagusta, Limassol und Larnaca gemeinsam Tavla und schlürfen dabei den schäumenden türkischen Mocca.“ (Kenan Kayis, Der Carobbaum)

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