Reisemagazin schwarzaufweiss

Wattenmeer

Natur ohne Ende

Text: Beate Schümann
Fotos: Stephan Eigendorf

Nordsee - Möwen im Watt

Das Wattenmeer an der Nordsee bietet die einmalige Chance, auf dem Meeresboden zu laufen. "Wat‘n Watt!" - staunen wir, als wir auf der Deichkante stehen und in die unendlich weite Wattlandschaft hinausblicken. Die Nordsee hat sich für ein paar Stunden zum Horizont zurückgezogen. Geblieben ist ein Haufen platten Sandes, durch Wasser und Wind geriffelt, Wasserpfützen, sich wurmartig windende Priele, Algenreste, Würmer, Krabben und Krebse. Wolkenherden galoppieren über alles hinweg. Mehr optische Attraktionen hat das Watt auf den ersten Blick nicht.

Nordsee - am büsumer Deich

Gerade darum scheint es jedoch so viele Menschen anzuziehen. Was die Anziehungskraft ins Suchtartige gedeihen läßt, ist diese schwer erklärbare, emotionale Mischung aus jodhaltiger Luft, den Signalrufen aufsteigender Vögel und dieses sagenhafte Gefühl von Freiheit, das in dem schier grenzenlosen Horizont liegt. Die Weite der Natur löst Empfindungen von Gelassenheit, Bescheidenheit, Freiheit und Frieden aus. Sie regt die Fantasie an, man kommt zu sich. Gedichte werden erdacht, Hymnen geschrieben, Grübeleien in den Wind geblasen. Krisen lösen sich in Luft auf. Kein Windsor-Castle, kein Louvre kann mithalten, wenn man im Watt oder auf den schnurgeraden Deichen zwischen den weidenden Schafen hindurch endlos spazierengeht.

Das Wattenmeer in der Nordsee ist die größte zusammenhängende Wattlandschaft der Welt, ein einzigartiges Ökosystem, das Lebensraum für rund 250 Tiere und Pflanzen bietet, die nur hier vorkommen. Es ist neben dem alpinen Hochgebirge die letzte großräumige Naturlandschaft. 1985 wurde der durch Industrie, Landwirtschaft und Tourismus stark gefährdete einmalige Naturraum mit seiner Watt- und Wasserfläche, seinen Salzwiesen und Sänden unter Naturschutz gestellt und der "Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer" gegründet.

Eine nicht unumstrittene Naturschutzmaßnahme, die genügend Reibungsfläche zwischen Naturschützern und Naturnutzern bietet, die ihre Lebensgrundlage bedroht sehen. Uns Besuchern ist hier nur noch die Rolle des Zaungastes zugewiesen. Wir sind willkommen, aber bekommen einige Regeln mit auf den Weg.

Nordsee - Infoaufsteller zum Thema Wattenmeer

Infoaufsteller zum Thema Wattenmeer

An der schleswig-holsteinischen Westküste ist das Wattenmeer ist der Touristenmagnet. Jedes Jahr fahren an die 10 Mio. Tagesgäste zum Sonnen, Baden und Wattwandern hierher. Eine Befragung ergab, daß rund 80 % wohl schon einmal vom "Nationalpark Wattenmeer" gehört hatte, aber nichts von dessen Bedeutung.

Das Besondere am Watt ist, daß es im Sechsstundentakt von Ebbe und Flut trockenfällt und dann wieder überflutet wird. Diese Dynamik des ständigen Gezeitenwechsels hat eines der bedeutendsten und daher schützenswerten Feuchtgebiete der Erde entstehen lassen, wie es in anderen Großökosystemen nicht vorkommt.

Wenn bei Ebbe das Wasser aus dem Wattenmeer abläuft, bietet sich dem Menschen für ein paar Stunden die einmalige Chance, Meeresboden zu betreten, ohne von oben bis unten patschnaß zu werden. Dann ist die Stunde gekommen, daß sogar der Schlick Karriere macht. Die Menschen laufen barfuß im glucksigen Sand herum und erleben das Naturschauspiel von Ebbe und Flut hautnah.

Nordsee - Wattenmeer bei Büsum

Vielen reicht das schon. Wer aber dem wahren Kuriosum des Wattenmeeres auf die Spur kommen will, dem verlangt die Natur etwas mehr ab. Zwar lassen sich hier mehr als 2 Mio. Zugvögel häuslich nieder. Aber sie befinden sich meist in der Schutzzone 1, in die der Mensch keinen Zutritt hat. Auch die über 3.000 Seehunde, diese beliebten Schwimmkünstler, wahren Distanz zum Zweibeiner oder sind abgetaucht. Um Zuneigung zu den quirligen Pierwürmern und deren spagettiähnlichen Kothaufen zu gewinnen und damit dem Schlüssel dieses einzigartigen Ökosystems auf den Grund zu kommen, muß man sich erst tief bücken. Das Wattenmeer macht es einem nicht leicht.

Deshalb werden während der Ferienzeit überall in den Ferienorten an der Küste und auf den Inseln von verschiedenen Naturschutzverbänden Wattwanderungen organisiert, die von geschulten Wattführern begleitet werden. Sie helfen dabei, das reichhaltige, vielfältige Leben entdecken. Da das Watt einige Risiken birgt, sollte man ohnehin nie allein und nie ohne Uhr ins offene Watt hinausspazieren.

Die eigentliche Sensation spielt sich am Boden ab, wo es kribbelt und krabbelt. Im Schlickwatt, das in ruhigen, strömungsarmen Zonen durch Ablagerung feiner Schlickteilchen und Schwebstoffe entsteht, leben auf einem Quadratmeter manchmal bis zu 1 Million Kieselalgen. Mit bloßem Auge kaum zu erkennen, bilden die 0,02 mm großen Organismen in ihrer Summe den bräunlichen Überzug auf dem Boden. Sie sind für die Sauerstoffproduktion verantwortlich und stellen für viele Lebewesen im Watt eine wichtige Nahrungsgrundlage dar.

Mitten im Algenteppich lebt die kleine Wattschnecke (0,5 cm) wie die Made im Speck; sie weidet die Algen und Bakterien systematisch ab. Biologen haben pro Quadratmeter über 100 000 Exemplare gezählt. Viele Muscheln, wie die Platt- (2 cm), Herz- (4 cm) und Sandklaffmuscheln (12 cm), fühlen sich am wohlsten im Sand eingegraben. Anders die schwarzen Miesmuscheln, die auf dem Sandboden zu Hause sind. Sie verbinden sich mit ihren "Byssusfäden" zu sogenannten Muschelbänken, damit sie nicht so leicht mit ins Meer weggeschwemmt werden. Wenn man vom Wattführer erfährt, daß die Miesmuscheln das gesamte Wasser im Wattenmeer in wenigen Wochen einmal durch ihre Kiemen spülen und reinigen, hat man sie vermutlich zum letzten Mal mit Freude gegessen.

Nordsee - Watt bei Büsum

Am Auffälligsten sind die kringeligen Kothaufen vom Pierwurm. Hebt der Wattführer mit seiner Schaufel darunter den Sand etwa 25 cm tief aus, kann man ihm höchstpersönlich begegnen. Auch er ist eine Reinigungsmaschine. Er frißt Sand, aus dem er Mikroalgen und Bakterien verwertet, den unverdaubaren Sand aber wieder ausscheidet. Im Jahr wälzen die Pierwürmer etwa 1 000 Tonnen Sand pro Hektar um. Unterwegs trifft man noch Krebsen, Garnelen und manch auf dem trockengefallenen Sand sterbenden Seestern.

Nordsee - Krebse im Watt

Mit seinen zigtausenden Krabbeltieren ist der Tisch für Vögel im Watt reich gedeckt. Kein Wunder, daß das Wattenmeer eines der vogelreichsten Gebiete der Erde ist. Im Spätsommer gibt es die größte Zahl von Vögeln im Watt, etwa 100 verschiedene Arten. Sie kommen zum Brüten, Mausern oder Rasten.

Nordsee - Möwe auf Pfosten

Am häufigsten sieht man heimischen Watvögel, Gänse, Enten und Möwen. Charaktervogel des Watts ist der schwarzweißgefiederte Austernfischer mit seinem langen roten Schnabel. Wegen seines Nahrungsreichtums ist das Wattenmeer Drehscheibe des Kontinente umspannenden Vogelzugs, eines der wichtigsten Durchzugs- und Rastgebiete für Gastvögel aus Nordeuropa, Nordasien und Ostkanada. Sie steuern das Watt an, um Energie aufzutanken, z.B. der Knutt, der von Sibirien ganz bis nach Westafrika fliegt. Im Wattenmeer füllt er seine Fettreserven um 70 g auf, gerade genug Treibstoff für die 4 000 km lange Reise vom Wattenmeer in die Überwinterungsgebiete in Guinea-Bissau oder zurück in die Brutgebiete in Sibirien oder Kanada. Das gelingt den Vögeln aber nur, wenn ihnen gute Rastplätze mit ausreichendem, günstigem Nahrungsangebot und ungestörten Ruhezonen zur Verfügung stehen. Nahrungsaufnahme ist Schwerstarbeit. Werden Sie dabei gestört, legen sie nur 50 g auf die Knochen, können sie ihr Ziel schon nicht mehr erreichen oder verlieren ihre Brutfähigkeit.

Die bedeutendsten Säugetiere im Wattenmeer sind die Seehunde, die wegen ihres poussierlichen Aussehens, den Kulleraugen und dem rundlichen Kopf die Lieblinge der Nordseebesucher sind. Auch sie sind bedroht. Es zählt zu den Attraktionen im Wattenmeer, eines dieser süßen, aber scheuen Tiere zu sehen. Damit der Besucher dennoch die Tiere in der freien Natur beobachten kann, ohne sie zu stören, werden in Übereinstimmung mit dem Nationalparkamt einige Seehundbänke von Ausflugsschiffen, z.B. ab Büsum und Husum, angefahren. Vom Schiff aus kann man die Tiere mit dem Fernglas gut beobachten.

Nordsee - Seehunde auf Sandbank

Seehunde auf einer Sandbank

Nachdem 1988 bei dem großen Robbensterben im Wattenmeer rund 8 500 Tiere verendet waren, davon allein ca. 5 800 an der schleswig-holsteinischen Küste, haben sich die Populationen inzwischen wieder erholt. Wissenschaftler erkannten damals die Ursache der Seuche in einem Hundestaupevirus. Die eigentliche Wurzel des Übels lag jedoch in der durch die hohen Schadstoffeinleitungen in die Nordsee geschwächten Immunabwehr. Trotzdem werden Schadstoffe und Altöl unvermindert weiter in die Nordsee eingeleitet. Im Sommer 1996 drohte wieder eine Ölpest, als Hunderte Tonnen Öl an die Strände gespült wurden. Kurdirektoren und auch die "Wattenmeerkonferenz", ein Zusammenschluß der Nordseeinseln, der sich für wirksame Schutzmaßnahmen einsetzt, fühlen sich ohnmächtig. So wächst beiseitig bei Naturschützern und Hoteliers die Wut auf Meeresverschmutzer wie auf Politiker.

Eine weitere Attraktion im Watt sind die Salzwiesen vor den Deichen, die vielen Vögeln als Brut- und Rastplätze dienen. Diese in Europa selten gewordenen Biotope machen sich hier auf der einzigartigen Fläche von 30 000 Hektar breit. Von Mai bis Oktober zeigt sich die Blütenpracht der Salzwiesen, wenn die violetten Strandnelke, der gelbe Herbstlöwenzahn, der lila Strandflieder oder die rötlichen Strandastern blühen.

Nordsee - Deichvorland

Obwohl die Salzwiesen bereits über der Hochwasserlinie liegen, werden sie im Winterhalbjahr und bei Sturmfluten von Salzwasser überflutet. Kein einfacher Lebensraum, doch die Pflanzen und auch viele Tiere haben sich auf diesen Lebensraum "spezialisiert". Salzwiesen sind dem Festland nahezu überall vorgelagert, dürfen aber nur auf den vom Nationalparkamt ausgewiesenen Wegen betreten werden. Besonders breite und zugängliche Bereiche gibt es auf der Hamburger Hallig, Nordstrand, in Schobüll, Westerhever sowie St. Peter-Ording und Friedrichskoog.

Nordsee - Watt

Das Nationalparkamt hat für Wattwanderer auch einige Vorsichtsmaßnahmen zusammengestellt, die man im Watt unbedingt beherzigten sollte. Aufkommender Nebel oder die plötzlich auflaufende Flut haben schon manche in Lebensgefahr gebracht. Man kommt obendrein nur in langsamen Schritten voran, weil man im naßen Sand einsackt. Mit Schuhen geht übrigens kein Mensch ins Watt. Man zieht sie aus und krempelt sich die Hosen kniehoch. Barfußlaufen ist gesund; die Sandrillen sind wie Massage für die Füße. Die Wattführer haben meist eine Grabegabel oder ähnliches bei sich, damit man sich daran hochziehen kann, falls man einmal bis zum Knie einsackt. Außerdem gehört zur ihrer Standardausstattung ein Kompaß, ein Funksprechgerät, eine Sicherheitsleine und ein Fernglas. Sie kennen sich mit den Gezeiten aus und wissen um die gefährlichen Stellen.

Nordsee - Seenotrettungskreuzer der DGzRS

Oft die letzte Rettung: ein Seenotrettungskreuzer der DGzRS

Reiseinformationen zum Wattenmeer

Informationen:

Nordseebäderverband
Parkstraße 7
25813 Husum
Tel. 04841/89 75-0.

Nationalparkamt Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer
Schloßgarten 1
25832 Tönning
Tel. 04861/61 60

http://www.nationalpark-wattenmeer.de/sh/

 

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