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Auf den Spuren der Seide

Mit dem Zug von Turkmenistan nach Usbekistan

Text: Dagmar Krappe
Fotos: Axel Baumann

Nasiras größte Stärke ist Geduld. Die zweite ist Fingerfertigkeit. Beides braucht sie, denn der Erfolg ihrer Arbeit wächst nur um wenige Zentimeter pro Tag. Bis zu einem Jahr arbeite sie am selben Teppich, sagt die Zwanzigjährige, während sie aus acht Farben den richtigen Faden auswählt und um zwei Kettfäden knotet. Eine Vorlage benötigt sie nicht mehr: „Nach einigen Wochen hat man das Muster im Kopf.“ Nasira arbeitet als Teppichknüpferin in der Seidenfabrik von Abdullahad Badghisi in Samarkand in Usbekistan. Er ist einer der Hauptorte, durch den einst die Straße führte, der die Seide den Namen gab. Die Seidenstraße wurde nicht geplant, sie wuchs ganz allmählich aus einem Geflecht alter Handelswege, die das Mittelmeer mit Ostasien verbanden, zusammen. Erst Jahrhunderte nach ihrem Niedergang prägte der deutsche Geograph und Geologe Ferdinand Freiherr von Richthofen während seiner Chinareisen Mitte des 19. Jahrhunderts das Wort Seidenstraße.

Usbekistan - Samarkand - Teppichknüpferin Nasira
Teppichknüpferin Nasira

Werbeagenturen würden sich heute um ihn reißen. Auch wenn die Straße längst Vergangenheit ist, ihr Mythos ist aktueller denn je. Statt auf schaukelnden Kamelen bereist man sie heute bequem mit dem Bus oder Zug. „450 Mitarbeiter hat das 200 Jahre alte Familienunternehmen“, erzählt Abdullahad und demonstriert wie reißfest Seide ist: „Stärker als Stahl. Wir verwenden nur usbekische Seide aus dem Umland von Taschkent für unsere Teppiche und färben sie mit Naturfarben, die wir aus Granatapfel- und Wallnussschalen, Krappwurzel oder der Indigopflanze gewinnen.“

Samarkand, Chiwa, Buchara, Taschkent - Namen, die so geschmeidig klingen wie der Stoff, der bereits ab 300 vor Christus auf 10.000 Kilometern von Xiang in China über Konstantinopel (Istanbul) bis Rom transportiert wurde. Neben Seide kamen auch Gewürze, Weihrauch, Keramik, Porzellan, Hölzer, Parfüm und Rosenöl in den Westen. Im Gegenzug wurden Glas, Silber, Gold, Wolle, Leinen und Perlen Richtung Osten verkauft.


Teil 1 und 2 des Reisevideos dazu

Weitere Videos finden Sie auf unserer Seite www.reisevideos-online.de


Ausgangspunkt Turkmenistan

Ashgabat in Turkmenistan ist Ausgangpunkt der zweiwöchigen Zugreise. An geschmeidige Seide erinnert hier nichts. In der blitzsauberen Hauptstadt baute sich der ab 1991 regierende Präsident Saparmurat Nijasow, der sich den Namen Turkmenbashi gab, ein Personenkultimperium aus weißem Marmor, das in Teilen an Washington D.C. und Disneyland erinnert. Goldene oder bronzene Abbilder seiner selbst pflastern Parks und Plätze. Als der ehemalige Elektrotechniker 2006 an Herzversagen starb, setzte sein Zahnarzt mit dem fast unaussprechlichen Namen Gurbanguly Berdymuchammedow den Personenkult fort.

Turkmenistand - Ashgabat
Ashgabat

Vom 1952 erbauten Bahnhof verlässt der Zug ein touristisch unterentwickeltes Land, in dem es nur eine Hand voll Ansichtskarten im Postamt zu kaufen gibt und jeder Schritt von Polizisten beobachtet wird. Putzbrigaden halten die menschenleere Stadt fast klinisch rein. Durch braune Steppe und entlang roter Mohnfelder rattert der Zug einem Staat entgegen, in dem der Tourist von Souvenirläden überschwemmt wird: Usbekistan. In jeder Nische einer Medrese (Hochschule), wo früher die Koranschüler wohnten, wird alles rund um Seide angeboten: Schals, Tischdecken, Wandbehänge, Teppiche, Bilder. Der Granatapfelbaum ist das vorrangige Motiv. Er symbolisiert Fruchtbarkeit und Unsterblichkeit. Usbekistan, ein Vielvölkerstaat mit 120 ethnischen Gruppen, Steppen- und Wüstenlandschaften, am Rande des Pamir- und des Tien-Schan-Gebirges.

Buchara, die Edle

Usbekistan - Buchara - Moschee Kalan und Minarett Kalan
Moschee Kalan und das knapp 46 Meter hohe Minarett Kalan

Buchara, die Edle, ist die erste Station. Eine der sieben heiligen Städte der islamischen Welt zwischen Kisilkum- und Karakumwüste. Eine Oase aus Kuppeln, Türmen, Torbögen, verziert mit blauen und grünen Fayencenmosaiken und Majolikafliesen. Mitten in der Altstadt zwischen der Medrese Mire-e-Arab und dem Mausoleum der Samaniden betreibt Davron Toshev ein Geschäft als Miniaturmaler. Seine Werke entstehen hauptsächlich auf handgeschöpftem Seidenpapier aus Samarkand. „Es ist sehr robust und hält Jahrhunderte“, berichtet der Maler: „Auch Goethe soll einst Gedichte auf Seidenpapier aus Samarkand verfasst haben.“

Usbekistan - Buchara - Brokatstickerei von Bakhshillo Djumaev
Brokatstickerei von Bakhshillo Djumaev

In den überdachten Basaren von Buchara haben sich seit dem Zerfall der Sowjetunion viele Handwerker und Händler wieder selbständig gemacht. Bei „Silk Road Spices” von Mirfayz Ubaydov türmen sich Kalebassen mit Tees und Gewürzen. Düfte von Kardamom, Nelken, Koriander, Zimt, Anis, Kümmel, Fenchel und Pfefferminz betören die Sinne. Funken sprühen bei Samat Ikromov. Er ist Schmied in siebter Generation. Papierscheren, Klapp- und Küchenmesser sind beliebte Souvenirs. Wer einen traditionellen Wandbehang oder eine Mütze aus Samt erstehen möchte, der ist in der Brokatstickerei von Bakhshillo Djumaev richtig. Ein besonderes usbekisches Mitbringsel fertigt Iskandar Khakimov. Er ist Handpuppenhersteller. Seine Motive sind Theater- und Märchenfiguren oder interessante Gesichter aus dem Volk.

Usbekistan - Buchara - Handpuppen
Handpuppen von Iskandar Khakimov

Während Touristen durch die Kopfsteinpflasterstraßen der Altstadt schlendern, drehen ein paar Schwäne im Wasserbecken vor dem Ensemble „Labi-Hauz“ ihre Runden. Greise hocken auf Tschorpojas, ehebettähnlichen mit Matratzen belegten Gestellen. Sie schlürfen Tee, sinnieren und lachen. Vielleicht über ein paar Schwänke des Till Eulenspiegel der Region. Das Denkmal von Nasreddin Afandi auf dem Esel steht ein paar Meter entfernt unter schattenspendenden Bäumen. Seine Späße sind im Buch „Wer die Maus unter dem Arm kitzelt“ in einem etwas holprigen Deutsch zusammengefasst. Aber nicht jeder usbekische Scherz trifft auch den deutschen Humor.

Die Oase Chiwa

Usbekistan - Oase Chiwa

Die Stahlkarawane zuckelt tiefer hinein in die Kisilkumwüste, überquert einen der größten Flüsse Zentralasiens, den Amudarja, und stoppt schließlich unweit der Oase Chiwa, einem aus Lehmziegeln erhaltenen Märchen aus 1001 Nacht. Die Altstadt stammt aus dem 18. Jahrhundert. Paläste, Moscheen, Minarette, Mausoleen und Koranschulen sind von einer mächtigen Stadtmauer umschlossen und bilden eines der besterhaltenen Beispiele mittelalterlichen, orientalischen Städtebaus. Chiwas Wahrzeichen ist das Kalta Menar. Ein unvollendeter Stumpf, der einmal das höchste Minarett Zentralasien werden sollte. Doch das Schicksal wollte es anders.

Samarkand

Usbekistan - Samarkand - In der Seidenpapiermanufaktur
In der Seidenpapiermanufaktur

Ankunft in Samarkand. Unweit der Teppichfabrik von Abdullahad Badghisi gründete Zarif Muhtorov in den 1990er Jahren seine Seidenpapiermanufaktur. Aus der Rinde des Maulbeerbaumes stellen er und seine 15 Mitarbeiter wieder Seidenpapier her. 60 Blatt pro Tag in Handarbeit. Drei Frauen sitzen im Hof und ziehen von den Baumästen die Rinde ab, die sie dann mehrere Stunden lang kochen. Danach wird die Masse mittels eines mit Wasserkraft betriebenen Stößelsystems zerstampft bis ein Brei entsteht. Diesen gibt Zarif in einen Wasserbottich. Mit einem rechteckigen Rahmensieb trennt er Wasser und Fasern. Das Wasser tropft ab. Die Fasern verbleiben auf dem Sieb. „Danach werden sie gepresst und schließlich mit Achatstein oder einer Muschel poliert, damit das Blatt glatt und beschreibbar wird“, erklärt Zarif. Zu seinen Kunden zählen Kaligraphen, Miniaturmaler wie Davron Toshev aus Buchara, Buchrestaurateure, Restaurants, die ihre Speisekarten auf Samarkander Papier drucken.

Usbekistan - Samarkand - Registan
Der Registan, der „sandige Platz“

Das Zentrum Samarkands ist der Registan, der „sandige Platz“, mit seinen drei Medresen. Ihre Blütezeit verdankt die Stadt Timur, einem Kriegsherrn, der heute Kultcharakter erlangt und Lenin vom Sockel verdrängt hat. Bei seinen Feldzügen, die sich von Indien bis Europa erstreckten, ließ er die besten Handwerker und Künstler verschleppen. Diese schufen ab dem 14. Jahrhundert jene Architektur, die Samarkand über die Grenzen hinweg bekannt machte. Ulugbek, ein Enkel Timurs, errichtete die erste Medrese im Jahre 1420. Die gegenüber liegende Universität, die Sherdor Medrese („Löwenhaus“) entstand 200 Jahre später und kurz darauf rundete die Tillya Kori, „die Goldgeschmückte“, das Ensemble ab. Das bei der Restaurierung verwendete Blattgold stammt aus dem bayerischen Schwabach bei Nürnberg. Nicht weniger beeindruckend ist die Gräberstadt Schah-e-Sende. 25 Gebäude säumen die „Straße der fünf M’s“: „Mauern, Moscheen, Minarette, Medresen und Mausoleen. Mc Donald’s ist noch nicht dabei“, sagt Reiseleiter Asis und grinst. Grinsen darf der europäische Besucher auch immer wieder in irgendein vors Gesicht gehaltenes Handy. „Photo please“, schallt es plötzlich hinter einer Mauer oder von einer Parkbank. Besonders junge in bodenlange Seidenkleider gehüllte Musliminnen lieben es, ausländische Touristen zu knipsen. Sie zwischen sich zu ziehen und mit ihnen zu posieren. Als Gegenleistung lassen sie dann aber auch gerne ihre Goldzähne vor der Kamera blitzen.

Usbekistan - Samarkand - Usbeken lassen sich gerne fotografieren
Usbeken lassen sich gerne fotografieren

Türkis, lila, blau, grün, ocker sind auch in Samarkand die dominierenden Farben der Bauwerke. Wiederzufinden am kommenden Tag auf dem großen Basar unterhalb der Ruinen der Bibi-Hanim-Moschee, die Feldherr Timur für seine Lieblingsfrau bauen ließ. Hier weicht das Museale der orientalischen Wirklichkeit. Pyramiden von Tomaten, Gurken, Granatäpfeln, bernsteinfarbenem und weißem Kandiszucker und glänzenden, runden Fladenbroten türmen sich an den Marktständen. Daneben stapeln sich Säcke mit Mais, Pistazien, Mandeln und Zwiebeln. Messerschleifer, Hut- und Schuhmacher bieten ihre Dienste an. Ein Markt, so bunt und faszinierend wie das Leben.

Usbekistan - Markt in Samarkand
Markt in Samarkand

Die letzte Station ist Taschkent, nicht minder bestückt mit Moscheen, aber eine moderne Großstadt mit genauso vielen Einwohnern wie Hamburg und der einzigen U-Bahn Zentralasiens. Und von hier dauert ein Flug über die Seidenstraße nach Europa heute gerade mal noch sechs Stunden.



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