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Usbekistan Seidenstraße Mausolemum in BucharaSoviel Gold. Es blitzt aus Mündern, funkelt an Mützen, leuchtet in den Kuppeln der Moscheen und schimmert an den Fassaden der drei hufeisenförmig gruppierten Medresen auf dem Ragestan, dem Hauptplatz von Samarkand. Die klotzig gebauten, filigran gestalteten Prunkfassaden sind Riesenkulissen, die den Beschauer ganz klein halten. Erstaunlich, was der Mensch sich einfallen lässt, wenn ihm verboten ist, sich ein Bild von Seinesgleichen zu machen. Die Arabesken und Ornamente auf den Majolikakacheln - da ist alles reine Form, pure Farbe, bloßer Rhythmus. Nichts, woran der Blick sich festhalten könnte, nichts, was ablenkt von der Versenkung. Doch dem westlich erzogenen Auge fehlen bald die Bilder, die Geschichten erzählen. Dankbar erfasst es die Tiger an der Fassade von Schir-dar, die eine Antilope jagen - endlich hat sich einer mal was getraut!

Wie ein zerfasernder Faden überzog das Wegenetz der Seidenstraße Zentralasien. Zusammengeführt wie in einem Nadelöhr wurde es in den Basaren von Chiwa, Buchara und Samarkand. In den Basaren lebt die Seidenstraße fort: mit den Hügeln blauer oder grauer Rosinen, den Stapeln lehmbraunglänzender Brote, den liebevoll arrangierten Häufchen von Erdbeeren und Tomaten, die die Kolchosefrauen in den ihnen zugestandenen Privatgärten gezogen haben. Täglich ein Fest der Farben, aus dem Rot von Kirschen, dem Grün der Melonen, dem Nachtblau, Sonnengelb und Tiefrosa der großgeblümten Kleider der Frauen. Fröhlich dekoriert ist er, der tägliche Kampf ums Überleben.

Usbekistan Seidenstraße bunte Mützen
Bunte Mützen verraten die Herkunft ihres Trägers

Scharfzüngige Spötterinnen mit mongolischen Zügen winken die Fremden heran, Kinder in dunklen Schulanzügen drücken ordengeschmückten russischen Weltkriegsveteranen ein paar Sum in die Hand: Der Basar atmet etwas von der multikulturellen Atmosphäre der Seidenstraße von einst, vom "warmen Geist" Usbekistans, in dem immerhin 130 Völker unter schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen miteinander zurechtkommen müssen.

In den Handelskuppeln von Buchara lagern die Schätze der Reisenden von heute: Handgeschmiedete Messer, Teppiche, Marionetten, punzierte Kupferschalen. Selbstvergessen wühlen Touristen in luftigen Haufen, wälzen schillernde Ballen mit Mustern wie Pfauengefieder und können gar nicht genug kriegen vom sanften Knistern jenes fast schwerelosen Gespinsts, das einst Völker zueinander führte und einem einfachen Handelsweg einen magischen Klang verlieh: Seidenstraße.

Website des Autors: http://www.franz-lerchenmueller.de






 

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