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Die steinerne Wendeltreppe im Minarett Islam Hodscha von Chiwa ist ausgetreten, glatt und ein Alptraum für Klaustrophoben. Wer den Turm besteigt, tastet sich auf halber Höhe mehrere Meter lang in absoluter Dunkelheit voran, wie durch einen steinernen Maulwurfsgang. Von oben mühen sich Menschen abwärts, Stoff reibt an Stoff, unsichtbare Körper schieben sich aneinander vorbei, nervöses Lachen, unterdrücktes Kichern.

Usbekistan Seidenstraße Besucher in Chiwa
Chiwa von oben

Eine plötzliche körperliche Nähe entsteht, zwischen Menschen, die draußen Sprache, Kultur und Traditionen auf weitem Abstand halten. Von oben dann der Blick auf ein Ensemble aus Ocker und Blau, in dem nur die Kleider der Besucherinnen bunt leuchten. Chiwa zeigt sich als eine Ansammlung aus Kupppeln und Quadern, Mauern und Bögen, die perfekte mittelalterliche islamische Stadt, freilich fast bis zur Leblosigkeit restauriert.

Schachodat singt Suren. Wie klingendes Glas schwingt die Stimme der Reiseleiterin in der alten Moschee, untermalt vom Gurren der Tauben hoch in der Kuppel. "Die Religion zerstreut sich wie ein Nebel", hatte Ulughbek behauptet, der kluge Herrscher Transoxaniens im 15. Jahrhundert, "die Werke der Wissenschaft aber bleiben ewig." Er hat erstmal nicht recht behalten. Seit der Unabhängigkeit Usbekistans ist der Islam zurückgekehrt in die Öffentlichkeit.

Usbekistan Seidenstraße Moschee Pahlawan
Die Moschee Pahlawan Mahmud in Chiwa

Neue Moscheen wurden gebaut, alte "aktiviert", mittlerweile wurde gar eine Medrese, eine Religionsschule für Frauen eröffnet. "Gütig sein und im Herzen an Gott glauben", so beschreibt Schachodats Kollege Otabek den "sanften Islam" Usbekistans. Strenges Fasten oder die penible Einhaltung der fünf täglichen Gebete ist Sache der wenigsten Gläubigen. Frauen tragen keine Schleier, nicht mehr seit den zwanziger Jahren, als sie sie im Zuge der russischen Revolution öffentlich verbrannten - was heute freilich gern vergessen wird. Im Land wird Bier gebraut und Wein gekeltert, und beschließen die Usbeken, Besuchern ihre überströmende Gastfreundlichkeit angedeihen zu lassen, kreist nicht nur eine einzige Wodkaflasche.

Die Kinder am Labi Hauz, dem Zentralteich von Buchara, sind pfiffig, charmant, neugierig und aufdringlich. Für die Jüngeren ist "Fremde gucken" noch ein lustiges Spiel: "Hello, what's your name?", die Älteren schieben schon ein routiniertes "Pencil, madame?" nach. Noch gibt es Männer, die sie zurechtweisen, wenn sie im Pulk einer Touristin folgen und sich halb totlachen, dass die Lady 15 Dollar für einen Seidenschal hinblättert. Noch geben sich auch die Souvenirverkäufer sehr zurückhaltend, verglichen mit anderen Touristenzielen desselben historischen Kalibers. 270.000 Besucher zählte Usbekistan im vergangenen Jahr. Damit ist der Tourismus nach Baumwolle, Bergbau und Erdöl der viertgrößte Devisenbringer. Und er soll noch weiter nach vorn: 250 Millionen Dollar investiert die Regierung während der nächsten fünf Jahre in Straßenbau, Ausbildung, Marketing und die Anschaffung von Bussen. Mehr Ausländer sollen das Land bereisen. Am Labi Hauz von Buchara kommen sie alle vorbei.






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