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Soviel Seide, soviel Gold

Usbekistan: Skizzen vom Rand der Seidenstraße

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Usbekistan Seidenstraße alter Mann in Sharizabs

Es gab die Seidenstraße nicht. Es gab seit dem 6. Jahrhundert v.Chr. ein Gewirr von Pfaden und Wegen entlang zweier Hauptrouten, die China und Europa verbanden, über die auch Diamanten, Rosenöl, Glas, Wolle und Sklaven transportiert wurden. Der Buddhismus fand hier von Ost nach West, der Islam nahm später den umgekehrten Weg. Die heutige Straße von Urgench nach Samarkand verläuft auf einer dieser Trassen. Immer wieder stehen Schlagbäume, kontrollieren Soldaten Autos und Papiere. Längst ist die Seidenstraße zum Transportweg eines ganz anderen Stoffes geworden: Rauschgift. Und dass islamische Fundamentalisten über diese Strecke Waffen erhielten, heißt es, wolle man auch unterbinden.

Tamara Chamrajewa steckt im Stress. Die Bäuerin hat sich Untermieter ins Haus geholt, eine Gesellschaft hunderter gieriger Feinschmecker mit anspruchsvollem Geschmack: Alle eineinhalb Stunden erwartet die wimmelnde Menge auf dem Bett aus Zweigen in dem abgedunkelten Schuppen eine neue Lage frischer Blätter, karrenweise führt die Familie Äste nachhause, viele der Maulbeerbäume an der Straße sind schon ganz kahlgeschlagen. Noch zwei Wochen wird das so gehen, dann haben die elfenbeinfarbenen Gäste sich sattgefressen fürs Leben und gehen an die Arbeit: Sorgfältig spinnen sie sich in eine weißgraue Kapsel aus einem feinen, mehrere hundert Meter langen Faden, und erstarren, irgendwo in den Genen die feste Überzeugung, bald als fröhliche Flatterer wieder aufzuerstehen.

Usbekistan Seidenstraße Kinder
Kinder in Khorezme

Daraus wird nichts. Denn jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Tamara Chamrajeva und die ganze Kolchose ihre Kokons in der Spinnerei abliefert, 240 Kilo insgesamt im letzten Jahr. Gnadenlos endet das Insektenleben in heißem Wasser, der Faden der Hülle aber wird sorgfältig aufgespult, handelt es sich hier doch um den Stoff für den Stoff, der nicht nur der Straße, die hier vorbeiführt, den Namen gab, sondern einen Mythos schuf: die Seidenstraße.

Ein Rinnsal! Der mächtige Amur Darja, als Oxus einst Namensgeber des Riesenreiches Transoxanien, windet sich in seinem breiten Kiesbett wie ein unscheinbares Bächlein. Kräftig angezapft wurde er in seinem Oberlauf schon lange, meist versickerte er in den letzten Jahren irgendwo im Sand, ehe er den Aral-See erreichte. Dieses Jahr aber verschärft ein extrem trockener Frühling die Lage.

Usbekistan Seidenstraße Blick auf Chiwa
Blick auf die Stadt Chiwa

Als ob eine Schlagader abgedrückt würde: Das Wasser des Amur Darja dient nicht nur zur Bewässerung, die salzigen Böden sind überhaupt nur zu bebauen, wenn sie zuvor unter Wasser gesetzt und entsalzt wurden: Zwei Kubikmeter Süßwasser pro Quadratmeter Ackerland sind nötig. Ohne Wasser dehnt Kisilikum sich aus, die "Rote Wüste", mit Saxaulbüschen, Tamarisken und weißen Salzschleiern. Ohne Wasser ziehen bald Hirten mit ihren Karakulschafen, wo jetzt Weizenfelder stehen und Frauen über endlosen Furchen kauern und Baumwollschösslinge vereinzeln.






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