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Usbekistan im Überblick

Transoxanien – „Land jenseits des Oxus“ – hieß vorzeiten die unwirtliche Wüstenregion zwischen Amudarja und Syrdarja. Sie war die große Bühne für die Mächtigen der Welt, die aus allen Himmelsrichtungen in das Herzland Mittelasiens einfielen. Persiens König Kyros zählte dazu und der Makedonier Alexander der Große.

Hunnenfürsten und chinesische Herrscher zogen hindurch, gefolgt von den Reiterheeren der Araber, mit denen der Islam ins Land kam und die Entwicklung dieser Weltgegend prägte. Dschingis Khan, der Mongolendespot, trat hier auf und sein Urenkel Timur, den man in Europa den „Schrecklichen“ nannte, fand Gefallen an den Flussoasen und blieb. Später griffen die russischen Zaren nach dem Landstrich. Die Sowjetmacht schließlich war das letzte Glied in einer Kette von Fremdherrschaften, die bei aller despotischen Neigung zumeist noch genug Raum ließen für die Begegnung der Weltreligionen, für kulturellen und wissenschaftlichen Austausch.


Es war die „Seidenstraße“, die dem Strom der Ideen die Richtung wies – jene legendäre, die Küsten der Levante mit dem fernöstlichen China verbindende transkontinentale Handelsroute. Andere bedeutende Handelswege wie die von Bagdad über Teheran heranführende „Goldene Straße“ kreuzten hier die Ost-West-Magistrale. Taschkent, Buchara, Samarkand, Chiwa, die berühmten Oasenstädte, waren die kostbaren Perlen in diesem Straßengeflecht, die den Karawanen Rast boten, ihnen gute Geschäfte versprachen und die Strapazen des Reisens in märchenhafter Umgebung vergessen ließen.
Doch neue Seewege nach Fernost lenkten die Warenströme um – die Quellen des Reichtums versiegten. Mittelasiens große Zeit war Vergangenheit.

Mali

Foto: © kosoff - Fotolia.com

Was islamische Baukunst und Lebensart in ihrer Glanzzeit vollbrachten, lässt sich in den Oasenstädten wie in einem Freilichtmuseum bestaunen – mit der Ausnahme von Taschkent, und das hat einen tragischen Hintergrund: 1966 wurde ein großer Teil der historischen Bausubstanz bei einem Erdbeben zerstört. Dennoch gleicht ein Bummel durch die usbekische Hauptstadt dem Besuch eines Architekturmuseums. Nur trifft man kaum noch auf die Ikonen islamischer Baukunst, dafür entdeckt man unzählige Formen kunstvoll ornamentierter Fassadenbauteile und standardisierter Sonnenschutzelemente, deren Muster geometrischen Formen und floralen Elementen der islamischen Baugeschichte entstammen. Der Wiederaufbau Taschkents erhielt absolute Priorität. Die besten Städtebauexperten aller Sowjetrepubliken machten sich mit erstaunlich viel Spielraum für Gestaltungsfreiheit an die Errichtung einer Modellstadt des Plattenbaus. Der Schriftsteller Martin Mosebach beschrieb kürzlich Taschkent als die „Stadt mit den schönsten Plattenbauten der Welt, mit Betonerkern, kühnen Treppentürmen, mit Betonschmuckteilen, Atelierfenstern, runden Kajütenluken und unregelmäßig geformten, hundertfach übereinander getürmten Balkons“. Auch die Kuppelbauten des großen Basars und des Staatszirkus` wie auch die einzige Metro Zentralasiens stammen aus der Wiederaufbauphase.

Aus postsowjetischer Zeit, als das Land seinen eigenen Weg suchte, die Moderne mit der nationalen Identität zu vereinen, stammen die Bauten einer usbekischen Staatsarchitektur, monumentale Gebäude, angelehnt an orientalische Vorbilder, entstanden aus kostbaren Materialien mit Hilfe traditioneller Handwerkskunst – von Kritikern als „architektonische tour de force“ bezeichnet. Herausragende Beispiele sind das Parlamentsgebäude mit einer riesigen türkisblauen Kuppel, das Timuriden-Museum und das Rathaus.
Und es gibt sie doch noch, wenn auch nur als Stadtrest und von den Stadtplanern längst abgeschrieben: die Altstadt, arg bedrängt von den neuen Glitzerpalästen, nicht gerade attraktiv, aber noch immer ein Ort der Stille mit seinen Sackgassen und fensterlosen Lehmmauern. Einige Medresen (theologische Hochschulen) aus dem 16. Jahrhundert, Mausoleen, Moscheen und ein Basar haben hier das Erdbeben überlebt.

Wem es nach dem „reinen Orient“ verlangt, der sollte einen Inlandsflug von der Metropole nach Urgentsch im Westen nahe der Grenze zu Turkmenistan unternehmen und dann noch 50 km in die Karakum-Wüste hineinfahren nach Chiwa. Die Oasenstadt war einst für Karawanen letzter Rastplatz vor der Durchquerung der Wüste nach Persien. Bei diesem Ansturm verheißungsvoller Düfte, intensiver Farben, fremdartiger Architekturen aus Lehm und sonnengebrannten Ziegeln, prächtiger Majolika-Dekors in Türkis und Blau werden romantische Träume vom Orient wahr. Eine mehrere Kilometer lange und bis zu 10 m hohe Ziegelmauer umschließt die faszinierende Altstadt „Itchan Kala“. In ihrem Zentrum, rund um die Zitadelle Kunja Ark, drängen sich die Mausoleen und Medresen, die verschwiegenen Wohnquartiere und Paläste, Moscheen und Minarette eines halben Jahrtausends, als Chiwa Hauptstadt des unabhängigen Khanats gleichen Namens war, unglaublich reich dank ausgeklügelter Bewässerungssysteme und einträglicher Kontrolle der Handelswege.

Buchara oder Samarkand – welcher der prächtigen Städte gebührt die Krone? Ein alter, unergiebiger Streit. Buchara wurde nie von Eroberern zerstört, seine Altstadt ist wohlerhalten, an die 140 Baudenkmäler machen „die Edle“, wie sie seit alten Zeiten genannt wird, zu einem gigantischen Freilichtmuseum. Samarkand dagegen erlitt ein Auf und Ab an Zerstörungen und Wiederaufbau bis Timur, der von der Weltherrschaft träumende Mongolenfürst, die Stadt zu seiner Residenz erhob und ein kurzlebiges Großreich errichtete. Am Registan-Platz, dem wohl schönsten aller orientalischen Plätze, verdichten sich Machtstreben und künstlerische Ausgestaltung in unvergleichlicher Weise. Drei fayencegeschmückte Medresen formieren sich hier zu einem atemberaubenden Ensemble. Nicht minder beeindruckend die ornamentübersäte, ruinenhafte Bibi-Chanym-Moschee, die als größtes Gebetshaus der muslimischen Welt geplant war, aber den Erdbeben nicht widerstand. Oder das palastartige Mausoleum Gur-Emir, wo Timur und seine Söhne sowie sein Enkel Ulug Beg, der ein milder Herrscher und zugleich berühmter Astronom war, begraben sind. Samarkands Meisterwerke, überragende Beispiele kultureller Kreativität, waren richtungweisend für die Entwicklung der islamischen Architektur zwischen Mittelmeer und indischem Subkontinent.

Buchara, Usbekistan

Palast in Buchara
Foto: © Galyna Andrushko - Fotolia.com

Und nun Buchara in der Oase des Goldflusses (Serafschan) mit einer der am besten erhaltenen Altstädte der islamischen Welt, die alles bereit hält, wonach „Orientsüchtige“ verlangen: winklige Gassen, lauschige Innenhöfe, die Karawanserei und einen malerischen Basar, in dem traditionell gekleidete Händler und Bauern ihre Waren anbieten. Dazu gesellen sich unzählige architektonische Kostbarkeiten wie das berühmte Ismail-Samani-Mausoleum, ältestes islamisches Bauwerk Mittelasiens (10. Jahrh.). Es erinnert an die Herrschaft der iranischen Samaniden-Dynastie, die hier den ersten islamischen Staat gründete oder die Kaljan-Moschee und ihr 45 m hohes Minarett, das Wahrzeichen Bucharas, aus dem 12. Jahrh., die ehrwürdige Medrese Mir-i-Arab (16. Jahrh.) oder die Abdul-Aziz-Medrese mit Ornamentierungen, wie man sie nirgendwo sonst in Mittelasien kennt.

Aber auch das weniger bekannte Shar-i-Sabs sollte auf einer Rundreise besucht werden. Wie Buchara, Samarkand und Chiwas „Itchan Kala“ wurde die legendäre Geburtsstadt Timurs in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. In ihrem historischen Zentrum kann des „Schrecklichen“ Sommerpalast „Ak Serai“ (Weißes Schloss) besichtigt werden sowie herrliche Mausoleen und die Moscheen Gök-Gumbas und Khasrati-Imam. Und auch Timur selbst, seit 1996 auf hohem Sockel stehend, ist zu bestaunen – er, der mit seinem letzten Atemzug nur nach „einem Stein mit meinem Namen darauf“ verlangt hatte, seine ewige Ruhestätte aber in Samarkands prachtvollem Gur-Emir-Mausoleum fand und noch zahllose andere Podeste krönt. Etwa in Taschkent, wo er auf bronzenem Ross reitend, 1993 Marx und Engels vom Sockel stieß, die ihrerseits 1967 Stalin verdrängt hatten, welcher 1940 der symbolischen Skulptur „Befreiung der Arbeit“ gefolgt war, die nach der Revolution 1917 das Standbild des deutschstämmigen zaristischen Gouverneurs Kaufmann ersetzt hatte. . . Denkmalwechsel – Zeitenwechsel.

Eckart Fiene


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