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Ein brodelndes Zauberland

Winter im Yellowstone Nationalpark

USA - Unterwegs im winterlichen Yellowstone Nationalpark

Text und Fotos: Volker Mehnert

Wer einmal den Massenansturm im sommerlichen Yellowstone erlebt hat, wird staunen, wie wenig Menschen man im Winter trifft. Es gibt keine drängelnden Besucherpulks vor den brodelnden Schlammlöchern und keine Staus auf den Straßen, denn der Park ist von November bis April für den Autoverkehr gesperrt. Erlaubt sind zwar Schneemobile, doch die sammeln sich nur an wenigen Knotenpunkten zu einer knatternden Horde, die sich schnell wieder auflöst. Selbst an einem sonnigen Sonntagnachmittag warten deshalb nicht mehr als zweihundert Menschen auf den nächsten Seufzer von Old Faithful, dem berühmtesten Geysir Amerikas, der an manchen Sommertagen Zehntausende von Neugierigen anlockt.

USA - Bisons im Yellowstone Nationalpark

Trotz Schnee: die Bisons können grasen

Der Park dampft: aus Geysiren, Erdspalten und Schlammlöchern, aus Canyons, Wäldern und Wiesen. Wegen der eisigen Wintertemperaturen dampfen auch die Bäche und Flüsse, die von warmen Quellen gespeist werden. Manchmal dampft sogar der Schnee. Vor allem frühmorgens scheint sich der Yellowstone Nationalpark in unzählige weiße Wolken aufzulösen, er zeigt dann noch deutlicher als sonst, dass er auf einer Caldera sitzt, die vor einer halben Million Jahren bei einer gewaltigen Eruption entstand - ein vulkanischer Kochtopf, der seither nicht zur Ruhe gekommen ist.Der Winter verstärkt die optische Wirkung der geothermischen Phänomene auf dramatische Weise, denn dann kämpft das Eis auf der Erdoberfläche mit dem Feuer aus dem Erdinneren, und je heftiger dieser Kampf ausfällt, desto dichter steigt der Dampf auf.

Meterdicke Eiszapfen

Fumarolen, die bei warmen Temperaturen nicht sichtbar sind, treten zutage, die Fontänen steigen höher gen Himmel als zu anderen Jahreszeiten. Das Sprühwasser von über dreihundert Geysiren (Foto unten) gefriert in der Luft und fällt in dicken Körnern zurück auf den Boden. Auf den Bäumen in der Nähe von heißen Quellen addieren sich immer neue Rauhreif-Schichten zu bizarren Eisskulpturen. Schneeflocken fallen in einen kochenden Tümpel, und gleich nebenan gefriert ein Wasserfall zu meterdicken Eiszapfen. Im Sommer mag Yellowstone ein geologisches Wunder sein, im Winter ist der Park noch dazu voller Magie - ein weißes, brodelndes Zauberland.

USA - Geysir im winterlichen Yellowstone Nationalpark

In einer solchen Umgebung können sich Wahrheit, Spinnerei und Aberglaube auf Beste vermischten. Eine der ständig wiederholten Behauptungen freilich ist durchaus realistisch: “Man kann einen Fisch im eisigen Wasser fangen und ihn gleich in einen siedenden Tümpel hängen und kochen, ohne ihn jemals vom Haken zu nehmen”. Ähnliche Geschichten hört man immer wieder: Ein Ranger erzählt, dass er gelegentlich ein Hühnchen in Alufolie verpacke, es auf der Fahrt zur Arbeit an einer bestimmten Stelle in der Erde vergrabe und es auf dem Rückweg sanft gegart mit nach Hause nehme.

Die Bären halten Winterschlaf

Die ständig veränderte Mischung von Warm und Kalt schafft eigentümliche Mikroklimata: Am Ufer eines dick vereisten Sees sieht man große schneefreie Flächen, und an einigen Stellen des schlafenden Winterwaldes wachsen üppige Pflanzen. Mitten auf einer tief verschneiten Wiese treten Grasbüschel hervor, in denen es von Insekten wimmelt. Die aufgeheizte Erde ist der Grund dafür, dass sich in Yellowstone so viele Tiere versammeln; sie suchen Wärme und ein wenig Nahrung. Und da sie sich so wenig wie möglich bewegen, um Kalorien zu sparen, lässt sich im Winter ziemlich genau voraussagen, wo sie sich aufhalten.

USA - Winterlandschaft im Yellowstone Nationalpark

Warme Dampfschwaden über kaltem Schnee

Die Park Ranger jedenfalls wissen, an welchem Flussufer die Wapiti-Hirsche nach Algen suchen, wo Dickhornschafe auf dem Boden liegen und ihre Körper wärmen, in welcher Niederung die Bisons grasen, wo Schwäne und Enten auf einem lauwarmen Teich schwimmen und wo die Wolfsrudel ihr winterliches Revier abgesteckt haben. Nur die Wege der Kojoten sind schwer vorhersehbar, aber auf sie trifft man sowieso überall. Ganz verschwunden jedoch sind die Bären, sie halten Winterschlaf und lassen sich erst im Frühjahr wieder blicken.

Auf den Spuren der Wölfe

Wer abseits der Straße auf Skiern oder Schneeschuhen unterwegs ist, stapft stundenlang völlig allein durch den Schnee. Skilifte sind innerhalb des Nationalparks nicht erlaubt, doch liegen vor seinen Toren zwei der schönsten und anspruchsvollsten Skigebiete Nordamerikas: Big Sky in Montana und Jackson Hole in Wyoming. Von dort aus werden für Gäste täglich Touren in den Nationalpark angeboten, so dass sich der Skiurlaub bestens mit Wintererlebnissen in Yellowstone verbinden lässt.

USA - Mit Schneemobil durch den Yellowstone Nationalpark

Mit dem Schneemobil durch die Wildnis von Yellowstone

Eine der Hauptattraktionen im Winter sind die Wölfe. Während der geführten Ausflüge, die von Park Rangern hervorragend vorbereitet und kommentiert werden, kann man mit etwas Glück das Jagdverhalten der Tiere studieren: Ein Rudel Wölfe spürt eine Herde Wapiti-Hirsche auf, umkreist und beschnuppert sie, immer auf der Suche nach einem schwachen Tier. Ist das gefunden, wird es von der Herde abgesondert und dann zur Strecke gebracht. Seit der Rückkehr der Wölfe mussten viele kranke und überalterte Hirsche ihr Leben lassen, was insgesamt zur Gesundung des Bestandes beigetragen hat. Auch andere Tiere, vor allem Aasfresser, profitieren von der Jagd der Wölfe und verzehren die Reste: Raben, Elstern und Adler, aber auch Kojoten, Füchse und sogar Grizzlybären. Selbst für Käfer und Insekten fällt am Ende noch etwas ab.

USA - Abendstimmung im Yellowstone Nationalpark

Mysteriöse Abendstimmung

Und auch die Wölfe scheinen sich in Yellowstone gut eingelebt zu haben: Heute gibt es dort wieder über hundertfünfzig Tiere, die ihre Reviere so weit ausgedehnt haben, dass das natürliche Wachstum der Population bereits nachlässt. Ihre Rückführung gilt allgemein als erfolgreiche Maßnahme, und die kontroverse Debatte, einst landesweit geführt, ist weitgehend abgeklungen. Im Winter zumindest ist in Yellowstone Platz genug für alle.

 

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