Auch New York muss manchmal schlafen
Staten Island lebt glücklich als Stiefkind der Metropolis
Text und Fotos: Axel Pinck
Wer nicht gerade an der Pier von St. George im Norden von Staten Island nach einer Fähre Ausschau hält und in der Ferne die Wolkenkratzer der Metropole erkennt, mag kaum glauben, in derselben Stadt zu sein, die für die Welt allein aus dem Times Square und den Häuserschluchten um die Fifth Avenue zu bestehen scheint.
James McBratney ist Staten Islander - aus Überzeugung und von Geburt. “Meine Eltern stammen von hier, alle vier Großeltern auch“, betont der hoch gewachsene irischstämmige Wirt, der ungeachtet seiner Herkunft ein traditionsreiches italienisches Pizzalokal führt. Sein „Jimmy Max“ ist mittags und abends meist ausgebucht. Sein Klassiker ist eine Pizza mit dünnem Teig, Tomatensauce und Basilikum. „Die gibt es auch in New York nicht besser“ sagt James und meint damit natürlich Manhattan. Dessen Skyline liegt keine neun Kilometer entfernt.

Blick auf Manhattan von der Staten Island Ferry
Von den mehr als acht Millionen Bewohnern der Megapolis leben nicht einmal eine halbe Million in Staten Island. Dabei ist die 22 km lange und bis zu 12 km breite hügelige Insel fast drei Mal so groß wie Manhattan. Bevor die 1964 eingeweihte Verrazano Narrows Bridge eine Verbindung zu Brooklyn herstellte, zählte die Insel sogar nur knapp der Hälfte der heutigen Bewohner. Bis dahin konnten Autofahrer aus Manhattan Staten Island nur mit einem Umweg über New Jersey erreichen oder im Bauch der orangeroten Schiffe der Staten Island Ferry.
20 Mio. Gäste pro Jahr
Die städtische Fährlinie feierte vor Kurzem ihren 100. Geburtstag. Private Vorläufer segelten schon 1713 mit Passagieren und Fracht auf der knapp achteinhalb Kilometer langen Strecke quer durch die Upper New York Bay. Der gebürtige Staten Islander und spätere Eisenbahn- und Reedertycoon „Commodore“ Cornelius Vanderbilt begründete schon mit 16 Jahren seinen sagenhaften Reichtum, als er um 1810 einen Transportservice von seiner Heimatinsel nach Manhattan startete, den er später zu einem regelmäßigen Fährdienst ausbaute. Im Jahre 1817 begann mit der „Nautilus“ das Zeitalter der Dampfschiffe. Und seit 1905 pflügen die zunächst weiß und seit 1926 in leuchtendem Orange gestrichenen Fährboote über die Bay. Die Schiffe operieren rund um die Uhr und kommen auf erstaunliche 33 000 Passagen im Jahr mit insgesamt fast 20 Millionen Gästen an Bord.

Staten Island Ferry
Für Fußgänger und Fahrradfahrer ist die Tour seit 1997 unentgeltlich, Autos werden seit den Anschlägen vom September 2001 nicht mehr befördert. Nachdem die Passage die ersten 70 Jahre 5 Cent kostete, wurde der Fährpreis 1975 auf 25 Cent heraufgesetzt. Als die Stadtverwaltung ihn 1990 auf 50 Cent verdoppelte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Die Auseinandersetzungen wollten nicht zur Ruhe kommen. Schließlich bereiteten Bürgerinitiativen eine Verfassungsklage vor, da Staten Island der einzige New Yorker Bezirk war, den man nur nach Zahlung einer Gebühr verlassen könnte. Auch die Verrazano-Autobahnbrücke nach Brooklyn und die drei Brücken nach New Jersey sind nicht kostenfrei sondern mautpflichtig.
Eine knappe halbe Stunde dauert die Fahrt vom Whitehall Fährbahnhof an der Südspitze Manhattans bis zum neu gestalteten St. George Terminal ganz im Norden von Staten Island. Nach einem Unfall mit einem Dutzend Toten im Oktober 2003, als der Fährdampfer Andrew J. Barberi ungebremst in den Hafen raste, wurde ein ganz moderner Anleger errichtet, flankiert von einem Memorial für die Opfer des Anschlages auf die Twin Tower von Manhattan. Gleich daneben füllen in der Saison von Juni bis September knapp 7000 Baseballfans das Stadion zu den Spielen der Staten Island Yankees, einer Profimannschaft der Minor League.

9/11 Memorial
Für Touristen und viele New Yorker ist die kostenlose Rundfahrt mit der Staten Island Ferry zur Insel und gleich wieder zurück ein beliebter Sightseeing Trip. Nach dem Ablegen in Manhattan werden die Wolkenkratzer des Financial District schnell kleiner. Steuerbord ziehen die Freiheitsstatue und Ellis Island vorbei, backbord passiert das Schiff Governors Island mit den historischen Befestigungen Fort Jay und Castle Williams. An Piers und Terminals des New Yorker Hafens in Brooklyn und Jersey City löschen Frachtschiffe aus aller Welt ihre Ladung, werden Massengut, Container und Autos umgeschlagen. Bevor das Boot zum Fährterminal auf Staten Island einschwenkt, lässt sich noch weiter im Süden die Verrazano Narrows Bridge ausmachen. Die 1311 m lange Hängebrücke überspannt die Mündung des Hudson River in den Atlantischen Ozean.
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