Reisemagazin schwarzaufweiss

Von Afrika nach Amerika

Auf den Sea islands vor der Küste von South Carolina und Georgia

Text und Fotos: Volker Mehnert

USA Sea Islands Marschland

Reis war das Produkt, das die Sea Islands im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert berühmt gemacht hatte, und die schwarzen Sklaven aus Westafrika waren der Schlüssel zum Erfolg. Sie mussten nicht nur, wie anderswo in Amerika, auf den Feldern schuften, sie brachten aus ihrer Heimat auch das Know-how mit: Wie man Reis in einer Landschaft anbaut, die zweimal am Tag von den Gezeiten des Ozeans überflutet wird, das hatten sie an der Küste von Sierra Leone von ihren Vorfahren gelernt.

Sie vollbrachten eine gewaltige Leistung: Mit Händen, Schaufeln und Einfallsreichtum verwandelten sie ein dicht bewaldetes Sumpf- und Marschland in achtzigtausend Hektar Reisfelder, genial bewässert mit dem Süßwasser der Flüsse durch ein System von Gräben, Deichen und Schleusen. Die Natur trug ihren Teil dazu bei: Im Winter fließt warmes Wasser aus dem Golfstrom zwischen den Inseln hindurch, im Sommer bringt das Meer Kühlung bis hinein in die Ebene. Die Sklaven hatten, verglichen mit Sklaven anderswo, ein erträgliches Dasein, und die Pflanzer wurden mit dem „Carolina Gold“, das zeitweise den gesamten nordamerikanischen Reismarkt versorgte, unermesslich reich.

USA Sea Islands Plantation

So lebten die Reispflanzer

Am Ende des amerikanischen Bürgerkriegs aber war die Reisproduktion zusammengebrochen, die weißen Herren hatten sich zurückgezogen, und die befreiten Sklaven organisierten eine bescheidene Form der Selbstversorgung. Mit der Zeit holte sich die Natur die Reisfelder zurück. Viele Deiche brachen, die Felder wurden dem Rhythmus der Gezeiten überlassen und vom Schilf überwuchert. Nur aus der Luft erkennt man heute noch hier und da einige Relikte des Reisanbaus. Geblieben sind vor der Küste von South Carolina hundertsiebzigtausend Hektar Marschland und Feuchtgebiete. Das sogenannte Lowland ist eine Welt aus Land und Wasser, aus Flussmündungen und Meeresarmen, aus Sümpfen und Prielen, aus niedriger Marsch, die zweimal am Tag geflutet wird, und hoher Marsch, die nur bei Stürmen überschwemmt ist.

200 Jahre Sklaverei und Geschichte

Die Inseln wurden vergessen. Als 1969 im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung Pat Conroy, ein idealistisch gesinnter Lehrer, auf Daufuskie Island eintraf, um dort zu unterrichten, fand er Kinder vor, die den Namen des Präsidenten nicht kannten, nicht einmal wussten, in welchem Land sie lebten, nicht schreiben, lesen oder zählen konnten. „Meine Anstrengungen,“ so Conroy, „konnten das Gewicht von zweihundert Jahren Sklaverei und Geschichte nicht neutralisieren.“

USA Sea Islands Wasserweg

Im Auf und Ab von Ebbe und Flut

Im Zuge dieser Geschichte freilich hatten die Gullah People eine eigene Sprache entwickelt und beibehalten, die sich aus vereinfachten englischen Worten und afrikanischen Sprachstrukturen und Sprachmelodien zusammensetzt. Sie sangen Lieder und erzählten Geschichten, die sich nach Sierra Leone, Ghana und in den Senegal zurückverfolgen lassen. Die Muster der Körbe, die sie bis heute aus Schilfgras herstellen, ähneln denen in Nigeria und Togo. In winzigen Bretterbuden, sogenannten Shouthouses, und einigen vereinzelten Kirchen praktizierten sie eine christlich-heidnische Religion. Gullah war das letzte lebendige Bindeglied der Afro-Amerikaner zur Heimat ihrer Vorfahren. Doch damit waren sie nicht gegen den Sturm gefeit, der in den vergangenen Jahrzehnten vom amerikanischen Festland her über ihre Inseln hinweggefegt ist.

USA Sea Islands Urlaubsträume

Urlaubsträume

Schon früh setzten sich die Architekten von Urlaubsträumen auf der Insel Hilton Head fest. 1956 entstand dort Sea Pines, eine erste vollständig durchgeplante Ferienkolonie. Kein Gebäude darin sollte höher sein als der größte Magnolienbaum, der Ausbau im Einklang mit der Natur voranschreiten. Heute ist man stolz auf „fünfzig Jahre verantwortungsvolle Entwicklung“, und zweifellos wurden die Bausünden anderer Ferienregionen vermieden. Das selbstproklamierte ökologische Paradies aber ist reserviert für Auserwählte. Einige Gullah People wohnen noch in bescheidenen Häusern außerhalb der abgeschotteten Wohnviertel, aber weil fleißig weiter gebaut wird, dürften ihre Tage gezählt sein.

Golf statt Gullah

Die Gullah-Kultur - auf den südlichen Inseln vor Georgia auch Geechee genannt - hat nur wenige sichtbare Spuren hinterlassen. Sie existiert vor allem in den Köpfen der Menschen, und deshalb ist sie um so anfälliger. Als man in den siebziger Jahren versuchte, den Kindern mehr Bildungschancen zu geben, galt die Sprache als „broken English“, und viele Gullah People gaben sie auf. Jahrelang wollten vor allem junge Menschen mit Gullah nicht identifiziert werden und verließen die Inseln. Inzwischen versuchen einige zu erhalten, was übrig ist.

USA Sea Islands Shout House

Ein typisches "Shouthouse"

Aber viel ist nicht geblieben. Von den einst hundertfünfzig Shouthouses auf St. Helena Island sind nur noch zwei übrig. Auf einigen Friedhöfen kann man Gräber sehen, in denen die Menschen mit dem Gesicht nach Osten beerdigt wurden, damit ihre Seelen leichter den Weg zurück nach Afrika finden könnten. Das Penn Center, einst die erste Schule in Nordamerika für befreite Sklaven, kümmert sich ebenfalls um das kulturelle Erbe der Schwarzen, hat eine Ausstellung mit Fotos aus dem neunzehnten Jahrhundert eingerichtet, hält Seminare und Fortbildungen ab. An diesen symbolischen Ort hatte sich 1963 auch Martin Luther King zurückgezogen, um den Marsch auf Washington vorzubereiten.

USA Sea Islands Country Club

Tor zu einem Country Club

Golf hat Gullah auf Kiawah Island und anderen Inseln inzwischen vollständig verdrängt. „The Sanctuary“ heißt zutreffend das einzige Hotel am kilometerlangen Sandstrand, luxuriös und unaufdringlich eingepasst in Dünenlandschaft, Golfbahnen und Palmenhaine - ein geschütztes Refugium für betuchte Urlauber. Seit 1975 gibt es auf Kiawah Island einen Entwicklungsplan, der vorgibt, die natürliche Schönheit der Landschaft, ihre Feuchtgebiete und ihren Tierbestand zu erhalten. Fährt man über den Kiawah Island Parkway, die Inselstraße, sieht man zu beiden Seiten tatsächlich fast ausschließlich dichte Vorhänge aus üppigem Grün. Aus der Luft freilich erkennt man, dass die Insel inzwischen voll erschlossen ist.

Das Flair der alten Südstaaten

Dass es anders geht, lässt sich auf Pawleys Island besichtigen. Dort hat sich auf der ehemaligen Litchfield Plantation eine Hotelanlage angesiedelt, die nicht jeden Quadratmeter für Villen und Golfplätze ausnutzt. Das Gelände wird als Park erhalten, in dem sich das einstige Herrenhaus und einige Nebengebäude auf angenehme Weise verlieren. Uralte Eichenalleen und Waldstücke blieben unangetastet, das Flussufer ist mit dichtem Schilf bestanden, das Flair der alten Südstaaten lebendig geblieben. In der Nachbarschaft liegen die Brookgreen Gardens, in denen fünftausend Hektar gepflegte Parkanlagen in eine natürlich erhaltene Marschlandschaft übergehen. Flora und Fauna der amerikanischen Ostküste sind hier reichlich vertreten, und eine bemerkenswerte Sammlung von mehr als zwölfhundert Skulpturen amerikanischer Künstler ergänzt die Reize der Natur.

USA Sea Islands Daufuskie Island

Daufuskie Island: Noch hat die Natur das Sagen

Auf Daufuskie Island wiederum kann man den Umbruch miterleben. Die Insel ist eine der wenigen, die nur per Schiff zu erreichen sind. Bisher gibt es dort lediglich das Daufuskie Island Resort, das sich mit seiner karibisch angehauchten Architektur und den in Palmenhainen versteckten Villen harmonisch in die Uferzone einpasst. Ansonsten bestimmen Eichenwälder die Landschaft, und darin verstecken sich die unscheinbaren Häuschen der rund zweihundert Einwohner. Außerhalb der Hotelanlage gibt es einen einzigen Laden und ein Restaurant und ansonsten viel Ruhe und freie Fläche. Doch genau dies weckt Begehrlichkeiten bei Tourismusplanern und Bauherren. Acht Kilometer unbebaute Uferzone sind ein Juwel in einer Region, wo der Begriff „Oceanfront Living“ das Paradies auf Erden verspricht.

USA Sea Island Wasser-Romantik

Reiseinformationen zu den Sea Islands

Anreise:
Beste Ausgangspunkte für eine Reise zu den Sea Islands sind Charlotte in North Carolina, Charleston in South Carolina und Savannah in Georgia. Lufthansa fliegt dreimal pro Woche nonstop von München zum Charlotte International Airport. Savannah und Charleston sind mit amerikanischen Fluglinien von allen größeren Drehkreuzen an der Ostküste zu erreichen.

Auskunft:
South Carolina Tourism Office, Postfach 1425, 61284 Bad Homburg, Tel. 06172/921604, Fax 921605, Internet www.SouthCarolinaUSA.com.

 

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