Reisemagazin schwarzaufweiss

Von der Prärie in die Rocky Mountains

Text und Fotos: Dirk Schröder

Die Vielfalt des mittleren Westens ist enorm, die Entfernungen gewaltig und die Geschwindigkeit auf den Highways begrenzt. Die dreiwöchige Reise mit einem »RV« führt von Denver (Colorado) aus nordwärts in das Land der einstigen Prärie-Indianer (South Dakota) und weiter nach Westen zu den spuckenden Geysiren im Yellowstone Nationalpark (Wyoming), über den höchsten Paß in den Rocky Mountains wieder retour.

Denver / Colorado

Denver / Colorado

Die Prärie ist voller Leben. Die kreisenden Adler am blauen Himmel sind nach einigen Tagen schon selbstverständlich geworden und nun hören wir zum ersten Mal die schrillen Schreie der Präriehunde. Etwas kleiner als eine Katze sitzen sie meist am Eingang ihrer Erdhöhle und warnen ihre Familienmitglieder vor Feinden - so auch vor uns, die wir versuchen mit der Kamera ihnen näher zu kommen. Am Abend zuvor wurden wir bei einem Vortrag im Nationalpark von Wendo, einer Rangerin, sehr anschaulich über das Verhalten der Blacktail-präriedogs aufgeklärt. In ihrer Diashow hatte sie auch von Bisonherden gesprochen, die es in den Badlands wieder geben soll. Ich wollte es ihr nicht glauben, doch kaum das wir die »loop road«, die Straße durch den Park verlassen haben und unser Wohnmobil auf der Schotterpiste 590 Richtung Nordwesten steuern, tauchen sie plötzlich auf: einige hundert Exemplare, die friedlich über die Prärie ziehen.

Bisons

Vorsichtig nähern wir uns ihnen, schleichen uns mit dem Teleobjektiv in der Hand an und fühlen uns wie einst die Indianer. Wie nah lassen sie uns wohl heran? Mein Herz klopft mit jedem Schritt schneller. Dort eine Mutter mit ihrem Kind. Doch nun dreht sich ein stattlicher Bulle langsam um und trottet mit zottiger Mähne ruhig aber zielsicher auf uns zu. Dies ist ein deutliches Zeichen, daß wir nun in ihr Territorium eingedrungen sind. Ich bedanke mich bei ihnen für den Fototermin und trete den Rückzug an. Erst jetzt nehme ich den starken Duft von Minze und Salbei wahr, entdecke dazwischen glitzernde Quarze, Heuschrecken springen wie Ping-pong-Bälle davon. Nur auf die Begegnung mit einer Klapperschlange kann ich gut verzichten. Vor meinem geistigen Auge taucht eine Schar Sioux auf, die auf ihren Ponys direkt auf die Bisonherde zureiten, ihre Pfeile dringen in einige Tiere ein, die dann in der Prärie zurückbleiben... Dies ist Vergangenheit - heute fahren auch die Indianer mit Pickup oder Chevrolett und der Bison steht unter Naturschutz.

Für die Indianer waren die Badlands kein schlechtes Land, wie der Name sagt, sondern ganz das Gegenteil. Hier gab es alles was sie zum Leben brauchten: gute Jagdgründe, Unterschlupf, Brennmaterial und die Klippen waren natürliche Bisonfallen.

Badlands

Badlands

So wohnten sie schon seit Tausenden von Jahren in diesem Gebiet. Dies änderte sich im 19. Jahrhundert grundlegend. Die ersten Pelztierjäger zogen vermutlich1823 auf ihrem Weg nach Westen durch die Badlands. Ihnen folgten Geologen, die hier ein reiches Betätigungsfeld fanden. Nach ihren Aussagen läßt sich an keiner anderen Stelle der Welt der Einfluß von Erosion besser erforschen als hier. 1939 wurden die Badlands zum Nationalmonument erklärt seit dem 10. November 1978 sind sie schließlich Nationalpark.

Mit einem dumpfen Röhren tuckert unser Achtzylinder »Majestic Flyer« in brütender Hitze den Cederpaß hinauf. Erst als wir das klimatisierte Heim für einen Blick über die weite Ebene verlassen, schlagen uns die 85 Grad Fahrenheit wie die Temperaturen eines Backofens entgegen. Doch die Aussicht vom »Window-Trail« ist grandios.

Badlands

Der »Badlandwall«

Wie zerklüftete Felsformationen aus spitzen Zacken gestreift in Beige, Grau und Rotbraun wirkt aus dieser Perspektive die Landschaft, die auch als »Badlandwall« bezeichnet wird. Dazwischen wirken die amerikanischen Schlitten auf der 240 wie kleine Spielzeuge. Die bizarren Formen der Steilwände bestehen aus Erdschichten, die im Laufe der Jahrmillionen durch Wind und Wasser geformt wurden. Anders als sonst in den Nationalparks dürfen wir hier die Wege verlassen und die Hügel erklimmen - die Kinder sind begeistert davon. „Der nächste Regen wäscht alle Spuren dann wieder fort“ sagte Wendo bei ihrem Vortrag. Trotz der Bruthitze lassen wir uns den kurzen Spaziergang über den »Fossil Exhibit Trail« nicht nehmen. Auch wenn die ausgestellten Funde nur Kopien sind, können wir jetzt die Begeisterung der Forscher gut verstehen. Das schon in grauer Vorzeit die Menschen die Büffel in gemeinsamen Jagden die Klippen hinunter getrieben haben, erfahren wir durch Schautafeln im Visitor Center Ben Reifel nahe dem Eingang.

Auf dem Cedar Pass Campground nahe dem Visitor Center finden wir noch einen Platz für die Nacht. Eine einfache Anlage, die von den Rangern des Nationalparks betreut wird. KOA-Camping, einige Kilometer entfernt am White River gelegen, ist mit Swimmingpool, Duschen und Einkaufsmöglichkeiten zwar besser ausgestattet, doch den traumhaften Blick auf die »Badlandwall« im Abendlicht, den wir jetzt von unserem »Wohnzimmerfenster« genießen, kann er uns nicht bieten. Wie sich im Laufe der Reise herausstellt, sind alle Stellplätze im Nationalpark erheblich preisgünstiger als andere Campgrounds.

Wildwest-Kulisse in Longhorn

„Auf dem Weg nach Rapid City, der Hauptstadt von South Dakota, müßt ihr unbedingt ein Bier im Saloon von Longhorn trinken“, hatte Jo, unser Campnachbar aus Texas uns eindringlich aufgetragen. Beinahe hätte ich auf der schnurgeraden 44 die Siedlung aus fünf Häusern und einer Ranche verpaßt.

South Dakota / Saloon von Longhorn

Saloon von Longhorn (South Dakota)

Allein schon die Fassade, geziert mit Rinderschädeln ist einmalig. Dann der lange Tresen mit den Barhockern aus Milchkannen und Metallsitz draufgeschweißt, die Bedienung, die Animierdame in kurzem Kleid mit tiefem Ausschnitt... nur die Budweiser-Neonreklame, der Fernseher und die Spielautomaten erinnern daran, daß wir uns im 20. Jahrhundert befinden. Ein Harley-Fahrer schiebt für das Erinnerungsfoto sogar seine Maschine rein. Doch nicht nur der Saloon, sondern auch der Trademarket nebenan ist eine Rarität. Vom Büffelschädel über Mokassin mit Perlenstickerei, bis zu Cowboyhüten und ausgelatschten Stiefeln bekommt man hier alles, selbst einen Anlasser für einen Dodge Baujahr 76, eine Lichtmaschine und andere Ersatzteile. Das ist sicher auch nötig, denn Rapid City ist noch weit.
Als Longhorn Filmkulisse für den Streifen »Der mit dem Wolf tanzt« war, erhielten einige Indianer einen gut bezahlten Job, doch nun hängen sie wieder an der Flasche - ihre Medizin, wie sie ironisch sagen. „Im Pine Ridge Reservat sind 85 % arbeitslos“ erzählt uns einer von ihnen.

South Dakota / Pine Ridge Reservat - Wounded Knee

Wounded Knee im Pine Ridge Indianerreservat / South Dakota: Hier starben am 29.12.1890 über 400 Sioux - Angehörige der Geistertanzbewegung, einer friedlichen Protestbewegung -  durch die Hände von amerikanischen Kavalleristen.

„Die Weißen haben unser Land genommen und geben uns dafür einfache Unterkünfte, die nicht für den strengen Winter mit -30 Grad gedacht sind, doch wir brauchen Arbeit“. „Viele von uns leben von der Hand in den Mund“ ergänzt er resigniert. So verwundert es mich nicht, daß an der Tankstelle einer der Männer uns ein Messer aus Büffelknochen verkaufen will. Er braucht einfach Geld, um für die nächsten 200 Meilen Benzin in den Tank seines Dodge Baujahr 85 füllen zu können.

Die Hauptstadt South Dakotas ist busy

»Prarie Edge« heißt in Rapid City unser Shoppingtip, den uns eine Freundin in Deutschland mit auf den Weg gegeben hat. Schon am Eingang überwältigt uns die Auswahl an Trommeln, Rasseln, Webteppichen, Schmuck und Perlenstickerei. Wie in einem großen Warenhaus wird auf zwei Etagen alles angeboten, was mit dem Kunsthandwerk der Indianer zu tun hat. Man kann sogar ein »Ceremonials Shirt« der Lakota oder ein »Work Dress« erstehen. Mehr über die Geschichte erfahren wir später im Sioux Indian Museum.

Badlands / Wohnmobil

Wohnmobil mit PKW auf dem Anhänger

Bei der Suche nach Parkplätzen sind wir nun froh, daß unser RV, wie die Wohnmobile in den USA bezeichnet werden, nicht zu den Großen gehört. Für deutsche Verhältnisse wäre es mit 23 Fuß allerdings ein aufsehenerregendes Geschoß. Was in Amerika in Sachen Wohnmobil alles möglich ist, sehen wir allabendlich auf den »RV-Parks«: da wird trotz stattlichen 15 Metern Länge seitlich noch ein Zimmer zur rechten ausgekurbelt, ein Schlafraum zur Linken und damit man sich auf Kurzstrecke »normal« bewegen kann, muß der PKW auch noch mit - im Schlepptau versteht sich. Ja und die Fahrräder...? die kommen noch vorne vor die Stoßstange!

Den Büffeln ganz nah

Rapid City liegt am Rande der Black Hills - der Schwarzen Berge, die den Lakota heilig sind, nach einem für die Ureinwohner nicht ganz eindeutigen Vertrag aber an die Weißen verkauft wurde. Die riesigen Vorkommen an Gold und Uran werden nun von der Regierung ausgebeutet. „hätten wir nur ein Prozent der Gewinne von den Bodenschätzen in den Black Hills“ erinnere ich mich nun an die Worte von Jeff aus Longhorn, „gäbe es keine Armut mehr in den Reservaten“.
Wir steuern heute den Wind Cave - und Custer Nationalpark im Süden von Rapid City an. Auf der Interstate den Tempomat wieder einschalten, d.h. einfach Gas geben, das Knöpfchen drücken und alles geht wie von selbst - von den kleinen Lenkbewegungen auf den meist schnurgeraden Straßen mal abgesehen.

South Dakota / Bisons

Bisons

Kaum daß wir die I 79 verlassen haben und die Grenzen des Wind Cave NP passiert, tauchen sie auch schon auf, die zotteligen Urviecher. Sie grasen ganz gemütlich auf der Wiese dicht neben der Straße. Im Schrittempo tasten wir uns vor. Sie scheinen an Autos, und das klicken der Kameras gewohnt zu sein. Nun kommen sie auf die Straße zu und streifen ganz dicht zwischen den Autos durch. Jeder der Schaulustigen hat sich hinter Blech in Sicherheit gebracht. Direkt neben uns hören wir das dumpfe Grollen der Bullen, fast hätten wir sie anfassen können. Der gewaltige Kopf schaut gerade noch über die Motorhaube. „Haben wir ein Glück“ flüstert Johann von hinten. „Das wir die Tiere sogar mit ihren Kälbchen so dicht sehen können, hätte ich mir nie träumen lassen“. Mit anderen Tieren hatten wir weniger Glück. Sie haben sich wohl vor der Hitze in den Schatten verzogen. Nur den Prärie Dogs scheinen die 90 Grad Fahrenheit nichts auszumachen. Sie tauchen immer wieder mal aus den Erdhöhlen auf und halten Ausschau nach Adlern und Falken, die über ihnen in den warmen Aufwinden kreisen.

Die Landschaft im Norden erinnert uns an die Eifel oder die Sächsische Schweiz, wie Christiane feststellt. Marie entdeckt als erste die riesigen Portraits der vier Präsidenten, eingemeißelt im Fels, die zum Wahrzeichen der Black Hills geworden sind.

South Dakota / Rushmore

Mount Rushmore National Monument

Doch der Rummel, der inzwischen um das Mount Rushmore National Monument gemacht wird, schreckt uns eher ab. Seit neuestem „ziert“ ein Parkhaus für die Besucher das Aushängeschild. Ob diese Betonanlage eine architektonische Meisterleistung ist, darüber läßt sich streiten - unser Geschmack ist es jedenfalls nicht. So entscheiden wir uns dafür, direkt nach Hill City weiter zu fahren - und das war gut, denn so kommen wir zum »Shot out « gerade recht. Die Kinder sind von diesem Spektakel auf der Hauptstraße total begeistert. Wie könnte es anders sein, handelt es sich um Bankräuber, einen Sheriff und viel Knallerei. Jeden Tag beginnt die Show aufs Neue. Als die Kinder die alte Eisenbahn am Rande der Stadt entdecken, ist das Programm für den nächsten Tag klar.

South Dakota / Hill City

Die alte Eisenbahn von Hill City

Von 1880 stammt der Oldtimer, der uns in die Zeit des »Wilden Westens « versetzt. So geht es uns auch in Deadwood, der berühmten Goldgräberstadt am Ende unserer Fahrt durch die Black Hills. Das Glücksspiel treibt hier wilde Blüten. Nahezu hinter jeder zweiten Fassade verbirgt sich eine Gamblinghall. Dort surren und klickern und pfeifen die einarmigen Banditen - die Slot Machines. Im Hinterzimmer wird gepokert oder die Kugel gedreht.

 

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