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Die größte Open Air Galerie Amerikas

Philadelphia steckt voller Kunstschätze

Text und Fotos: Volker Mehnert

Kunst und Kultur in Amerika? Da legen viele gleich die Stirn in Falten. Nun ja, vielleicht in New York, gibt man zu bedenken. Doch nur weil Vorurteile sich hartnäckig halten, werden sie nicht besser. Unser Autor jedenfalls hat sich unbefangen auf die Suche begeben und ist ausgerechnet in Philadelphia auf eine der aufregendsten Kunst-Metropolen der Welt gestoßen. Das glauben Sie nicht? Dann lesen Sie doch erst einmal seine Reportage.

So etwas Ähnliches war ja zu erwarten: Hollywood ist überall in Amerika und natürlich auch in Philadelphia. Die Außentreppe des Kunstmuseums ist weltbekannt geworden durch das Boxer-Epos „Rocky“, denn Silvester Stallone hat auf diesen Stufen effektvoll seine Trainingseinheiten absolviert. Und nun gibt es Tag für Tag Hunderte von Nachahmern, die hierher kommen, um es dem Filmstar gleichzutun und die Treppe als Fitnessgelände zu benutzen.

USA - Philadelphia Art Museum

Die Nachahmer von Silvester Stallone

Dagegen ist nichts einzuwenden; dumm ist nur, dass die meisten von ihnen keinen Blick über den Hollywood-Horizont hinaus wagen. Denn der lohnt sich wirklich.

Eine Stadtkulisse vom Feinsten

Wer auf der oberen Plattform vor dem Museum of Art stehen bleibt und sich umschaut, der hat zunächst einmal den schönsten Ausblick auf die Innenstadt von Philadelphia. Die breite Schneise des Benjamin Franklin Parkway, in ihrer Anlage den Pariser Champs-Elysées nachempfunden, schneidet diagonal in das rechteckige Gitterwerk der Straßen von Downtown hinein und läuft direkt auf den markanten Turm des Rathauses zu, wo man auf der Spitze die riesige freistehende Statue des Stadtgründers William Penn erkennt.

USA - Philadelphia Skyline

Skyline von Philadelphia

Die moderne Skyline der Stadt, entstanden in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, hat es nicht geschafft, diese fabelhafte Perspektive zu verstellen. Im Gegenteil: Die postmodernen Glaspaläste gruppieren sich an der rechten Seite zu einer nicht minder eindrucksvollen Kulisse. Es sind nicht viele, dafür aber äußerst markante Hochhäuser, von denen jedes seine Individualität entfalten kann. Insgesamt ist der Blick von den Stufen des Philadelphia Museum of Art zweifellos eine der schönsten Stadtansichten Amerikas.

Gang durchs Museum oder Reise um den Globus?

Wer den Anblick genossen hat, sollte sich dann hinter die Fassaden begeben. Dort findet man das drittgrößte Kunstmuseum der Vereinigten Staaten, einen neoklassizistischen Palast, in dessen Räumen man sich buchstäblich verirren kann. Der Weg durch zweitausend Jahre Kunst in Europa, Asien und Amerika ist verwirrend, wenn man nicht genügend Zeit mitbringt, um sich zu orientieren und um Schwerpunkte zu setzen.

USA - Philadelphia Art Museum

Portal des Philadelphia Art Museum

Die meisten Besucher begeben sich gleich zur Impressionismus-Sammlung, die zu den umfassendsten und eindrucksvollsten Amerikas gehört. Ob Manet, Monet, Cézanne oder Renoir - alle großen Namen sind vertreten, oft sogar mit mehreren Werken. Und selbstverständlich ist der Übergang ins zwanzigste Jahrhundert ebenfalls hochkarätig repräsentiert, genannt seien nur Gauguin, Picasso und Matisse.

USA - Philadelphia Skyline mit Kunstwerk

Doch diese Besucher-Magneten machen nur einen winzigen Teil des Bestandes aus. Von Kennern wird das Museum hauptsächlich geschätzt wegen seiner „period rooms“: Die dort ausgestellten Kunstwerke vom frühen Mittelalter bis zur modernen amerikanischen Avantgarde sind eingebettet in Dekorationen, Wandbehänge, Möbel und sonstige Accessoires, die der jeweiligen Epoche entstammen - alles stilsicher und phantasievoll arrangiert. Überwältigend wird der Eindruck dort, wo in großen Sälen ein japanisches Teehaus, ein buddhistischer Tempel und der Innenhof einer romanischen Kirche gestaltet sind - keine Replikas, sondern alles ausgestattet mit den ursprünglichen Steinen, Holzbalken, Glasfenstern und Dekorationen. Der Gang durch das Museum wird auf diese Weise zu einem Gang durch die Kunstgeschichte und zu einer Reise um den Globus.

So viel Schönheit macht schwindlig

USA - Philadelphia Franklin Parkway

Nur wenige Schritte vom Art Museum entfernt liegt am Franklin Parkway (Foto) das Rodin Museum: auch keine künstlerische Kleinigkeit, sondern die größte Sammlung von Rodin-Skulpturen außerhalb von Paris. Vor dem Eingangstor sitzt bereits der „Denker“ (Foto unten), im Innern stehen mehr als zweihundert Stücke, die der amerikanische Sammler Jules Mastbaum in den zwanziger Jahren zusammengetragen hat. Eine Art Plünderung der Alten Welt durch reiche Unternehmer aus der Neuen Welt? Weit gefehlt, denn ohne die finanzielle Unterstützung amerikanischer Mäzene hätten damals viele Künstler gar nicht überlebt, und auch das Rodin-Museum in Paris hätte ohne die Hilfe Mastbaums seine Bestände nicht erhalten können.

Ähnliches ist zu sagen von einem gewissen Doktor Albert Barnes, der in einem Vorort von Philadelphia die wohl ungeheuerlichste Kunstsammlung der Welt zusammengetragen hat: In den Räumen einer eigens dafür errichteten Villa hängen mehr als 150 Gemälde von Renoir, siebzig von Cézanne, sechzig von Matisse und 44 von Picasso. Richtig gehört? Jawohl - aber das ist längst nicht alles. Jeder nur halbwegs bekannte Maler des Impressionismus ist hier vertreten, dazu Vorläufer und Nachfolger in solchen Mengen, dass dem Besucher fast schwindlig wird. Eigentlich war das Haus lediglich als Studienzentrum für Kunststudenten gedacht, inzwischen sind diese sagenhaften Kunstschätze zum Glück auch für die Öffentlichkeit zugänglich.

USA - Philadelphia Rodin Museum

Doch Vorsicht: Es gibt nur sehr eingeschränkte Öffnungszeiten, und da kommt man leicht ins Trudeln, weil man sich kaum entscheiden kann, wo man in den überbordenden Räumen eigentlich hinschauen soll und wie lange man sich bei einem einzigen Bild aufhalten darf. Die Villa der Barnes Foundation ist mit einem üblichen Museumsbesuch einfach nicht zu erfassen und hinterlässt wegen der geballten Ladung von Schönheit im Zweifelsfall sogar ein gewisses Maß an Verwirrung.

Künstlerische Entdeckungen am Straßenrand

Begeben wir uns also wieder „down to earth“ - diesmal in die Pennsylvania Academy of Fine Arts, die eine übersichtliche Sammlung amerikanischer Kunst aus mehreren Jahrhunderten beherbergt. Wer sich über die Künstler und die Stilrichtungen Nordamerikas informieren möchte, ist hier genau richtig, denn die ausgewählten Gemälde und Skulpturen werden begleitet von kurzen und informativen Texten über die jeweilige Epoche und deren wichtigste Vertreter. Ein lehrreicher Museumspfad durch künstlerische Gefilde, die in Europa nur wenig bekannt sind.

Mit dem ungeheuren kunsthistorischen Hintergrund gewappnet, den die vier Museen vermitteln, lässt sich anschließend Philadelphias ureigenste Kunstszene erforschen: die Straßenkunst.

USA - Philadelphia Freilichtkunst

Ein Gesetz verpflichtet seit Jahrzehnten alle kommunalen Bauherren und Unternehmen, einen Prozentsatz der Baukosten für öffentliche Kunst zu verwenden. Auf diese Weise ist über die Jahre eine riesige Serie von Werken entstanden, die auf Straßen, Plätzen und an Gebäuden frei zugänglich und zu besichtigen ist. Diese Kunst ist nicht immer unumstritten, denn hier sind zeitgenössische und zum Teil avantgardistische Künstler am Werk, die nicht jedermanns Geschmack treffen und dies auch gar nicht beabsichtigen. Die Vielfalt der Werke allerdings ist bestechend und verwandelt das Stadtbild von Philadelphia in eine sehenswerte Skulpturen-Galerie (Foto rechts). Mit einem entsprechenden Plan bewaffnet, machen die Entdeckungen am Straßenrand besonders viel Spaß. Die Mehrzahl der Kunstwerke findet man entlang eines Korridors der vom Delaware River über die Market Street zum Rathaus verläuft, von dort auf den Benjamin Franklin Parkway abbiegt und sich dann hinter dem Art Museum langsam in den Gartenanlagen des Fairmount Parks verliert.

„Wall Power“ durch Großgemälde und Wandmalereien

Noch eindrucksvollere und auffälligere Straßenkunst entsteht seit zwei Jahrzehnten im Rahmen des städtischen „Mural Arts Program“.

USA - Philadelphia Wandgemälde

Mural Arts -Wandgemälde

Junge Künstler aus Philadelphia und der Umgebung drücken an einstmals öden Hauswänden ihre Emotionen, ihre Lebenseinstellung und ihre Ideen aus.

Mehr als 2500 farbenfroh bemalte Fassaden, Mauern und Brückenpfeiler haben Philadelphia inzwischen zur größten Open Air Galerie Amerikas gemacht. Kaum ein Bild ist weniger als drei Stockwerke hoch, die Großgemälde und Wandmalereien addieren sich zu einer einzigartigen geballten „Wall Power“. Farbigkeit und Lebendigkeit der Ausführung stehen in bester lateinamerikanischer Tradition, die Künstler in Philadelphia übertreffen die dortige Szene jedoch durch eine ungeheure Vielfalt in der Thematik und der stilistischen Ausführung.

USA - Philadelphia Wandgemälde

Ernsthaftes und Humoristisches sind ebenso vertreten wie Religiöses und Szenen aus dem Arbeitsleben. Sportler, Madonnen, Momente aus der amerikanischen Geschichte, Science Fiction, Abstraktion und Kitsch vereinen sich zur Vielfalt und zum Alltag einer multikulturellen amerikanischen Metropole.

USA - Philadelphia Wandgemälde

Welch eine Ergänzung und welch ein Kontrast zur großartigen, aber doch akademischen Kunstszene in den Museen!

USA - Philadelphia Downtown

Reiseinformationen

Philadelphia Convention & Visitors Bureau, 1515 Market Street, Philadelphia, PA 19102, Tel. +1-215-636-3471, Fax 636-3327, www.pcvb.org

 

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