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Im Reich der tobenden Wassermassen

Die Niagarafälle: vom achtlosen Umgang mit einem Naturwunder

Text und Fotos: Volker Mehnert

USA Niagara Überblick

Am Niagara River hat sich die Natur ausgesprochen viel Mühe gegeben: Im Halbkreis stürzen die Wassermassen über die kanadischen Horseshoe Falls in einen tiefen Kessel, und als exquisite Zugabe befinden sich daneben noch die in einer Linie herabfallenden Kaskaden der Bridal Falls und der American Falls. Was heute allerdings Millionen von Touristen als imposantester Katarakt Nordamerikas angepriesen wird, ist nur noch ein schwaches Abziehbild seiner einstigen Macht.

Die zu erzählende Geschichte ist wenig erfreulich, deshalb soll sie wenigstens mit einem erschütternd schönen Erlebnis beginnen: Das Schiff stampft langsam auf die Niagarafälle zu, die hier über eine hufeisenförmige Abbruchkante in die Tiefe stürzen. Aus der Ferne sieht der Wasserfall noch aus wie ein harmloser weißer Vorhang, doch je näher man herankommt, desto stärker offenbart sich die Hufeisenschlucht als ein Reich von tobenden Wassermassen, von Sprühregen und ohrenbetäubendem Rauschen.

USA Niagara Aussichtsbrücke

Ein geballter Ausbruch von Energie

Irgendwann kommt das Boot in der Strömung nicht mehr voran, darf auch gar nicht weiterkommen, um nicht von den Strudeln verschlungen zu werden. Jetzt ist die Außenwelt hinter dichten Wasserschleiern verschwunden, man wähnt sich plötzlich in einer Sturmfahrt um Kap Hoorn und sucht nach Worten, um diesen geballten Ausbruch von Energie zu beschreiben. Doch die Fähigkeit, Einzelheiten zu erkennen und sich einzuprägen, scheint in diesem feuchten, tosenden Abgrund verlorengegangen zu sein. Das Bewusstsein vermag keinen festen Halt mehr zu finden. Es fehlen die Worte.

Einer, der sie in dieser Situation trotz allem fand, war der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr, der während seines Aufenthaltes im Jahre 1922 die ganze Dramatik in schlichte, gehämmerte Sätze fasste: „Über mich schräg, rundlich, hohl, ein Weltwesen, eine geschossene Kraft. Und wenn sie allein wäre. Doch sie kreuzt sich unten in breiten, offenen, flachen Schlünden mit andren rasenden Ewigkeitstieren, weißlich, donnernd – oben massig, unten tobsüchtig, sie gurgeln, peitschen, fetzen in einen Schlund, dieser Schlund ist wiederum Wasser, Felsgebirge zermürbt daraus hervorächzend.

USA Niagara Abbruchkante

Vom Hufeisen oben stürzen sie alle trennungslos herab und zerfleischen sich dann, zerreißen sich, erbrüllen sich – unter ihnen abermals Wasser. Eine nie gesehene Schlacht. Seit Jahrmillionen dies Gepeitsch. Dies Gesprüh´. Ohne Pause. Ohne Nachlassen. Dies Gebrüll. Dies Gekreisch. Dies Gepfeif. Dies Heulgezisch. Dieser wandergepustete Dunst. Seit Jahrmillionen dieser fegende Schaum. Dieser Rasetod. Dieser Kochwirbel. Es ist die Hölle.”

USA Niagara Schiff

Damit, verehrter Herr Kerr, haben Sie den tosenden Wasserwirbel unübertrefflich beschrieben und gleichzeitig ein denkwürdiges Stück Reiseliteratur geschaffen. Auch nach acht Jahrzehnten und Milliarden von Kubikmetern Wasser, die den Niagara seither hinuntergestürzt sind, ist dem eigentlich kaum ein Wort hinzuzufügen. Wir wollen es trotzdem tun, weil einige kritische Anmerkungen unerlässlich scheinen.

„Auf jeden Fall möchte ich da nicht runterfallen“

USA Niagara Regenbogen

Kerrs Schilderung ist umso verdienstvoller, als mit den Wasserfällen ansonsten ziemlich achtlos und wenig einfallsreich umgesprungen wurde. Edgar Allen Poe beklagte bereits das Scheitern der Dichter und Schriftsteller bei ihren „verzweifelten Versuchen“, den Lesern eine anschauliche Beschreibung zu liefern. Auch der französische Pater Louis Johannes Hennepin, der erste Europäer, der Niagara im Jahr 1678 erblickte, nahm es mit der Wahrheit nicht so genau und schwärmte von 150 Meter hohen Fällen: eine kräftige Übertreibung, denn die tatsächliche Höhe beträgt 58 Meter.

USA Niagara American Falls

Und Benjamin Franklin sorgte ein Jahrhundert später auch nicht gerade für Seriosität in der Berichterstattung: „Wer einmal den großen Sprung der Wale den Niagarafall hinauf gesehen hat“, schrieb er 1765 in einer Londoner Zeitung, „für den ist dies eines der größten Naturschauspiele überhaupt.“ Auch einige amerikanische Präsidenten, die hier zu Gast waren, fielen nicht gerade durch geistreiche Kommentare auf. Theodore Roosevelt sprach von „einem Erlebnis, das ich um nichts in der Welt missen möchte“, und Harry Truman blieb beim Anblick der Wasserfälle zunächst sprachlos, bevor ihm dann lediglich der folgende Satz einfiel: „Auf jeden Fall möchte ich da nicht runterfallen.“

USA Niagara Blick von unten

Drei Viertel des Wassers verschwinden

Geistlose Sprüche sind eine Sache, der radikale Eingriff in die Natur eine andere. Schon 1893 begann man mit der Ableitung von Wasser für die Erzeugung von elektrischem Strom. Um die Jahrhundertwende beschleunigte sich diese Entwicklung, und man baute zwei neun Kilometer lange Tunnel, um das Wasser oberhalb der Fälle zu entnehmen und es direkt zu den Turbinen flussabwärts zu leiten.

USA Niagara Ausflugsdampfer

Durchschnittlich 6000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde würden auf natürliche Weise über die Fälle fließen, doch mehr als drei Viertel der gesamten Wassermasse, die der Niagara River mitführt, werden weit oberhalb der Abbruchkante entnommen und zur Stromerzeugung eingesetzt. Lediglich während der Touristensaison in den Sommermonaten lässt man tagsüber etwa die Hälfte der Gesamtmenge über die Fälle laufen.

Wundersame Atmosphäre für die Libido

Die Niagarafälle sind eines der beliebtesten Ziele für Hochzeitsreisen und trugen lange Zeit sogar den Beinamen „Baby City“, weil dort angeblich mehr Kinder gezeugt wurden als in jedem anderen Ort des Landes. Besonders in Mode kamen die Wasserfälle durch den Hollywoodfilm „Niagara“, der 1952 mit Marilyn Monroe in der Hauptrolle zum Kinoerfolg wurde.

USA Niagara Kapuzen

Angeblich erzeugen die fallenden Gewässer eine besonders aufgeladene Atmosphäre, die wundersame Auswirkungen auf die Libido haben soll. Andere Theorien sprechen von den betörenden Wirkungen des donnernden Geräusches oder den verführerischen Reflexionen des Mondlichts auf dem weißen Wasser.

Oscar Wilde, der die Fälle 1882 besuchte, konnte dieser Sichtweise wenig abgewinnen und spottete: „Die Niagarafälle sind wahrscheinlich die zweitgrößte Enttäuschung für eine Braut.“ Heutzutage scheint zumindest der Romantik des Mondlichts niemand mehr zu trauen, denn inzwischen werden die Fälle abends künstlich beleuchtet: zunächst mit weißem Licht, was noch angeht, aber danach in allen Bonbonfarben, die man sich nur vorstellen kann. Die famose Natur wird degradiert zum Hintergrund für einen dick aufgetragenen Monumental-Kitsch.

USA Niagara unterhalb American Falls

Stürzendes Wasser zum Greifen nah

Aber es gibt auch noch das Naturerlebnis Niagara: An der äußersten Spitze von Goat Island kann man unmittelbar an die Abbruchkante der Horseshoe Falls herantreten. An dieser Stelle ist das unaufhörlich in die Tiefe stürzende Wasser zum Greifen nahe, ein durchsichtiges Band, das über dem Abgrund hängt und auf dem Weg nach unten in tausend Fäden zerfasert, sich in Sprühregen und Tropfen auflöst.

USA Niagara Skyline

Wenn man dort die Umgebung vollkommen ausblendet und sich gleichsam meditativ auf einen kleinen Ausschnitt konzentriert, dann wird die gewaltige Energie des Niagara River sogar optisch erkennbar. Wie wäre wohl das Erlebnis, wenn tatsächlich die gesamte Wassermenge über die Fälle rauschen dürfte?

 

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