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USA: Nevada

Sag niemals „Cowgirl“ zu einem weiblichen Cowboy

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Der US-Bundesstaat Nevada wird überstrahlt und übertönt von Las Vegas. Winfried Dulisch belauschte und entdeckte die Attraktionen abseits der Show-Bühnen und Roulette-Tische.

USA - Nevada - Cowboy Veteranen

Nevada grenzt im Westen an Kalifornien, seine östlichen Nachbarn sind die Bundesstaaten Utah und Arizona. Die knapp drei Millionen Einwohner von Nevada verteilen sich auf eine Fläche, die so groß ist wie Frankreich; jeder fünfte von ihnen lebt in der Entertainment-Welthauptstadt Las Vegas(1).

Als drittgrößte Stadt in Nevada bezeichnet Reno (2) sich selbst als „The Biggest Little City In The World“. Aber so richtig „big“ ist in dieser Viertelmillionen-Stadt eigentlich nur das 38-stöckige Silver Legacy Hotel and Casino. Ansonsten bietet das Spieler-Paradies keine besonderen Überraschungen. Denn die Nevada-Besucher können sich an beinahe jeder Highway-Raststätte mit einarmigen Banditen duellieren, weil in diesem Bundesstaat die liberalsten Glücksspiel-Gesetze der USA gelten.

Glück im Spiel – Pech in der Liebe

Seinen Ruf als Startplatz für neues Glück verdankt Reno weniger den Spielcasinos, sondern einer Szene aus „Misfits“ („Nicht gesellschaftsfähig“). Dieser Film zeigt ohne Hollywood-Romantik drei Cowboys, die in der Wüste von Nevada Mustangs fangen und an eine Hundefutter-Fabrik verkaufen. Gleich zu Beginn dieses Films verlässt Marilyn Monroe das Gerichtsgebäude von Reno, trippelt zum Truckee River und wirft ihren Ehering in den Fluss – glücklich geschieden. Happily-Divorced-Parties werden hier seitdem gefeiert.

USA - Nevada - Viele Häuser erinnern heute noch an den Goldgräber-Boom in Virginia City 

Viele Häuser erinnern heute noch an den Goldgräber-Boom in Virginia City

Eine Autostunde entfernt von Reno liegt Virginia City (3) . Bonanza-Fans kennen das ehemalige Cowboy- und Minenarbeiter-Städtchen als Schauplatz wilder Schießereien. Wenn sich die Cartwrights auf ihrer Ponderosa vom Hafer gestochen fühlten, ritten sie rüber nach Virginia City und frischten dort ihre Vorräte auf. Anschließend blieben Ben und Hoss und Adam und Little Joe schon mal ein Stündchen länger und genossen jene städtischen Freuden, über die in jugendfreien TV-Serien bloß andeutungsweise gesprochen werden kann.

1859 wurde hier eine Silber- und Goldader entdeckt und während der folgenden 20 Jahre Edelmetall gefördert im Wert von 400 Millionen Dollar – für heutige Verhältnisse eine Milliarden-Summe. Als einer der reichsten Orte Amerikas wuchs Virginia City sich in kürzester Zeit selbst über den Kopf. Von den schätzungsweise 30.000 Einwohnern, die während dieses Booms hier lebten, verdienten mehrere hundert ihr Geld in verschwiegenen Hinterzimmern von drei Hotels und 40 Saloons.

USA - Nevada

Die – inzwischen nur noch knapp eintausend – Bewohner der einstigen Boom-Town reden heute noch mit Respekt von jenen Barmaids, die nicht nur ein Herz für ihre zahlende Kundschaft hatten. In der plötzlich zu Reichtum gekommenen Stadt kümmerten sich diese Vergnügungsindustrie-Nachtarbeiterinnen tagsüber um die Opfer von Arbeitsunfällen und um die Witwen und Waisen der Minen-Arbeiter. Die damals prominenteste Backroom-Madam in Virginia City wurde sogar zum Ehrenmitglied des örtlichen Feuerwehr-Vereins ernannt..

Highlife und Hochkultur

Die Bonanza-Drehbuchautoren haben Virginia City zur Arena für schießwütige Cowboys degradiert. Aber die Hochkultur hatte in Virginia City ebenfalls ein Zuhause, 1885 wurde hier ein Opernhaus eröffnet. Heute wartet Piper’s Opera House darauf, dass es wieder einmal von europäischen Bühnenmusik-Stars bespielt wird.

Für die Nachwelt aufgezeichnet wurden die gesellschaftlichen Ereignisse dieser Blütejahre von Samuel Langhorne Clemens. Er hatte sein Glück versucht als Goldgräber – und hörte zum Glück damit wieder auf und arbeitete stattdessen als Klatsch-Reporter für die örtliche Zeitung von Virginia City. Um sich vor den Opfern seiner spöttischen Kritik zu schützen, signierte Clemens die Artikel mit „Mark Twain“.

USA - Lebensgroße Nachbildung von Mark Twain in einem Bookshop, Virginia City

Lebensgroße Nachbildung von Mark Twain in einem Bookshop, Virginia City

Unter diesem Pseudonym schrieb der spätere Reiseberichterstatter auch „Tom Sawyers Abenteuer“ und andere Klassiker der Jugend-Literatur. In Virginia City hatte Mark Twain die Erfahrungen und Inspirationen gesammelt, mit denen er den Grundstein legte für unsere heutigen Vorstellungen vom Cowboy-Alltag.

Prairie-Pferd statt Diesel-Truck

Literarisch und musikalisch fortgeschrieben werden diese Geschichten rund um den Kuhhirten-Alltag jedes Jahr im Januar beim Cowboy Poetry Gathering in Elko (4). In Elko treffen sich die Sänger und Autoren von Zwischentönen, die eher mit dem Knistern eines Lagerfeuers und dem Wanderreit-Tempo eines Prairie-Pferdes kompatibel sind.

USA - Nevada - Ramblin’ Jack Elliot

Ramblin’ Jack Elliot

Ein gern gesehener Gast bei diesem Familientreffen der Cowboykultur-Schaffenden ist Ramblin’ Jack Elliot, dessen Gitarren-Zupftechnik einst vom jungen Bob Dylan kopiert wurde. Elliot revanchierte sich für dieses Kompliment, indem er schon Mitte der 60er Jahre dessen Lieder sang. Wenn Ramblin’ Jack heute den Dylan-Song „Don’t Think Twice It’s Alright“ interpretiert, bezeichnet der Cowboy-Traditionspfleger den Songwriter immer noch gerne augenzwinkernd als seinen „Sohn“.

USA - Nevada - Hutmacherin

Als weiteren Pogramm-Punkt bietet das Elko-Festival einen Cowboyhut-Nähkursus. Gleich nebenan zeigt ein Taumacher, wie verschiedene Lassos hergestellt werden.

USA - Nevada - Taumacher

Die Literatur-Fans kommen wegen der wildwest-romantische Dichterlesungen und Storyteller-Workshops. Beim Westernswing-Tanzabend hören viele Nicht-Amerikaner zum ersten Mal, wie gut Cowboy-Songs und Jazz-Rhythmen miteinander harmonieren. Und noch eine Überraschung liefert das Elko Festival für die meisten europäischen Besucher:

Rothäutige Cowboys

Viele Cowboy-Poeten und -Geschichtenerzähler sind Indianer. Die alten Fotografien im Western Folklife Center an der Railroad Street in Elko erinnern daran, wie gerne die Ranchers den Erfahrungsschatz der amerikanischen Ureinwohner nutzten. In den Tierzucht-Betrieben waren oft mehr als die Hälfte der Cowboys indigener Abstammung.

Wildwestfilm-Produzenten rückten dieses Verhältnis in ein schiefes Licht. Weiße Leinwand-Cowboys waren die Guten. Hollywood-Rothäute konnten zwar gut reiten und schießen, aber sie durften sich vor der Kamera nur unverständlich artikulieren und wurden als Feinde des weißen Mannes präsentiert. Ähnlich erging es den Latino-Cowboys, deren Kultur ebenfalls im Western Folklife Center gewürdigt wird.

USA - Nevada - Taumacher

Wenn ich groß bin, werde ich ein Cowboy

Und welche Rolle spielen Cowboys heute? – Ihr Berufsbild hat sich gewandelt vom raubeinigen Revolverhelden zum nachhaltig planenden Umwelt-Manager. Cowboys kämpfen heute – ähnlich wie verantwortungsbewusste Fischer und Jäger – an der Naturschutz-Front. Ein Ranch-Manager, der auf keinen Fall als „Cowboy“ betitelt werden möchte, nennt als seine größte Sorge, „dass dieses herrliche Weideland zu einem Golfplatz umfunktioniert werden könnte.“ Denn Golfplatz bedeutet: Gras-Monokultur, Düngemittel, Wasserverschwendung.

Zum Glück braucht sich der Wilde Westen um den Nachwuchs keine Sorgen zu machen, obwohl der Cowboy – pardon, Manager – wehmütig schmunzelt: „Mein Sohn will was Ordentliches studieren, irgendwas mit Wirtschaft oder so.“ Aber seine Tochter versichert: „Ich werde ein Cowboy.“ Und sie betont ausdrücklich: „Kein Cowgirl. Sondern Cowboy.“

USA - Nevada - Reiter mit Pferd

 

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