Das Comeback der Prairie
Im Land der Sioux: Begegnungen am Missouri River
Text und Fotos: Volker Mehnert

Tatanka Iyotaka, unter Bleichgesichtern besser bekannt als Sitting Bull, schaut grimmig hinab auf den Missouri River. Sein Grab liegt an der Grenze zwischen South und North Dakota - abseits aller Wege, einsam an der Schwelle zwischen Prairie und Missouri, so einsam wie der Sioux-Häuptling während seines Lebens gewesen sein mag. Die Büste auf dem Grabstein erinnert an die tragische Symbolfigur indianischer Niederlagen, einen ewig Vertriebenen, der zwischen den kämpfenden Parteien zerrieben wurde. Könnte er heute über die Prairie reiten, wäre er vermutlich positiv überrascht. Denn die Great Plains haben sich in den vergangenen hundert Jahren weitaus weniger verändert als die meisten anderen Regionen Nordamerikas, sie befinden sich in vieler Hinsicht sogar auf dem Weg zurück zu ihren Ursprüngen.
Denelle
High Elk, ohne Mokassins und Federschmuck, ist alles andere als das Abziehbild
einer Indianer-Squaw. Sie repräsentiert die moderne
Sioux-Kultur, die zwar fest in den indianischen Traditionen verwurzelt
ist, sich aber keineswegs der Außenwelt verschließt. Denelle
praktiziert mit Überzeugung die hergebrachten Riten und Tänze
ihres Volkes, die für sie weitaus mehr als Folklore bedeuten. Für
die Zukunft wünscht sie sich aber auch mehr Touristen im Reservat
der Cheyenne River Sioux (Foto rechts ) und hofft dabei auf Besucher, die
sich respektvoll bewegen und die Indianer nicht mit stereotypen Vorstellungen
und Vorurteilen
konfrontieren. Während viele Amerikaner den Sioux mitleidig herablassend
begegnen, bei Zeremonien aber unbedingt in der ersten Reihe sitzen wollen,
brüskieren Europäer häufig durch heimlich aufgenommene Fotos
sowie ein penetrant vorgetragenes Wissen, das angelesen ist, aber mit der
Wirklichkeit selten übereinstimmt.
Grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen bestehen sogar zwischen unmittelbar benachbarten Stämmen der Sioux. Die Nachfahren Sitting Bulls zum Beispiel haben in der Standing Rock Reservation, nur wenige Kilometer vom Grab des Häuptlings entfernt, vor einigen Jahren das Grand River Casino eröffnet. Wie viele andere Indianer in Nordamerika erhoffen sie sich davon eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Doch besonders groß sind die Einnahmen hier in der abgelegenen Prairie nicht, so dass sich der positive Effekt in Grenzen hält. Noch immer sind siebzig Prozent der Bewohner im Reservat ohne Arbeit. Für die indianischen Angestellten der Kasinos andererseits ist die Stimmung auch nicht ermunternd, sie erinnert vielmehr fatal an die Atmosphäre in den Reservaten selbst. Im schnellen Geld durch Glücksspiel sieht Denelle deshalb nicht die Lösung indianischer Probleme. Ihr Stamm hat sich entschlossen, auf der Cheyenne River Reservation kein Kasino zu errichten. Hier versucht man, durch touristische Angebote und Veranstaltungen für Besucher ein Zusatzeinkommen zu erwirtschaften.
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