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Winter-Blues am Großen See

USA Superior Apostle Islands

Stille Wintertage mit Bob Dylan am amerikanischen Lake Superior

Text und Fotos: Volker Mehnert

Der Lake Superior erscheint um die Winterzeit als riesige, verschneite Eisfläche, unterbrochen lediglich von den Konturen der Apostle Islands, die wie abgebröckelte Krümel vor der Bayfield Peninsula im Wasser liegen. Nur ganz in der Ferne, zu seiner Mitte hin, ist der See nicht zugefroren, sondern schimmert blau am Horizont. Doch auch das kann sich in den kommenden Wochen noch ändern. Nicht oft, aber manchmal friert der größte Süßwassersee der Erde sogar auf seiner ganzen Fläche zu.

Die Fähren liegen festgefroren im Hafen. Alle Segelboote in der Marina von Bayfield sind aufgebockt und mit Plastikplanen verschnürt. Dick vermummte Spaziergänger laufen auf der Uferpromenade entlang und trotzen dem beißenden Wind, der über den See herüberfegt. Manchmal bleiben sie kurz stehen und schauen aufs Eis hinaus, doch der Wind treibt sie weiter. Nicht lange und sie werden sich in ihrem Hotel vor dem Kaminfeuer wiederfinden und durchs Fenster beobachten, wie der Mond langsam über dem See aufsteigt. Rot und grün blinken im Mondlicht die Leuchtfeuer an der Hafeneinfahrt, doch für wen?

USA Superior Eingefroren
Eingefroren im Großen See

So beharrlich wie der Superior gefriert, so beruhigend wirkt er sich auf den Rhythmus des Lebens an seinen Ufern aus. Eile ist von Dezember an keine mehr geboten, denn es gibt immer weniger zu tun. Die Zeit scheint gekommen für den „North Country Blues“, den einst der junge Bob Dylan, der als Robert Zimmerman am Ufer des Sees geboren wurde, besungen hat: „The summer is gone / the ground´s turning cold / the stores one by one, they are folding.“ Bob Dylan hat seiner kalten Heimat rasch den Rücken gekehrt; geblieben sind ein paar nostalgische Lieder.

Wanderung zu den spektakulären Eishöhlen

Doch nicht alles ist Blues im North Country. Wenn das Eis fest genug ist, öffnet der Lake Superior seinen spektakulärsten Wanderweg und präsentiert ein großartiges Naturschauspiel. Jetzt kann man in der Apostle Islands National Seashore, unterhalb der Sandsteinklippen, übers Wasser marschieren und zu den bizarren Eishöhlen vordringen, die Wind und Wellen, Wasser und Frost in den Wochen vorher gestaltet haben. Drei, vier und fünf Meter lange Eiszapfen hängen von den Felsvorsprüngen herab: kristallklar, milchig-weiß oder blau schimmernd und in fantastischem Kontrast zum roten Sandstein.

USA Superior Eiszapfen
Die gigantischen Eiszapfen von Apostle Islands

Über Jahrtausende haben die erbarmungslosen Herbststürme mit ihren bis zu sieben Meter hohen Wellen die Uferzone untergraben und Höhlen, Hohlräume und zerklüftete Spalten geschaffen, in denen Stalaktiten wachsen, hauchdünne Eisnadeln aus der Decke herausschießen und meterbreite Schleier aus Eis herabhängen. Von oben gefrieren kleine Wasserfälle, und von unten bauen sich festgefrorene Wellen an den Steilwänden auf und streben den herunterwachsenden Eisskulpturen entgegen. Jede Höhle, jede Ausbuchtung entlang des drei Kilometer langen Küstenabschnitts ist eine eigene unwirkliche Märchenwelt für sich, die überdies von Tag zu Tag neue Gestalt annimmt. Kreativer kann die Natur nicht sein.

USA Superior Kunstwerke der Natur
Kunstwerke der Natur

Schaut man in die entgegengesetzte Richtung, zeigt sich noch ein Werk der Natur: die gigantische Eiswüste auf dem See. Man hat das Gefühl, durch die Arktis zu wandern, eine Arktis freilich, die von rotem Sandstein begrenzt ist. Packeis, so weit das Auge reicht, aufgeworfene Eisschollen und hier und da eine Spalte, an der es knirscht, knistert und kracht. Darunter befindet sich sieben bis zehn Meter tiefes Wasser, das bis an die Steilküste heranreicht. Abgesehen von den unvermittelten Geräuschen des Eises herrscht totale Stille. Man kann verstehen, dass die Algonquin- und Ojibwe-Indianer hier das Ende der Welt vermutet haben.

USA Superior Eiswüste
Arktis oder Lake Superior oder das Ende der Welt?

Die Apostle Islands wurden vor kurzem vom National Geographic Magazine zum ökologisch intaktesten Nationalpark der Vereinigten Staaten erkoren. Die langen Winter und die niedrigen Wassertemperaturen im Sommer halten den Andrang der Besucher in engen Grenzen. Die Saison geht von Mitte Juni bis Mitte September, und auch dann fahren nur zwei kleine Ausflugsdampfer zu den einundzwanzig Inseln hinüber. Angelandet wird kurz an dem einen oder anderen Leuchtturm, und wer länger bleiben will, braucht sein eigenes Boot. So kann man, im Winter sowieso, aber auch im Sommer, eine Insel oder gar den ganzen Nationalpark für sich allein haben.

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