Reisemagazin schwarzaufweiss

Trekking auf Hawaii quer durch die Wildnis

Per Pedes durch das Paradies

Text und Fotos: Hilke Maunder

Abseits des Massentourismus kann man die Schönheiten der Natur im US-Bundesstaat Hawaii zu Fuß erfahren: Man trifft Mönchsrobben am Strand von Oahu, wandert auf der Insel Hawaii durch das Tal der Könige, besteigt wie einst schon Mark Twain und Jack London Mauis Haleakala, erlebt den "Grand Canyon of the Pacific" auf Kauai und die faszinierede Sanddünen-Landschaft Molokais in Moomomi.

Hawaii / Strand

Polihale Beach auf Kauai

Schwarzgrau hingen die Regenwolken am Himmel, verdeckten die Gipfel der Berge. Davor: Hochhäuser aus Glas und Stahl. Dann: Ölbunker, Raffinerien, Container. Der Anflug auf Honolulu lässt Vorstellungen vom Südseeparadies Hawaii wie eine Seifenblase zerplatzen.

Doch Hawaii ist nicht Honolulu, es endet nicht am Strand von Waikiki und mit dem Massentourismus von Maui: Das andere Hawaii offenbart sich zu Fuß, quer durch die Wildnis im Innern der Inseln Oahu, Big Island (wie Hawaii Island als größte Insel des Archipels genannt wird, um die Verwechslung mit dem US-Bundesstaat Hawaii zu vermeiden), Maui, Kauai und Molokai.

Hawaii / Big Island

Big Island (Hawaii Island): Steinschmuck am Highway 19 nahe Flughafen. Die Motive, die in hellen Kieseln auf die schwarze Lava gelegt und mit tropischen Blüten verziert werden, reichen von Namen bis zu Herzen, Blumen und anderen Bildern.

Oahu: Wanderung zum Wasserfall

Das Kliff von Kaena Point bildet den westlichsten Punkt der Insel Oahu. Von hier aus sollen, so die alten Sagen, die Seelen der Toten ihre Fahrt ins Jenseits antreten. Bis 1940 gab es auf Oahu sogar eine Eisenbahn. Die letzten Überreste der Gleisstrecke von Haleiwa nach Honolulu sind vereinzelt am Strand zu finden. Die Straße, die von Mokuleia das Kap umrundet, wurde inzwischen vom State Department für Fahrzeuge aller Art gesperrt. Nur so konnte verhindert werden, dass Off-Road-Rowdies mit ihren Geländewagen die einzigartige Küstenlandschaft völlig zerstören. So konnte auch eine Pflanze vor der Ausrottung bewahrt werden, die sich sonst nirgends mehr auf der Welt findet: die struppig-buschige Staude "Kaena akoko".

Hawaii / Oahu

Oahu, Honolulu: Pavillon im Garten vor dem Iolani-Palast, wird von Musikkapellen genutzt für kostenlose Konzerte

Wer den sandigen Küstenpfad entlang wandert, trifft mit etwas Glück auf andere, ebenfalls vom Aussterben bedrohte Tiere Hawaiis: Hier sonnt sich eine Mönchsrobbe am Strand, dort hockt ein junger Albatros in seinem Nest. Dort, wo der Klippenpfad in den Farrington Highway mündet, liegt einer der schönsten und einsamsten Strände der Insel: Yokohama Bay. Japanische Eisenbahn-Arbeiter, die sich hier vom Gleisbau erholten, gaben der Beach ihren Namen.

Nördlich von Punaluu beginnt am Highway eine der schönsten Kurzstrecken von Windward Oahu (Windward ist die Luv-Seite der Insel, dem Wind zugewandt). Für die leichte Wanderung durch das enge Kaliuwaa-Tal hinauf zu einem 30 Meter hohen Wasserfall mit Badebecken braucht man hin und zurück rund zwei Stunden. Die drei Kilometer lange Strecke zum Wasserfall beginnt als breiter Sandweg, rechts von einem alten Zuckerrohrfeld, links vom Kaluanui Bach gesäumt. Der gesamte Weg ist markiert. Zweimal muss das Bachbett durchquert werden. Schilder warnen vor Lebensgefahr: Schon nach leichtem Regen schwellen die Bäche an und verwandeln sich in reißende Stürme, die alles zu Tal reißen, was sich ihnen in den Weg stellt. Niemals sollte man versuchen, im Bachbett den Weg nach oben zu nehmen. Schon mehrere Wanderer wurden von sich plötzlich lösenden Felsbrocken erschlagen oder von den Wassermassen fortgerissen und getötet.

Big Island: Das Tal der Könige

Am Nordende der Hamakua-Küste von Big Island, wie Hawaii Island, wie erwähnt, genannt wird, endet der Highway 240 abrupt an 650 Meter hohen Klippen, die das längste Tal Hawaiis von der Außenwelt abschirmen: Das Waipio Valley. Vom Aussichtspunkt am Ende des Highways öffnet sich der Blick auf das größte und südlichste der sieben Täler an der Spitze von Windward Big Island. Das Waipio-Valley war das politische und religiöse Zentrum des alten Hawaii. Als Tal der Könige war es die Heimat der hawaiianischen Herrscher Umi, Liloa und Kamehameha. Eine englische und drei hawaiianische Schulen, fünf Läden, vier Restaurants, ein Hotel, zwei Gefängnisse, ein Postamt, vier Billard-Hallen und fünf Kirchen gab es einst im Tal.

Als 1823 die ersten weißen Männer hierher kamen, fanden sie Felder für Bananen und Taro (die tropische Knollenfrucht, essbare Wurzel der Kolokasie) vor, Fischteiche, Tempel und den heiligen Schutzbereich Pakaalana. Mit Erstaunen lauschten sie den Geschichten, die die 1500 Bewohner über ihre alten Könige erzählten. Einer, so die Sage, soll einst 80 Menschen geopfert haben. 1791 kämpften hier Kamehameha und Kaheiki in der ersten Seeschlacht Hawaiis gegeneinander, bei der erstmals Kanonen eingesetzt wurden. Die Einheimischen nannten sie "Kepuwahaulaula", "rotmündiges Gewehr". 1823 kam Wil liam Ellis als erster Missionar ins Tal; Ende des 19.Jahrhundert trafen die ersten chinesischen Immigranten ein.

Waipio war eine lebendige Kommune, bis 1946 eine enorme Tsunami (Flutwelle), deren Wellen tief ins Tal hinein reichten, alles zerstörte. Wer überlebte, wurde umgesiedelt. Heute leben nur noch 30 Familien hier und bauen Taro, Lotus, Avocado, Brotfrucht, Orangen und Limonen an.

Mitten durch das Tal fließt der Waipio Bach. Er mündet an einem kleinen Strand ins Meer. Am Ende der Bucht, sagen die Einheimischen, liegt der Eingang in die Unterwelt Lua O Milu.

Das Wandern im Waipio-Tal wird auf Schritt und Tritt eingeschränkt: Wo kein Schild mit der Aufschrift "Private Property" (Privatland) steht, sichern Hunde das Grundstück. Je tiefer man ins Tal kommt, desto aggressiver werden die Tiere. Am Talboden beginnt der Switchback Trail. Der alte hawaiianische Pfad führt an den nordwestlichen Klippen vom Waipio Valley an mehreren Schluchten mit Wasserfällen vorbei zum Waimanu Valley, das kleiner, landschaftlich aber dem Waipio-Tal recht ähnlich ist.

Übungsgelände der Astronauten

Die schwarz-graue Mondlandschaft des Mauna Loa (4167 Meter) diente den Astronauten von Apollo als Übungsgelände. Der zweithöchste Berg des Archipels ist die einsamere, aber nicht minder beeindruckende Alternative zum benachbarten, populären Hawaii Volcanoes National Park. Zwei Wege führen zu dem Schildvulkan, der zuletzt 1983 ausbrach, hinauf: die 16 Kilometer lange Mauna Loa Road und eine 25 Kilometer lange Stichstraße der Saddle Road, die sich durch Lavagestein zur Wetterwarte in 3400 Meter Höhe windet. Von hier trifft der gut markierte, steil ansteigende Observatory Trail nach fünf Kilometern auf den Mauna Loa Trail, der an der Westseite des Mauna Loa-Gipfelkraters Mokuaweowoe zur Mauna Loa Hütte führt. Die Hütte ist der Endpunkt des 40 Kilometer langen Mauna Loa Trail, der am Kilauea-Krater im Hawaii Volcanoes National Park beginnt. Für den Trail sollten mindestens zwei Tage veranschlagt werden.

Maui: Der "drive-on"-Vulkan

Der Haleakala gehört zu den Hauptattraktionen von Maui. Hier den Sonnenaufgang zu erleben, ist für die meisten Besucher ein Pflichtpunkt ihres Aufenthaltes. In der Landessprache heißt Haleakala "Haus der Sonne" - in Erinnerung an den Halbgott Maui, der für seine Mutter Hina die Sonne, die zu schnell über Maui hinweg zog, mit einem Seil einfing und ihr das Versprechen abnötigte, künftig doch ein wenig langsamer über die Insel zu ziehen. Der rund 3000 Meter hohe Berg rühmt sich, einziger "drive-on"-Vulkan der Welt zu sein. Die Highways 37, 377 und 378 schwingen sich in engen Kehren zum Gipfel empor.

Maui, Haleakala Krater

Literaten auf dem Haleakala

Zu Fuß kletterte Mark Twain 1866 zum Haleakala hinauf. Erst nach sechs Jahren veröffentlichte der "Vater" von Tom Sawyer seine Eindrücke im Reisebuch "Roughing it". Der Sonnenaufgang war für den Autor das "erhabenste Naturschauspiel". 1907 erlebte Jack London den "Monsterberg" und schilderte den Sonnenaufgang als "eine Szene unermesslicher Öde und Verwüstung, streng, abstoßend und faszinierend."

Wer sein eigenes Urteil fällen möchte, muss früh aufstehen - gegen drei Uhr nachts. Eine Übersicht der Zeiten für den Sonnenaufgang wird in der kostenlosen Zeitung "Maui News" abgedruckt.

Der höchste Gipfel des Haleakala ist der Puu Ulaula, der 3055 Meter hohe Red Hill (Roter Hügel). Von den beiden Großparkplätzen am Kraterrand führen kurze Spazierwege, teilweise mit Treppen und Stufen versehen, zu den Aussichtspunkten am Gipfel und am Kraterrand. Das Innere des 30 Quadratkilometer großen Kraters gleicht einer Mondlandschaft: Aquarellfarbene Dünen aus Lava-Asche und Tuffkegel kleinerer Vulkane, die wie der Puu o Maui bis zu 300 Meter aufragen, prägen den Talboden, den ein zerklüfteter, bizarr-zackiger Kraterrand umgibt. Die Höhendifferenz beträgt bis zu 1000 Meter.

Der Skyline Drive endet rund zwei Kilometer vor Science City auf dem White Hill. Hohe Zäune aus Maschendraht umgeben die "Stadt der Wissenschaft", ein futuristisch anmutendes Ensemble aus weißen Rundkuppeln, hohen Antennen und verstreuten Flachbauten. Der Zutritt zur Science City ist verboten, denn hinter der "Stadt der Wissenschaft" verbirgt sich eine Forschungsstation für Astrophysik, in der die Nationale Luft- und Raumfahrt-Behörde der USA, die NASA, US-Verteidigungsministerium, Smithsonian Institute und die Universitäten von Hawaii und Michigan den "Krieg der Sterne" proben.

Hawaii Kahakuloa Head

Kahakuloa Head (Maui), Zaun mit Gebetsbändern

Der Haleakala-Nationalpark beschränkt sich nicht auf die Gipfelregion, sondern erstreckt sich bis zur Küste von Kipahulu. Der südöstliche Teil mit dem Kipahulu-Tal ist nur zu Fuß erreichbar. 48 Kilometer markierte Wege durchziehen den Nationalpark. Karten und Broschüren gibt es beim Park Ranger Headquarter und im Visitor Center.

Hawaii / Haleakala

Schöne Ausblicke auf das Keanae Tal und Koolau Gap bietet auf zwei Kilometer der Halemanuu Trail vom Highway zum Kraterrand. Der Hosmer Grove Nature Trail, ein 500 Meter langer Lehrpfad, erläutert das Zusammenspiel von einheimischen und fremden Pflanzen und Tieren. Vom Visitor Center führt ein Weg über einen halben Kilometer hinauf zum White Hill. Als Tagestour durch den Krater eignet sich der Halemanuu Trail, der als 13 Kilometer lange Stichstrecke zur Holua Hütte führt. Nur geübte Wanderer sollten auf dem Sliding Sands Trail in den Krater steigen. Zurück geht es auf dem Halemanuu Trail. Für den 21-Kilometer-Trip braucht man rund acht Stunden. Während der Sommermonate bieten Park Ranger geführte Wanderungen entlang des Krater-Randes an.

Kauai: Der Grand Canyon des Pazifik

Als "Grand Canyon of the Pacific" wird die 19 Kilometer lange Schlucht, die der Waimea Poomau im Laufe der Jahrtausende schnitt, gerühmt. Der Höhenunterschied vom Kraterrand bis zum mäandrierenden Flusslauf beträgt bis zu 1200 Meter.

Hawaii / Waimea Canyon

Waimea Canyon

Der Waimea Canyon zerfällt in drei Bereiche: den Poomau Canyon im Norden, den Koaie Canyon in der Mitte und den Waialeale Canyon im Süden. Am Waimea Canyon Lookout, dem ersten offiziellen Aussichtspunkt entlang der Panoramastraße, drängeln sich die Touristen auf zwei Terrassen, blicken aus 951 Meter und 871 Höhe auf den Talboden und die zerfurchten Hänge und versuchen, die wilden Ziegen zu füttern, die abseits von Felsvorsprüngen auf die Besucher hinab äugen.

Einmalige Ausblicke eröffnen auch die beiden, 1109 Meter hoch liegenden Terrassen des Puu Hinahina Lookout: Vom Canyon zum Kaulakahi Channel und bis zur Insel Niihau.

Hawaii / Waimea Canyon

Zahlreiche Trails führen in die Schlucht hinab. Der Koaie Canyon Trail beginnt am Kaluahaulu Camp, verläuft entlang der Südseite des Koaie-Canyons und führt vorbei an mehreren Bademöglichkeiten im Waimea-Fluss hin zum Lonomea-Camp. Der Kukui Trail steigt steil die Westseite des Waimea-Canyon hinunter.

Festwiese im Bergwald

Zum Landesinnern hin geht der Waimea Canyon in den 1878 Hektar große Kokee-Naturpark über, einem typisch hawaiianischen Wald mit Ohia- und Kukui-, wild wachsenden Guaven- und Mangobäumen, Lianen und Orchideen. Mitten im Bergwald liegt die Kanaloahuluhulu-Wiese. Alljährlich im Mai wird hier mit Hula-Tänzen und Theater das historische Eo E Emalanai I Alakai-Festival zu Ehren der hawaiianischen Königin Emma gefeiert.

Hawaii / Flora

Kauai, Landschaft bei Hanalei

Das 1953 gegründete Kokee Natural History Museum informiert über die Erdgeschichte des Canyons, Flora und Fauna der Region und warnt vor ökologischen Folgen einer falschen Entwicklungspolitik, die die Natur Kauais immer stärker zu zerstören droht.

Molokai: Rauhe Schönheit Moomomi

17 Kilometer westlich der Kalaupapa Peninsula liegt das Paradies: Moomomi Bay, eine der letzten unberührten Sanddünen-Regionen auf Hawaii. Seeschildkröten legen hier in Sandnestern ihre Eier ab. Gräser und Sträucher, die vom Aussterben bedroht sind oder sonst nirgendwo auf der Welt mehr existieren, haben hier ein natürliches Refugium: 104 Pflanzen, die in den USA auf der roten Liste der bedrohten Pflanzen stehen, und 22 einheimische Pflanzen wie die rosa blühende "Hinahina" und die gelbgraue "Ena'ena".

Sensation aus Stein in der Höhle

Moomomi ist eine rauhe Schönheit, sandig, trocken und einsam. Damit es zukünftig so bleibt, kaufte 1988 die Nature Conservancy das Land zwischen Molokai Ranch und Moomomi Beach. Die Ranger der Nature Conservancy bieten geführte Touren an. Auf ihrem Weg kommen sie an einer flachen Höhle vorbei. Drinnen liegt eine Sensation aus Stein: ein 25.000 Jahre altes Skelett einer inzwischen ausgestorbenen Gans, die einst am Strand ihre Eier ablegte. Inzwischen haben Forscher weitere Versteinerungen von Vögeln gefunden: Ibis, Eule und Adler.

Am Ende der Küstenstraße gen Osten beginnen Touren in das unwegsame Innere und zur Nordküste von Molokai mit dem Halawa Tal. Bevor der Highway in Kehren hinab führt, bietet sich in einer Linkskurve ein weiter Blick auf die Halawa Bay mit ihrem geschwungenen, schmalen Strand, dem leicht mäandrierenden Fluss und dem Moaula-Wasserfall am Ende des Halawa-Tales.

Mitte des 18. Jahrhundert lebten rund 500 Bauern im Tal. Sie belieferten die Insel mit Taro, Wassermelonen und tropischen Früchten und dankten mit Menschenopfern in zwei Heiligtümern den Göttern für gute Ernten. Das Idyll am Ende der Insel wurde in nur einer Nacht zerstört: Auch hier überschwemmte 1946 eine mächtige Flutwelle das gesamte Tal, spülte die Häuser fort, zerstörte die Felder. Was stehenblieb, riss 1957 eine zweite Tsunamiwelle mit. Heute leben noch sieben Familien im Halawa-Tal. Jeden Sonntag besuchen sie den Gottesdienst in der kleinen Kirche.

Hier beginnt auch der Moaula Falls Trail, die wohl beliebteste Wanderstrecke von Molokai. Ohne große Steigungen geht es vorbei an Bananenstauden und Mangobäumen in einer Stunde zum 80 Meter hohen Moaula-Wasserfall mit seinem zehn Meter breiten Becken, in dem sich jung und alt, Mensch und Hund, gemeinsam von der Hitze erholen. Tierisch ist auch der Name des vier Kilometer langen Trails, der die rote Färbung des Wasser aufgreift - Moaula bedeutet "rotes Huhn".

 

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