Reisemagazin schwarzaufweiss

Coney Island

Text: Volker Mehnert
Fotos: Volker Mehnert u.a.

New York beansprucht wieder ein Stück Normalität. Touristen kehren zurück in die verwundete Metropole und in den Stadtbezirken geht das Leben seinen gewohnten Gang. Auch der Strand von Coney Island dient wie eh und je als Ventil für den Hexenkessel New York. Ein Stück authentisches Amerika ohne Verrenkungen, betrachtet von Volker Mehnert.

In New York hat die Woche neun Tage. Gearbeitet wird so viel wie anderswo an acht Tagen, doch danach muss auch noch Zeit bleiben fürs Vergnügen - und das sucht man bei Sonnenschein in Coney Island. Für Generationen von New Yorkern, für die unaufhörlichen Schübe von Immigranten, für die einfachen Leute aus Brooklyn und Queens war und ist der Strand von Coney Island der Inbegriff von Freizeit, Spaß und Wochenende.

USA / Coney Island / Strand

Nach der Arbeit in lauten Fabriken, düsteren Lagerhäusern, überhitzten Werkstätten und hektischen Großraumbüros suchen sie ein Stück Leben, das ihnen selbst gehört, ein Stück Natur am Rande einer Welt aus Stahl und Beton, menschlichen Kontakt in einer Stadt der Anonymität. Coney Island ist das Ventil des Hexenkessels New York.

USA / Coney Island / Strand

Der Herbst ist anders

An einem sonnigen Herbsttag freilich braucht man viel Fantasie, um sich den sommerlichen Massenauflauf vorzustellen. Dann nämlich herrscht am Strand die beschauliche Atmosphäre eines Seebades in der Nebensaison. Die metallischen Rollläden der meisten Imbissstände sind heruntergelassen, das Riesenrad und die Achterbahn stehen still, und ihre Gerüste sehen aus wie das Skelett einer abgewrackten Fabrik. Vereinzelt machen Familien ein Picknick im Sand, ein paar junge Frauen sonnen sich auf ihren ausgebreiteten Handtüchern, Großväter führen ihre Enkel spazieren, Jugendliche treffen sich nach der Schule zum Radfahren, und wer sonst nichts zu tun hat, promeniert über den hölzernen Boardwalk.

USA / Coney Island / Riesenrad

Eine für New Yorker Verhältnisse fast erschreckende Stille und Langsamkeit hat sich breitgemacht. Man hört nur das unaufdringliche Rauschen der Wellen und sieht in der Ferne die Flugzeuge zum Kennedy Airport hinunterschweben.

USA / Coney Island / Boardwalk

Man ist unter sich

Die „Brooklynites“ aus den unmittelbar benachbarten Stadtvierteln sind an solchen Tagen unter sich, von Manhattan, Queens oder der Bronx kommt niemand herüber. Auch Touristen verschlägt es kaum nach Coney Island, denn der Strand gehört längst nicht mehr zu den großen New Yorker Sehenswürdigkeiten. Außerdem ist die Fahrt mit der Subway quer durch Brooklyn nicht jedermanns Geschmack, denn der Zug bleibt nicht unterirdisch, sondern fährt lange Zeit als Hochbahn an tristen Häuserzeilen, verwahrlosten Wohnblocks und stillgelegten Fabrikanlagen vorbei. Wenn man dazu noch die „local trains“ der Linie D erwischt, die an jeder Station halten, dann dauert die aufschlussreiche, aber wenig amüsante Fahrt von Manhattan aus beinahe eine volle Stunde.

USA / Coney Island / Dreamland Pier

Früher eine Sehenswürdigkeit: Das Dreamland Pier auf Coney Island. Historische Postkarte von 1910

Der erste Hot Dog

Man wird sich kaum wundern, dass ausgerechnet auf Coney Island der Siegeszug eines kulinarischen Knüllers begann: ein gewisser Mister Feltman war angeblich der Erfinder des Hot Dog, einer „sonderbaren Wurst, die in die beiden Hälften eines Brötchens eingehüllt ist“, wie das vielgelesene Magazin „Harper´s“ damals noch verwundert feststellte. Populär wurde die Wurst allerdings erst durch Nathan Handwerker, einen Angestellten Feltmans, der das Potenzial des Hot Dog für einen raschen Massenabsatz über die Theke erkannte. Er machte sich mit einer Imbissbude an einer günstig gelegenen Straßenkreuzung direkt hinter dem Strand selbstständig, kopierte das Produkt und verkaufte es zum halben Preis. „Nathan´s“ ist noch heute eine Institution in Coney Island, der Imbissstand seit achtzig Jahren kaum verändert.

USA / Coney Island / Nathans

Die Wurst kostet jetzt zwei Dollar, hat aber weiterhin den belanglosen Fünfcent-Geschmack von damals. Auch die blassrosa Farbe, die sich auf dem Rost in ein undefinierbares Hellbraun verwandelt, dürfte exakt dem Aussehen des ursprünglichen Würstchens entsprechen. Das Brötchen schmeckt nicht anders als der Pappkarton, auf dem es serviert wird, und die fade Kombination verlangt nach der nächsten amerikanischen Erfindung, dem Ketschup, der die Geschmacklosigkeit mit einer kräftigen Farbe übertönt. Dann aber hat man das Original eines kontinentalen Erfolgsmodells vor sich, „America´s favorite hot dog“.

Sozialer Wohnungsbau statt Vergnügungsparks

Jahrzehntelang war Coney Island eine Mammutkirmes mit Pferderennbahnen, Karussells, Achterbahnen und jeder Art von Vergnügung. Das Vorbild aller Themenparks und Disneylands dieser Welt.

USA / Coney Island / Wonder Wheel Park

© Astroland Amusement Park, Coney Island, Brooklyn, New York

Doch mit den Jahren erstickte der Riesenrummel an seinem eigenen Erfolg. Luxushotels wurden abgerissen, die Hippodrome mussten wegen Schwierigkeiten mit den Steuerbehörden schließen, mehrfach brannten die fragil gebauten Vergnügungsparks ab. Außerdem drückte die unaufhörliche Ausbreitung der Stadt New York mit ihren Fabriken und Wohnvierteln auf die immer knapper werdenden Flächen. Eine neue Welle der Bodenspekulation erreichte den südlichen Rand von Brooklyn, und auf dem Gelände der Pferderennbahnen und Vergnügungsparks entstanden Sozialwohnungen.

Der Blick auf´s Meer ist oft alles, was bleibt

Die Bewohner dieses Gettos haben von ihren Hochhaus-Apartments aus zwar einen Blick aufs Meer, sonst jedoch besitzen sie nur wenig Perspektiven. Arbeitslose und Wohlfahrtsempfänger sitzen vor den Bierbuden am Boardwalk, schweigen deprimiert oder halten große Reden, an die sie selbst nicht glauben. Die öffentlichen Basketballplätze am Strand, auf denen sich die schwarzen Jugendlichen Tag für Tag versammeln, sind die einzigen Orte der Hoffnung. Sie allein verkörpern den Traum vom Ausbrechen aus dem Teufelskreis der Armut, in dem hier jeder gefangen scheint.

USA / Coney Island / Wohnblock

Platz für einen Traum

Einen bescheidenen Traum haben sich die Bewohner am Strandabschnitt von Brighton Beach bereits erfüllt, wo sich seit dem Zerfall der Sowjetunion Zehntausende von russischen Einwanderern angesiedelt und ein merkwürdiges Stück Russland mitten in New York errichtet haben. Brighton Beach Avenue, die Hauptstraße des Stadtviertels, macht den Eindruck, als sei dort der Petersburger Newski prospekt unter die Brooklyner Hochbahn geklemmt worden: Vor den Geschäften sieht man eine Mischung aus Reklameschildern in russischer und englischer Sprache, in kyrillischen und lateinischen Buchstaben.

Russland in New York

Die Läden sehen aus wie sozialistische Supermärkte, die gerade eine Lieferung frischen Gemüses aus der Kolchose und gleichzeitig eine Wagenladung Westwaren bekommen haben. Hinter Bergen von Cola und Kartoffelchips stehen die Verkäufer am Tresen und löffeln saure Sahne, Gewürzgurken und Heringe aus großen Bottichen in die mitgebrachten Blechkannen und Plastikeimer der Kunden. Von der Decke hängen ungarische Salami und Mengen von undefinierbaren Würsten, hergestellt nach Rezepten aus Metzgereien aller Länder Osteuropas. Die Kioske führen ein Dutzend russischsprachige Zeitungen und Zeitschriften, Video- und Kassettenläden verkaufen fast ausschließlich russische Titel. In den Schaufenstern hängen Plakate für Veranstaltungen mit Kosakenchören oder platinblonden Sängerinnen.

Eine große Familie

Am Strand vor den russischen Wohnblocks geht es familiär zu, eine Atmosphäre entspannter Zufriedenheit breitet sich dort aus. Alte Damen stellen ihre Klappstühle vor den Hauseingängen auf, und Männer mit abgewetzten Jackets und blitzblanken Schuhen sitzen lächelnd auf den Parkbänken. Die Menschen scheinen sich alle zu kennen; Kinder, Jugendliche und Erwachsene palavern in kleinen Gruppen oder sprechen sich im Vorübergehen wie selbstverständlich an. Sogar die tätowierten Mafiosi, die mit bloßem Oberkörper auf der Reling des Boardwalk hocken und über zwei Handys irgendwelche Anweisungen erteilen, geben sich locker. Alle scheinen ihr Ziel erreicht zu haben: Sie können am Strand der großen Metropole Amerikas in der Sonne sitzen.

USA / Coney Island / Strand

Magic of a Dreamland

USA Coney Island / Postkarte

Das Dreamland auf einer Postkarte von 1908

Das Coney Island der schwarzen Gettobewohner und der russischen Immigranten mag seinen magischen Glanz verloren haben, doch für die Armen und Unterprivilegierten von New York hält es noch immer einen Zipfel des einstigen „Dreamland“ bereit. Auch wenn von der ehemals zwanzig Straßenblocks langen Amüsiermeile nur noch hundert Meter übrig geblieben sind, das Riesenrad „Wonder Wheel“ und die hölzerne Achterbahn „Cyclone“ sind nostalgische Relikte aus der goldenen Zeit der zwanziger Jahre und trotz ihrer überholten Technik beliebte Volksbelustigungen.

USA / Coney Island / Wonder Wheel

© Astroland Amusement Park, Coney Island, Brooklyn, New York

Noch immer kommen in der Sommersaison fünf Millionen Besucher allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Coney Island, wo sie für den Preis von zwei U-Bahnkarten bis zum Abend einen bescheidenen Kurzurlaub verbringen.

 

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