
Text:
Susanne L. Born
Fotos: Susanne L. Born und Shura Kraëff
Graue Wolkenfetzen
jagen über den Lake Michigan. Mit letzter Kraft wirft die untergehende
Sonne konspirative Leuchtsignale gegen die vor Eiseskälte erstarrte
Skyline. Die beiden mit Außenthermometern versehenen Fühler des 100
Stockwerke hohen John Hancock Center indizieren Minusgrade für's Rekordbuch.
Die erste Etage des vornehmen Drake Hotel erstrahlt in warmem Licht,
das von weitem wie ein Kaminfeuer wirkt. Gesichtsmuskeln scheinen
einzufrieren, Augen tränen, obwohl niemandem zum Weinen zumute ist.
Die Zwillingshäuser von Ludwig Mies van der Rohe sehen noch glatter
aus als sonst. Wahrscheinlich war es ein solcher Tag, als Frank Lloyd
Wright sie zum erstenmal in Augenschein nahm und als »flachbrüstige
Architektur« bezeichnete. Der auf direktem Weg vom Nordpol heranfliehende
Wind wirft sich vehement jedem Widerstand entgegen. »The hawk«, wird
er hier genannt, »The hawk is biting«, sagen die Chicagoans. Sie wissen,
wovon sie reden. Aber im Frühling ist diese Sorge vergessen. Die Straßencafés
machen auf, im Grant Park finden wieder Open-Air-Konzerte statt. Den
ganzen Sommer lang. Chicago erwacht zum Leben.

Al Capone und seine Männer mit den Geigenkästen sind lange tot. Dem Klischee von Chicago als Stadt der Gangster wird energisch entgegengetreten. Bürgermeister Richard Daley, dessen in gleicher Position tätiger Vater noch paychecks von Capone entgegennahm, wird nicht müde, die unbändige Tatkraft und den agilen Unternehmergeist der Chicagoans zu loben: die Kaufhausgiganten Sears & Roebuck und Marshall Field, er erinnert an Kaugummi-Wrigley, an Louis Armstrong und Mahalia Jackson, schwärmt von der Literatur Saul Bellows und der Poesie Carl Sandburgs.
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