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Ganz Amerika hinter sich lassen

Cape Cod in Massachusetts: Kennedy-Refugium, Künstler-Kolonie und Korso für Exzentriker

Text und Fotos: Volker Mehnert

Hat Amerika nicht immerzu vom Westen geträumt? Von der Eroberung der Prairie, der Überquerung der Rocky Mountains, vom sonnigen Kalifornien und schließlich vom Pazifik? Es müssen wohl die armen Schlucker gewesen sein, die Habenichtse und Zuspätgekommenen, die diesem Traum gefolgt sind. Denn während sie sich auf den beschwerlichen Weg über den Kontinent machten, waren andere bereits an der Ostküste am Ziel angekommen: auf Cape Cod.

USA Cape Cod Leuchtturm am Hang

Die Kennedys zum Beispiel: Joe und Rose, die Gründer der erfolgreichsten amerikanischen Dynastie, blieben in Boston und träumten nicht einmal in den Ferien vom Westen. Sie kauften sich vielmehr auf der nahegelegenen Halbinsel Cape Cod ein Grundstück für den Urlaub mit ihren neun Kindern, und über die Jahrzehnte ist das ursprünglich bescheidene Domizil zum legendären „Kennedy Compound“ angewachsen. John F. Kennedy verbrachte dort von 1930 bis zu seinem Tod nicht nur regelmäßig die Sommer zum Segeln und Golfspielen, Cape Cod war auch sein politisches Refugium: „Immer wenn ich eine schwere Entscheidung zu treffen habe“, sagte er, „fahre ich zum Kap und laufe am Strand entlang. Das Kap ist der Ort, wo ich allein sein und nachdenken kann.“

Der Kult um die Person des 1963 ermordeten Präsidenten ist die Hauptursache für den Ansturm von Touristen, Schaulustigen und High-Society-Voyeuren, die das Grundstück in Hyannisport während der Sommermonate regelrecht belagern. Hier will man live erleben, was sonst nur in Boulevard-Magazinen zu lesen und zu sehen ist. Damit die Familie selbst sich an solchen Tagen einigermaßen frei bewegen kann, muss die Polizei manchmal die Zufahrten abriegeln. Dann nehmen die bürgerlichen Bewunderer von „America´s Royalty“ Zuflucht zu den Ausflugsbooten, die einen flüchtigen Blick vom Meer aus auf den Wohnsitz der Kennedys versprechen. Der Mythos ist lebendiger denn je.

USA Cape Cod Golfplatz

Und Cape Cod weiß, wie es seine prominenten Bewohner vermarktet. die Golfplätze, auf denen der Präsident einst spielte sind nach wie vor beliebt (Foto links). Und schon 1963 spottete der Schriftsteller Kurt Vonnegut nach einem Besuch in Hyannis darüber, dass ein Café seine Süßspeisen mit den Namen der Familienmitglieder versah: „Eine Waffel mit Erdbeeren und Sahne war ´Jackie´, eine Waffel mit Eiskrem war `Caroline´.“ Inzwischen gibt es in der Stadt auch ein Kennedy Museum, das die naive Verehrung der Majestäten von Massachusetts mit Fotos und Videofilmen untermalt: der jugendliche JFK mit seinen Kumpels beim Footballspiel, der erwachsene JFK auf dem Golfplatz und beim Segeln, Jackie im schicken Sommerkostüm, Bobby in der Badehose unterm Sonnenschirm, die Großfamilie beim Picknick. Den größten Besucherandrang erlebte das Museum 1998 nach dem tragischen Flugzeugabsturz von John Kennedy Jr., als es eine Serie von Fotos aus dessen Kindertagen ausstellte und dadurch zum Treffpunkt der Trauernden und der Neugierigen wurde.

Ein gigantischer Angelhaken im Atlantik

Für Cape Cod war die Anwesenheit des Kennedy-Clans nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht von Nutzen. John F. Kennedy hatte die Bedeutung der einzigartigen Küstenlandschaft erkannt und ließ schon kurz nach seinem Amtsantritt als Präsident das Ostufer und das Outer Cape zur National Seashore erklären. Er integrierte auf diese Weise einen großen Teil der Halbinsel in das Nationalparksystem der Vereinigten Staaten und verhinderte dort die Zersiedlung, die in den südlichen Abschnitten von Cape Cod immer weiter um sich greift. Dank Kennedy und der National Seashore hört die Vertilgung von Landschaft auf, je weiter man sich hinausbegibt auf das Kabeljau-Kap, das früher zu den reichsten Fischgründen Nordamerikas zählte, um das heute allerdings kein einziger Kabeljau mehr schwimmt.

USA Cape Cod Klippen

Klippen, Strand und dann nur noch das Meer

Wie ein riesiger Angelhaken krümmt sich die Halbinsel in den Atlantik hinein: hundertzwanzig Kilometer lang, mit fast fünfhundert Kilometer Küstenlinie. Innerhalb des Naturschutzgebietes liegen fünfzig Kilometer ununterbrochener Strand, kaum berührt vom Menschen, denn Bauen ist verboten. Selbst der sommerliche Massenansturm auf die Strände ändert daran wenig. Der große Freiraum am Meer bleibt erhalten, weil die Touristen, mit Sonnenschirmen, Kühltaschen und Picknickkörben bepackt, sich nicht sehr weit von den wenigen ausgewiesenen Parkplätzen entfernen, auf denen sie ihre überdimensionierten Geländewagen abstellen dürfen.

USAape Cod Bucht

Segeln und Golfspielen: die Erinnerung an John F. Kennedy

Radikal umgekrempelt wird dieser Teil des Kaps jedoch unaufhörlich von den Kräften der Natur. Es ist eine junge Landschaft, entstanden vor fünfzehntausend Jahren durch den Rückzug der eiszeitlichen Gletscher. Die verbliebene Lebenserwartung ist freilich noch viel kürzer: Der Atlantik wird das Kap innerhalb der nächsten fünftausend Jahre einfach wegspülen. Einen Meter und mehr knabbern Wind und Wellen jedes Jahr von den Sandsteinklippen an der Ostküste ab. Strände verschwinden, Sandbänke tauchen auf, Dünen werden verweht, Inseln kommen und gehen.

Klippen, Wellen, Leuchttürme

Den gefräßigen Kräften des Meeres entging der Leuchtturm von Highland vor einigen Jahren nur knapp. Bevor er die Klippen hinunterstürzte, wurde er in einer kostspieligen Aktion einige hundert Meter weit ins Landesinnere versetzt. Vor dem Leuchtturm liegt die wildeste und schönste Küste von Cape Cod. „Hier kann man stehen und ganz Amerika hinter sich lassen“, schrieb vor hundertfünfzig Jahren der Schriftsteller und Naturliebhaber Henry David Thoreau. Er marschierte damals wochenlang über die gesamte Halbinsel und schrieb anschließend einen spannenden Bericht über diese Exkursion.

USA Cape Cod Leuchtturm Highland

Mit Thoreaus Buch im Rucksack lässt sich eine der reizvollsten Wanderungen an Nordamerikas Küsten unternehmen. Man geht denselben Weg, den der Autor damals nahm, am Strand und auf den Sandsteinklippen entlang, liest hin und wieder ein Kapitel in seinem Buch und wundert sich, wie wenig verändert die Landschaft erscheint, obwohl sich die Dünen seither kräftig bewegt haben und die Küstenlinie längst nicht mehr dort verläuft, wo Thoreau sie erlebt hat. Aber die Beschreibungen der Klippen und des Strandes, von Wellen, Muscheln und Möwen und sogar vom Strandgut, das hier anschwemmt, könnten gestern verfasst worden sein.

USA Cape Cod Strandhäuser

Strandkolonie - eine Seltenheit auf dem Kap

Irgendwann auf dem Weg nach Norden tauchen die Parabolic Dunes auf, eine wüstenartige Dünenlandschaft, die zu immer neuen Formen aufgeweht wird. Man kann buchstäblich zusehen, wie Wind und Wellen an einer Stelle Land und Sand abtragen, um sie anderswo zu deponieren. „Hier“, schrieb Thoreau, „haben sich die Einsamkeiten des Ozeans und der Wüste vereinigt. Nicht einmal tausend Menschen könnten sie ernsthaft stören, sie würden sich in der Weite der Landschaft ebenso verlieren, wie ihre Fußstapfen im Sand zerrinnen.“ So ist es noch heute.

Die Landschaft der Künstler

USA Cape Cod Leuchtturm im Dämmerlicht

Das schöne Land entdeckten irgendwann die Künstler. Einer der ersten war der amerikanische Impressionist Charles Hawthorne, der 1899 in Provincetown an der Nordspitze der Halbinsel die Cape Cod School of Art eröffnete. Sie war vor allem beliebt bei Damen aus der Bostoner High Society, die sich in den Ferien gern mit ein wenig Künstler- und Bohemeatmosphäre umgaben. Eugene O`Neill trat in Provincetown zum ersten Mal als Dramatiker in Erscheinung und begann dort seinen literarischen Weg zu vier Pulitzerpreisen und zum Nobelpreis für Literatur. Der Einakter „Im Nebel von Cardiff“ wurde 1916 auf einer improvisierten Freiluftbühne auf den Planken der Landungsbrücke aufgeführt, wo der Nebel tatsächlich aufzog und man das Wasser der steigenden Flut plätschern hörte.

O´Neill wurde auf Cape Cod als Künstler sozusagen geboren, die Schriftsteller John Dos Passos, E.E. Cummings, Tennessee Williams und Jack Kerouac nutzten die Landschaft und die Einsamkeit der Halbinsel lediglich vorübergehend für ungestörtes Arbeiten. Norman Mailer verbrachte fünfundvierzig Sommer in Provincetown, zog schließlich ganz in seinen geliebten „wilden Westen des Ostens“. Maler wie Jackson Pollock und Mark Rothko erhielten ihre Grundausbildung in einer Kunstschule in Provincetown, doch hat vor allem Edward Hopper die Landschaft von Cape Cod ins amerikanische Bewusstsein gemalt und das Postkartenbild der Halbinsel geprägt.

US A Cape Cod Segelboote

Auch im Hochsommer: eine beschauliche Küste

Dutzende Ölgemälde und Aquarelle mit Dünen, Leuchttürmen und den typischen Holzhäusern als Motiven sind während der Sommerferien entstanden, die er von 1934 bis zu seinem Tod im eigenen Haus in Truro verbrachte.

Ein un-amerikanisches Biotop

Im Gefolge der Künstler und der Boheme hat sich Provincetown in ein ziemlich un-amerikanisches Biotop verwandelt. Homosexuelle aus allen Teilen des Landes kamen wegen der unkonventionellen Atmosphäre, waren zunächst Außenseiter, doch inzwischen besitzen sie Häuser und Geschäfte und bestimmen den Gang des Alltags in dem einstigen Fischer- und Künstlerdorf. Es sind flüchtige Existenzen, die kommen, für ein paar Jahre bleiben und dann weiterziehen. Richtige Cape Codder, die angeblich mit „Salz in den Haaren, Sand zwischen den Zehen und Heringsblut in den Adern“ zur Welt kommen, gibt es kaum noch.

USA Cape Cod Country Club

Vor allem während des Sommers dient die Stadt als Zuflucht für den American Dream der Außenseiter und wird zur Bühne des Nonkonformismus. Lesbische Paare schieben ihre Kinderwagen über die Commercial Street, tätowierte Männer und Frauen mit nacktem Oberkörper bevölkern die Strände, schrill gekleidete Transvestiten tauchen bei Einbruch der Dunkelheit aus bieder aussehenden Bed&Breakfast Häusern auf, verschüchterte Homosexuelle aus der Provinz bewundern die selbstbewussten New Yorker Schwulen in ihrer knappen und stramm sitzenden Lederkleidung. Alle praktizieren sie auf ihre Weise die Anregung von Henry David Thoreau und lassen Amerika hinter sich - allerdings nicht ganz. Denn inmitten dieses exzentrischen Korsos flanieren Touristen vom Upper Cape und Tagesausflügler aus Boston, die sich wundern, dass so etwas in ihrem Amerika und ausgerechnet an der Küste der frommen Pilgerväter möglich ist.

 

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