Endstation Hoffnung
Chicago: Reminiszenzen an die "Black Metropolis"
Text und Fotos: Volker Mehnert
Chicago muss man von oben und von innen sehen. Das
Panorama vom Sears Tower oder vom Hancock Center, die zu den höchsten Gebäuden
der Welt zählen, ist atemberaubend. Noch spannender aber ist der Blick
ins Innere der Metropole, in die verschiedenen „neighborhoods“,
die Stadtteile. Wir empfehlen eine ungewöhnliche Tour durch „Black
Chicago“, die offenbart, dass die Stadt einst die pulsierende wirtschaftliche
und kulturelle Hauptstadt der Schwarzen in Amerika war.
Ein Abend in der Blues-Kneipe „Buddy Guy´s Legends“ ist wie eine Zeitreise. Einer der besten Blues-Gitarristen lässt hier aufspielen - mal weltberühmte Gruppen, mal unbekannte Neulinge. Man hat unmittelbaren Kontakt zu den Musikern, das Publikum ist gemischt, jeden Alters, jeder Hautfarbe. Und der Blues geht immer unter die Haut. Der Blues hat von Chicago aus einen mehrfachen Siegeszug rund um die Welt angetreten, Interpreten, Produzenten und Schallplattenfirmen haben damit Millionen verdient, aber in den Blues Bars von Chicago kommt er immer noch authentisch und ungeschliffen daher.
Seine großen Erfolge hat der Blues im Süden von Chicago gefeiert, in der so genannten South Side. Dort hat er sich vom ländlich geprägten Mississippi Blues zum weltläufigen City Blues gemausert. Dieser Teil der Stadt war fünfzig Jahre lang ein bevorzugtes Ziel der Migration aus den Südstaaten, die im frühen zwanzigsten Jahrhundert begann und während der beiden Weltkriege ihre Höhepunkte erreichte.
Sechs Millionen Schwarze verließen in dieser Zeit die Baumwollfelder und ein Klima der Ausbeutung und Unterdrückung, um sich im Norden eine neue Existenz aufzubauen. Es war die größte Bevölkerungsverschiebung in Nordamerika, größer als der hundert Jahre währende Treck von Osten nach Westen. Chicago war eine beliebte Endstation dieser Wanderung, weil mit Beginn des Ersten Weltkrieges die Immigrantenströme aus Europa versiegten und die Schlachthöfe und Fabriken dringend andere Arbeitskräfte benötigten. Jetzt waren die Schwarzen willkommen, man musste sie nur noch rufen.
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