Reisemagazin schwarzaufweiss

Halt machen, wo es am schönsten ist

Mit dem Wohnmobil durch Alaska

Text und Fotos: Rainer Heubeck

An geschäftigen Sommertagen haben Daryl Bennett und sein Team von Great Alaskan Holidays viel zu tun. Wenn es hoch her geht, werden pro Tag knapp fünfzig Wohnmobile zurückgebracht und nach ihrer Reinigung auch gleich wieder an neue Gäste ausgegeben. Wohnmobilurlaub – das bedeutet Freiheit und Unabhängigkeit. Und Alaska, der nördlichste und größte Bundesstaat der USA, bietet dafür ideale Voraussetzungen.  Die Highways, die teilweise schnurgerade durch schier endlose Wälder, aber manchmal auch weit geschwungen durch eine magisch anmutende Berglandschaft führen, sind lang und wenig befahren – und wer nicht auf einem der zahlreichen RV-Camps übernachten will, der kann auch einfach einen Rastplatz am Straßenrand suchen, vorausgesetzt natürlich, er versperrt niemandem den Weg.

USA - Alaska - Wildromantische Berglandschaft am Richardson Highway zwischen Fairbanks und Gakona Junction

Wildromantische Berglandschaft am Richardson Highway zwischen Fairbanks und Gakona Junction

Bevor die Zündschlüssel verteilt werden, ist eine Einweisung fällig – und zwar per Video. Auch wenn diese anmutet wie früher der Besuch in der Fahrschule – im Bild zu sehen, was passieren kann, wenn man Kurven zu scharf nimmt und der hintere Teil des rund zehn Meter langen Gefährts ausschert, ist in der Tat nützlich. Die meisten Unfälle allerdings, so berichtet Bennett, gibt es beim Rückwärtsfahren. Dabei können diese ganz einfach vermieden werden: Ein Beifahrer steigt aus und weist ein. Doch nicht nur die Fahrsicherheit ist bei der Einweisung ein Thema – auch wie die Sitze in Betten verwandelt werden, wie der Herd, der Kühlschrank, die Toilette und die Dusche funktioniert und wie die Seitenwände ausgefahren werden, wird genau erklärt. Wenn nicht alles hängen bleibt, ist das kein großes Problem – denn Great Alaskan Holidays gibt seinen Gästen ein Bedien-Manual mit und verfügt außerdem über eine Hotline, die mit Rat zur Seite steht. „Die Leute rufen wegen allem möglichen an, zum Beispiel, weil der Generator läuft, sie aber keinen Strom haben, weil das Kabel nicht angeschlossen ist“, erklärt Bennett.

In den Denali-Nationalpark

USA - Alaska - Highway-Romantik: Im Wohnmobil auf dem Glenn Highway zwischen Glennallen und Palmer

Highway-Romantik: Im Wohnmobil auf dem Glenn Highway zwischen Glennallen und Palmer

Endlich Abfahrt. Und statt Highway-Romantik erst einmal Stadtverkehr. Anchorage, mit über 270.000 Einwohnern die größte Stadt Alaskas, muss durchquert werden. Sich hier zurechtzufinden, ist nicht schwer – schließlich sind die Straßen in der Innenstadt quadratisch angelegt. Zuerst geht es über den Old Seward Highway Richtung Stadtzentrum, dann biegen wir in die E 6-Querstraße nach rechts ab – und stoßen kurz darauf auf den Glenn Highway, der stadtauswärts führt. Ein einziges Mal müssen wir von dieser Straße noch abbiegen – und schon sind wir auf dem George Parks Highway, über den wir direkt an den Rand des Denali-Nationalparks gelangen. Nach exakt 240 Meilen erreichen wir das Denali Grizzly Bear Resort mit seinem großen Wohnmobil-Stellplatz. Denali, das hieß in der Sprache der früher hier ansässigen Indianer schlicht der „Hohe“ – eine Bezeichnung, die für den knapp 6200 Meter hohen Mount McKinley, so die in Europa vertrautere Bezeichnung des Denali, durchaus angebracht ist. Schließlich ist der höchste Berg Nordamerikas ja schlecht zu übersehen. Vorausgesetzt, er ist überhaupt zu sehen. Denn der nächste Morgen begrüßt uns mit Nieselregen und Nebel. Für Sightseeing-Flüge zum Gipfel des Denali ist das Wetter zu schlecht – doch es bleibt die Möglichkeit einer Bustour durch den Park. Denn für Wohnmobile und Privat-Pkws ist die knapp 100 Kilometer lange Parkstraße, die vom George Parks Highway abzweigt, zum allergrößten Teil gesperrt.

USA - Alaska - Warnhinweis vor Elchen

Warnhinweis vor Elchen

Die Bustour entpuppt sich als Foto-Safari in einem ausgemusterten Schulbus, der zum Touristentransporter umgewidmet wurde. Joven, der Fahrer, stammt eigentlich aus Arizona, aber den Sommer verbringt er meist in Alaska und die Winter in Lateinamerika. „Es gibt hier im Park zwei verschiedene Arten von Tagen, es gibt die Bergtage, an denen man den McKinley gut sieht, und es gibt die Tierbeobachtungs-Tage, das sind die bedeckten, grauen Tage, an denen die Bären und Elche besonders aktiv sind“, erklärt Joven. Kein Wunder also, dass die meisten der 51 Fahrgäste ihre Nasen an die Scheiben drücken, es könnte ja ein Grizzly-Bär vorbeispazieren. „Die Chancen darauf, einen der 200 bis 300 Grizzlybären, die im Park leben, zu sehen,  liegt bei etwa vierzig Prozent“,  weiß Joven, der den Bus immer weiter Richtung Baumgrenze steuert und dabei noch ein paar Überlebens-Ratschläge gibt: Von einem Grizzlybären nie davon rennen, sondern ruhigen Schrittes von dannen gehen. Wenn man jedoch einem Elch begegnet, der den Kopf senkt, sollte man die Füße schnell in die Hand nehmen. „Es werden mehr Leute von Elchen umgebracht, als von Bären“, warnt Joven, bevor er das Tempo verlangsamt und mit dem Bus am linken Straßenrand anhält. Etwa 150 Meter vom Bus entfernt wühlt ein Grizzlybär mit seinen Pranken im Boden und wirbelt dunkle Erde durch die Luft. Dass gut fünfzig Businsassen eifrig aus dem geöffneten Fenstern heraus fotografieren, kümmert ihn nicht. Denn der Bär ist mit voller Konzentration auf der Jagd nach seinem Beutetier – einem im Boden vergrabenen Rieseneichhörnchen.

Von Nationalpark zu Nationalpark

USA - Alaska - Junge Robbe auf einer Boje im Prince William Sound

Junge Robbe auf einer Boje im Prince William Sound

Wilde Tiere beobachten, egal ob Killer- oder Buckelwale, Seelöwen oder Robben, Grizzly- oder Schwarzbären, Elche oder Rentiere, Dall-Schafe oder Gebirgsziegen, das macht einen Großteil des Reizes eines Alaska-Aufenthalts aus. Doch auch wer Wandern oder Mountain-Biken will, wer gerne über Gletscher kraxelt oder mit einem knallgelben Kajak durch einen Fjord paddeln will, ist in Alaska goldrichtig. Mit dem Wohnmobil lassen sich die verschiedene Nationalparks des Landes ideal verbinden, wobei man sich nicht vornehmen sollte, alle fünfzehn zu schaffen.

Die beliebtesten Routen für Wohnmobil-Touren führen von Anchorage aus Richtung Süden auf die Kenai-Halbinsel zum Kenai-Fjord-Nationalpark  – oder aber über den Denali-Nationalpark nach Fairbanks und Valdez. Dabei ist oftmals der Weg auch das Ziel – gerade bei einer Reise mit dem RV, dem Recreational Vehicle, denn so heißt ein Wohnmobil auf amerikanisch. Und weil Alaska eben doch typisch amerikanisch ist, hat der knapp zehn Meter lange Winnebago mit Fordmotor auch ein  Automatikgetriebe. So lange der Hebel nicht auf der Parkposition steht, springt der Motor nicht an. Ein lautes Piepsen erinnert daran, dass die Handbremse noch nicht gelöst ist. Doch dann heißt es endlich „Straße frei“.

USA - Alaska - Gebirgsbäche, grüne Wälder und majestätische Berge – Alaska begeistert Wohnmobilurlauber vor allem durch unberührte Natur

Gebirgsbäche, grüne Wälder und majestätische Berge – Alaska begeistert Wohnmobilurlauber vor allem durch unberührte Natur

Fairbanks

Auf dem Weg Richtung Fairbanks bessert sich das Wetter. Fairbanks, die  zweitgrößte Stadt Alaskas, hat zwar nur etwas mehr als 30 000 Einwohner, verfügt jedoch über einen internationalen Flughafen, zehn Thairestaurants und über einen malerisch am Ufer des Chena-Flusses gelegenen Wohnmobilpark, den River’s Edge R.V.-Park, der fast 200 Fahrzeugen Platz bietet. Hier gibt es Waschmaschinen, drahtloses Internet – und Nachschub für den Wassertank des Wohnmobils.

USA - Alaska - Rentier auf dem Gelände der Large Animal Research Station bei Fairbanks: In Alaska werden diese Tiere „Caribou“ genannt

Rentier auf dem Gelände der Large Animal Research Station bei Fairbanks: In Alaska werden diese Tiere „Caribou“ genannt

Nur wenige Meilen vom R.V.-Park entfernt sind zottelige Moschusochsen und Rentiere mit Riesengeweihen zu bewundern, allerdings nicht in freier Wildbahn, sondern in den Gehegen der „Large Animal Research Station“, in der regelmäßig Führungen angeboten werden. Doch in Fairbanks gibt es nicht nur große Tiere, sondern auch wasserballgroße Kohlköpfe – und anderes Monstergemüse. Das liegt keinesfalls an gentechnischen Experimenten hier im hohen Norden Amerikas, sondern daran, dass während es während des kurzen arktischen Sommers kaum dunkel wird – und Mohrrüben und Kohlköpfe deshalb genauso ungehemmt wachsen können wie Zucchini oder Rote Beete.

USA - Alaska - Darf es auch etwas mehr sein? Riesen-Kohlkopf bei Fairbanks

Darf es auch etwas mehr sein? Riesen-Kohlkopf bei Fairbanks

Genauso überdimensioniert wie das Alaska-Gemüse wirkt abends auch unser Wohnmobil. Im Grunde genommen könnten in dem knapp zehn Meter langen Bus wohl acht bis zehn Urlauber unterwegs sein – doch da es nur sechs Sicherheitsgurte gibt, ist das dann auch die erlaubte Maximalauslastung. Auf der Fahrt von Fairbanks über Valdez nach Anchorage sind die Regenwolken des ersten Tages endgültig vergessen – die Berg- und Gletscherlandschaften links und rechts der Straße locken mit Fotomotiven en masse. Und von Valdez aus entdecken wir Alaska noch von einer ganz anderen Seite. Mit einem Boot von Stan Stephens Cruises fahren wir durch den Prince William Sound zum fünfzig Kilometer langen Columbia-Gletscher, einen der bekanntesten und eindrucksvollsten Gletscher Alaskas, dessen Gletscherzunge direkt ans Meer reicht.

USA - Alaska - Faszinierendes Naturerlebnis: Der Columbia-Gletscher im Prince William Sound

Faszinierendes Naturerlebnis: Der Columbia-Gletscher im Prince William Sound

Reiseinformationen zu Alaska

Anreise:

Condor fliegt in den Sommermonaten mehrmals pro Woche von Frankfurt nach Anchorage und einmal pro Woche von Frankfurt nach Fairbanks. Information und Buchung unter www.condor.com oder unter Tel. Nr. 01805/767757.

Einreise:

Zur visafreien Einreise nach Alaska ist ein maschinenlesbarer Reisepass nötig, der noch mindestens sechs Monate gültig ist. Wer kein Rückflugticket hat oder länger als 90 Tage bleiben möchte, benötigt ein Visum.

Beste Reisezeit:

Juni bis August

Wohnmobile:

Einer der empfehlenswertesten Anbieter ist Great Alaskan Holidays in Anchorage (www.greatalaskanholidays.com, Tel. +1 907 248-777). Ohne Meilenbegrenzung kann ein Wohnmobil, das bis zu 6 Personen fassen kann, ab 114 US $ pro Tag angemietet werden. Der nationale deutsche Führerschein reicht aus,  allerdings muss der Fahrer mindestens 25 Jahre alt sein.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

 

Kurzportrait USA

Reisen durch die Vereinigten Staaten heißt reisen durch einen Kontinent, durch eine ganze Welt. Entsprechend vielfältig sind die touristischen Möglichkeiten zwischen Städtetour und Badeurlaub, Abenteuertrip und Sporterlebnis.

New York - Freiheitsstatue

Mehr lesen ...

Colorado als Paradies voll historischer Eisenbahnen

Colorado ist nicht zuletzt das Land der Berge und höher kommt der „normale“ Tourist nirgendwo. Doch auch die Bahnen geizen nicht mit Höhe. Zumeist spielt sich eine Tour durch die Bergwelt zwischen 2.000 und 3.00 Meter Höhe ab. Eigentlich schon ein Bereich, wo die Luft knapp werden kann, doch der Gewöhnungseffekt setzt schnell ein. Zwar steht die schmucke Lok der Museumsbahn schon unter Dampf, doch bleibt bis zur Abfahrt noch Zeit. Eine gute Gelegenheit für die Bahnfans auch mal abseits der Bahn Geschichte zu schnuppern. In Crepple Creek schein die Zeit still zu stehen.

Colorado mit dem Zug

Mehr lesen ...

 

Maine: Auf Hummerfang vor der Küste Neuenglands

Mit einer Winde befördert Tom einen Hummerkorb aus dem Meer und zieht ihn an Bord. Er öffnet den Gitterkäfig, greift nach der Beute und präsentiert seinen Gästen den Fang. Ein prächtiger Hummer ist in der Nacht in die Falle gegangen. Und der Homarus americanus, der amerikanische Hummer, ist ein temperamentvoller Bursche: Aufgeregt lässt der gelb gescheckte Krusten-Kraftprotz seine langen Antennen kreisen, schaut Tom vorwurfsvoll aus den gestielten schwarzen Augen an und schnappt angriffslustig mit seinen gewaltigen Scheren nach der Hand des Fischers.

Hummerfang vor Maine

Mehr lesen ...

Wo der Highway rockt und der Mississippi rollt. Von Memphis nach Clarksdale

Blues-Feeling muss keine Sackgasse der Gefühle sein. Denn es gibt sehr gute Wegweiser, die zu den Wurzeln des Rock’n’Roll und der aktuellen Pop-Musik führen. – Winfried Dulisch folgte den blauen Hinweisschildern entlang dem Mississippi Blues Trail.

Memphis - Clarksdale

Mehr lesen ...