Gratwanderungen zwischen Gebirge und Meer
Zu Fuß durch den Acadia Nationalpark in Maine
Text und Fotos: Volker Mehnert
Die Naturwunder ihrer Nationalparks bestaunen die Amerikaner am liebsten durch die Windschutzscheibe. In Acadia aber ist das anders. Auch wenn das Zufußgehen heutzutage beinahe eine unamerikanische Beschäftigung zu sein scheint, trifft man in Acadia mehr Wanderer als sonst in den Vereinigten Staaten. Allein auf Mount Desert Island hat man siebzehn Berge zur Auswahl, von denen keiner höher als fünfhundert Meter ist, sodass sie fast alle in weniger als einer Stunde zu besteigen sind.

Schmale Buchten zwängen sich zwischen die Berge, steile Klippen umrahmen eine Meerenge, der Ozean drängt landeinwärts, während sich Inseln, Halbinseln und hartnäckige Felsnasen seiner Kraft entgegenstellen. Sanfte Hügel wechseln sich ab mit senkrechten Felsabbrüchen, massive Granitblöcke tauchen überraschend vor dem Hintergrund einer tiefblauen Meeresoberfläche auf. Stille Bergseen, Teiche und Sümpfe liegen in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Fjord, der in den wellenbewegten, offenen Atlantik hinausführt. Eine frische Meeresbrise löst den Morgennebel auf, treibt Wolken heran und verjagt sie wieder. Hautnah spürt man bei jedem Schritt diese abwechslungsreiche Symbiose aus Land und Wasser, Gebirge und Meer.
Steinernes Chaos
Der Beachcroft Trail ist einer der schönsten Wege durch den Acadia Nationalpark. Gleich zu Anfang findet man sich mitten in einer wilden Steinwüste wieder, denn der Pfad führt durch mehrere steile Felsabbrüche in die Höhe. Idealistische Seelen haben unter großem Aufwand eine nahezu perfekte Treppe in dieses steinerne Chaos gelegt, ein kleines architektonisches Meisterwerk, das die natürlichen Vorgaben an dieser Stelle aufs Beste ergänzt und unwillkürlich an Inkapfade in den peruanischen Anden erinnert.

Zwischendurch sorgt die Natur selbst wieder für etwas mehr Gangbarkeit, denn zeitweise geht es auf blanken, massiven Felsplatten stufenlos bergauf, bevor wieder ein Steinfeld zu überqueren ist, das schließlich zum Gipfel des Champlain Mountain führt.
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