Die Vielfalt des südamerikanischen Stadtlebens, die der Palacio Salvo im Kleinen verkörpert, spiegelt sich auch in den Straßen von Montevideo wider, wo die Globalisierungstendenzen der letzten Jahre einen bunten ökonomischen Flickenteppich geknüpft haben: hell erleuchtete Computerläden neben verstaubten Buchhandlungen, deren Bücher schon durch Dutzende von Händen gegangen sind; neue Ladenpassagen neben Schreinerwerkstätten, wo im Schummerlicht noch wie vor fünfzig Jahren gesägt und gehobelt wird; exklusive Modeboutiquen neben Gemischtwarenläden, deren Schaufenster bis oben hin mit Knöpfen, Garnrollen und Gummiband vollgestopft sind.
Auch in ihren Konsumgewohnheiten verhalten sich die drei Millionen Uruguayos bemerkenswert konservativ. Seit Jahren ist der Verbrauch des Nationalgetränks, des Mate-Tees, unverändert. Mate-Trinken ist ein Ritual, für das wohlhabende Familien früher sogar einen eigenen Diener abstellten, der nur für Aufbrühen und Servieren zuständig war. Heute sitzt man in Hauseingängen, auf Parkbänken und am Strand, allein oder in Gruppen, in denen der Mate-Becher kreist und beständig neu aufgegossen wird, und das heiße Wasser kommt aus der Thermosflasche. Die matetrinkenden Menschen sind eine Selbstverständlichkeit im Straßenbild von Montevideo, ein weiteres Phänomen, das die Stadt von allen anderen südamerikanischen Metropolen unterscheidet.

Uruguayanische Passion: mit Mate-Becher
und Thermoskanne
Die Leidenschaft für den Mate ist wahrscheinlich das einzige, was die heutigen Montevideanos von ihren Vorfahren, den Gauchos, übernommen haben. Die freien Reiter der Pampa büßten zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ihre Privilegien ein.

Gaucho-Denkmal
Während ihnen die herrenlosen Rinder zwei Jahrhunderte lang in den endlosen Weiten Uruguays und Argentiniens zur Verfügung standen, sie die Felle verkauften und das Fleisch selbst verzehrten, wurden nun nach und nach große Estancias eingezäunt. Von dieser Zeit an galten die Gauchos als herumstreunendes Gesindel und lästige Vagabunden. Es fehlte ihnen der Raum zum Leben, und es blieb ihnen am Ende nichts anderes übrig, als sich für einen kargen Lohn auf den Estancias zu verdingen. Vom freien Jäger mussten sie den schmerzlichen Übergang machen zum abhängigen Viehhirten. Da nützte es ihnen wenig, dass sich Uruguay inzwischen zum eigenen Nationalstaat gemausert hatte, zumal es beständig interne Machtkonflikte und kriegerische Auseinandersetzungen mit dem großen Nachbarn Argentinien gab.
Seite 1 / 2 / 3 / 4 / 5 / 6 / 7 / zur Startseite