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Der Verlust des architektonischen Stilgefühls findet seine Krönung am Hauptplatz von Montevideo, der Plaza de Independencia: Neben dem Palacio Estévez, einem zweistöckigen Kolonialgebäude, hat man dort einen bislang unvollendeten postmodernen Büroturm errichtet, umgeben von einem grässlichen Wellblechzaun; im Anschluss folgt ein Hochhaus, das direkt aus dem Moskau der sechziger Jahre importiert scheint, daneben stehen zwei trostlose Bauruinen, dann zeigt sich wieder eine hübsche Kolonialfassade, allerdings völlig verloren zwischen einer Front von Gebäuden, deren Baustil sich jeder Beschreibung entzieht. In der Mitte des Platzes steht die selbst für südamerikanische Verhältnisse etwas zu groß geratene Reiterstatue von José Artigas, dem Freiheitskämpfer und Nationalhelden von Uruguay: je kleiner das Land, desto größer der Reiter.

Urugua / Montevideo - Plaza de Independencia
Reiterstatue von José Artigas auf dem
Plaza de Independencia

An der Plaza de Independencia befindet sich auch das markanteste und zugleich umstrittenste aller Bauwerke von Montevideo, der Palacio Salvo. Seine aufdringliche Zuckerbäcker-Architektur, ausgestattet mit kuriosen Fenstern, Türmchen und Erkern, galt so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Le Corbusier und dem uruguayischen Schriftsteller Mario Benedetti als Inbegriff des Hässlichen.

Uruguay / Montevideo - Palacio Salvo
Palacio Salvo

Viele können auch nicht vergessen, dass für seinen Bau ein Café weichen musste, in dem 1917 "La Cumparsita" uraufgeführt wurde, der wahrscheinlich berühmteste aller Tangos, nicht von einem Argentinier komponiert, sondern von Gerardo Matos, einem Montevideano, und deshalb so etwas wie eine zweite Nationalhymne Uruguays. Der 1928 errichtete Palacio, jahrzehntelang das höchste Bauwerk Südamerikas, hat diesen Wallfahrtsort für Tango-Enthusiasten unter sich begraben, ist aber trotz aller Kritik schließlich doch zum Wahrzeichen der Stadt geworden.

Er überragt noch heute alle anderen Gebäude des Zentrums, und in seinem Innern hat sich eine eigene kleine Welt herausgebildet, ein Mikrokosmos mit Restaurants und Cafés, Buchhandlungen, Zeitungsständen, Friseuren, Anwaltskanzleien, Arztpraxen und Läden jeder Art. In den oberen Stockwerken wohnen Hunderte von Menschen, manche in luxuriösen Apartments, andere in engen Dachstuben, die lediglich über ein antiquiertes Bad verfügen. Ob arm oder reich, wer in diesem seltsamen Hochhaus wohnt, gehört zu einer verschworenen Gemeinschaft, und es gibt immer wieder Gerüchte, dass in den Tiefen des Palastes okkulte Geheimbünde ihr Unwesen treiben. Der Fremde jedenfalls, der sich in das Gebäude hineinwagt, muss aufpassen, dass er sich im Gewirr der verwinkelten Flure, düsteren Treppenhäuser und muffigen Zwischengeschosse nicht verirrt.

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