Die wenigen Versuche mit der Moderne, zumeist im Zentrum der Stadt, sind denn auch durchweg misslungen. In den letzten fünfzig Jahren hat sich dort eine schauderhafte Architektur ausgebreitet, die mit Baukunst nicht mehr viel gemein hat. Lieblos aufeinandergestapelte Etagen aus Stein und Beton, vermengt mit Schichten aus Glas und Metall, können nicht einmal den Anspruch einer schmucklosen Modernität erheben und sehen schon nach wenigen Jahren völlig verkommen aus. Auch die verbliebenen Gebäude im Kolonial- und Jugendstil werden von dieser geballten Hässlichkeit erdrückt: Die schäbigen Fassaden sind immer ein bisschen breiter, ein paar Stockwerke höher und befinden sich schon lange in einer beträchtlichen Überzahl.

Eine Entspannung fürs Auge bieten allerdings die kleinen, begrünten Plazas, die wie an einer Schnur in der Innenstadt aufgereiht sind und den steinernen Wildwuchs regelmäßig unterbrechen. Angenehm bummeln lässt sich auch durch die Platanenalleen der hübschen und gut erhaltenen "barrios", Vorstädte, von deren Querstraßen aus man direkt aufs Meer schaut, präziser gesagt auf den Rio de la Plata, dessen riesiger Mündungstrichter hier allmählich in den Atlantischen Ozean übergeht.

Uruguay / Montevideo - Plaza Constitucion 2
Plaza Constitución

Leider scheint auch die Ciudad Vieja, die koloniale Altstadt, einem unaufhaltsamen Verfall preisgegeben. Dort stehen zwar noch viele ehemals herrschaftliche Häuser, doch hat man Türen und Fenster inzwischen häufig mit Brettern vernagelt und die Fassaden mit Plakaten zugeklebt. Die Stuckverzierungen bröckeln oder sind längst verschwunden, und die Graffiti an den Hauswänden, die eine "Nekropolis der zerbrochenen Träume" beklagen, sprechen Bände.

Uruguay / Montevideo - Ciudad Vieja
Ciudad Vieja: nur wenige Fassaden
sind noch erhalten

In den Erdgeschossen haben sich Ramschläden aller Art einquartiert, und die oberen Stockwerke beherbergen Großfamilien, die sich in heruntergekommenen Wohnungen auf engstem Raum zusammendrängen müssen - ein Sammelplatz der Armut, an dem kein Peso zur Erhaltung der Bausubstanz erübrigt werden kann.

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