Eine ähnliche Stimmung findet man in den traditionellen Confiterías, die es in Montevideo an jeder Straßenecke gibt. Diese Mischungen aus Kneipe, Restaurant und Café dienen nicht nur als Verpflegungsstationen, sondern sind soziale Treffpunkte für Jung und Alt, wo Studenten neben Geschäftsleuten und Großfamilien neben einsamen Rentnern sitzen, lediglich einen Kaffee trinken oder sich ein opulentes Abendessen servieren lassen. Wer noch mehr Lokalkolorit sucht, geht zum Mercado del Puerto, einer ehemaligen Markthalle aus Schmiedeeisen, in der sich heute Imbissstände, Kneipen und Restaurants niedergelassen haben.
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Hier köcheln Fisch- und Muschelsuppen, und auf den “parrillas”, riesigen Grillrosten, brutzeln Würste, Innereien und mächtige Fleischbrocken. Im Halbdunkel der Lokale treffen sich Angestellte von Banken und Schifffahrtsagenturen zum ausgedehnten Mittagessen, und an den langen Tresen lassen sich Handwerker und Verkäuferinnen für einen raschen Imbiss nieder.

Dort begegnet man auch noch den Charakteren, die der Erzähler Mario Benedetti während der fünfziger Jahre in seinen Geschichten über die Montevideanos beschrieben hat: einfache Menschen, “die mit ihrem bescheidenen Los zufrieden sind”, oder abgestumpfte Intellektuelle, “die sich jahrelang am selben Tisch treffen und sich gegenseitig anöden.
Überhaupt scheint der Lebensrhythmus auf dem Stand der fünfziger Jahre zu verharren. Die Stadt ist zwar inzwischen auf eineinhalb Millionen Einwohner angewachsen, aber sie platzt nicht aus allen Nähten. Die wirtschaftliche Entwicklung geht nur stockend voran und ist zeitweise sogar rückläufig, der kleinstädtische Charakter dominiert, und die übliche Hektik südamerikanischer Metropolen ist weiterhin auf ein Minimum beschränkt. Der erbarmungslose Großstadt-Dschungel, wie man ihn von Buenos Aires, São Paulo oder Rio de Janeiro her kennt, konnte sich hier noch nicht ausbreiten. Montevideo bleibt vorerst die provinzielle Hauptstadt eines großen Bauernhofes, der “Estancia Uruguay”, die doppelt so groß ist wie Portugal, die zu achtzig Prozent aus Weideland besteht, und auf der es viermal soviel Rinder gibt wie Menschen.
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