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Urlaubsparadies Jalta

Ukrainische Geschichten. In Jalta, dem angeblichen Urlaubsparadies der neureichen Halbwelt, erwartet der Reisende solche von goldkettchenbehangenen Stiernacken mit Brillant im Ohr und Eis im Blick. Doch die millionenschweren "Neuen Ukrainer" scheinen unpässlich, Jaltas Geschichten handeln eher von Sonne, Strand und Sanatorien. Der Durchschnittsgast trägt nicht Gold, sondern Bier in Flaschen über die palmen- und rosenbestandene Promenade - was kein Wunder ist, kostet der halbe Liter in einem der Cafes doch dreimal soviel wie nebenan am Kiosk. "Rammstein" dröhnt mit "Blue System" um die Wette, in den winzigen, kiesigen Buchten planschen Eltern mit ihren Kleinen und ältere Paare sehen sich mit verhaltener Zärtlichkeit in die Augen. Auf der Ufermauer spielen Veteranen Blitzschach mit blitzschnellen Wunderkindern, und überall locken Stände mit abenteuerlichen Requisiten, in ein neues Leben zu schlüpfen - wenigstens eine Fotosession lang: Als Rocker auf der Honda oder Zar auf rotsamtenem Fauteuil, als kurvenreiche Nixe, wüster Pirat oder furchtloser Tierdresseur, mit Käuzchen, Kaiman und Wüstenspringmaus.

Ukraine - Jalta
Sich einmal als Rockerbraut fotografieren lassen ...

Weniger schrill als bieder geht es hier zu, mehr Boltenhagen als Cannes, und auch die schwarze Stretchlimousine vor dem Casino ist nicht klischeefüllend, zumal der angebliche Chauffeur den ganzen Tag nur eifrig daran herum wienert und das Nummernschild für "General Trucks Service Memphis" wirbt. Aber dann, ja dann stöckelt doch plötzlich wieder eines jener endlosbeinigen, pferdemähnigen, hüftrollenden Wesen über das Pflaster, und jedermann blickt betont unauffällig ihrem Begleiter hinterher, einem unscheinbaren Mitvierziger in Schwarz: Es gibt sie also doch, die Neuen...!

"Natürlich gibt es sie", sagt Yuriy, der hochgewachsene Dolmetscher, der, ganz in Weiß, mit grauem Schnurrbart und korrektem Scheitel an einen Offizier des Zaren erinnert - tatsächlich aber früher als Conférencier einer Militärkapelle der Roten Armee durch die DDR tingelte. "An den Hängen stehen riesige Villen, schwer bewacht, von denen niemand weiß, wie die Besitzer an die Baugenehmigung kamen. Vielleicht bringt die Untersuchung solcher Grundstücksgeschäfte ja Klarheit im einen oder anderen Fall."

Ukraine - Jalta - der Weiße Palast in Livadija
Der Weiße Palast in Livadija

In Livadija, dem Weißen Palast, dem Sommerpalast des Zaren, zeigt man den Runden Tisch, an dem Stalin, Churchill und der kranke Roosevelt die Nachkriegswelt neu ordneten. Im ersten, während der Sowjetzeit nicht zugänglichen Stock, erzählt die Führerin zwischen bunten Clowns und tanzenden Mäusen, die die vier Zarentöchter gemalt haben, vom schrecklichen Ende der letzten Zarenfamilie unter den Kugeln der Bolschewiken. Von rechtlosen Bauern, hungernden Arbeitern und ins Feuer gejagten Matrosen dagegen kein Wort mehr.

Ukraine - Jalta - Blick vom Sonnenpfad auf das Schwalbennest
Blick vom Sonnenpfad auf das Schwalbennest

Auch der Sonnenpfad, der im Schlosspark beginnt, hat seine Geschichte: Nikolai II. soll ihn in voller Montur und beladen mit der Ausrüstung eines gewöhnlichen Infanteristen im Sturmschritt abmarschiert sein - was der Zar schafft, kann er seinen Soldaten allemal zumuten! Doch der Spazierweg, der sich genau 6711 Meter lang auf halber Höhe am Hang entlang zieht, ist viel zu schön für adlige und andere Raser. Fast immer verläuft er im Schatten, an besonderen Aussichtspunkten aber gibt er den Blick weit über die Hänge frei: Ginster flammt golden auf, Pinien, Wacholder und Zypressen duften, in der Ferne frisst sich grauer Beton die grünen Hügel über Jalta hoch und tief unten liegt das Schwalbennest, jenes 1911 auf einem Felssporn über dem türkisen Meer erbaute Schlösschen, das längst zum Wahrzeichen der Krim geworden ist. Eine Geschichte dazu? Aber natürlich gibt es eine Geschichte: Wie der deutsche Baron seiner angebeteten Geliebten... - an Geschichten herrscht schließlich kein Mangel im Land.



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