Galizien - verschwundenes Land?

Eine Reise durch Vergangenheit
und
Gegenwart der westlichen Ukraine
Text und Fotos: Simone Hantsch
"Galizien, das liegt doch in Spanien!“ Immer
wieder höre ich diesen Kommentar, wenn ich von Galizien spreche, „dem
Land, wo Menschen und Bücher lebten.“ So beschrieb es
der Dichter Paul Celan, der im südlichsten Teil dieses weltvergessenen
Landstriches, in der Bukowina, zu Hause war. Ich folge seinen Versen
und reise durch Raum und Zeit bis in die einstige Kulturmetropole
Czernowitz.
Erste Station ist Krakau, die wunderschöne, wo aus der Weichsel
die Melancholie aufsteigt und durch die Gassen und Kaffeehäuser
zieht, die Träumer und Philosophen einhüllt.

Geschäftiges
Treiben auf dem Markplatz
von Krakau
Heute wie damals. Die Erinnerung an diese Zeit, an das Habsburgische Königreich Galizien und Lodomerien verblasst, wie das Gelb der Häuser. Sie nimmt nostalgische Züge an, idealisiert und treibt mitunter wundersame Blüten, wie die von Robert Maklowicz. Der „polnische Biolek“, Journalist und Fernsehkoch, sammelt Rezepte aus dem vergangenen Galizien. Auch das alljährlich stattfindende jüdische Kulturfestival will an diese Zeit erinnern, als noch 70.000 Juden in der Stadt wohnten. Allmählich belebt sich das jüdische Viertel Kazimierz neu: restaurierte Häuser, das Zentrum für jüdische Kultur, ein Jüdisches Museum, Gespräche in der Remuh-Synagoge, Essen im „Klezmer Hois“.
Kürbisse, Mais und Sonnenblumen
Ich fahre weiter auf der mittelalterlichen Handelsstraße, die von Frankfurt am Main über Wroclaw, Krakow, Lwiw bis nach Kiew führte. Eine Ebene mit vielen, kleinen Ortschaften, noch kleineren Feldern, das graue Städtchen Przemysl und das Flüsschen San, die natürliche Grenze die West- und Ostgalizien teilte. Dahinter die heutige Grenzstation. Mehr als Geduld braucht, wer sie überqueren möchte. Irgendwann geht es weiter übers flache Land.

Bauern bei der Ernte
Gelb leuchten Mais und Korn, orange die Kürbisse und grün dunkeln die Waldsäume mit hellen Birkenflecken. Dazwischen geduckt die Dörfer mit Gänsescharen und Sonnenblumen in den Gärten. Die Bauern sind bei der Kartoffelernte. Ein paar Hektar Land besitzt jeder von ihnen seit der Bodenreform in den neunziger Jahren. Viele leben von dem, was ihre Äcker hergeben und ernähren die Großfamilie gleich mit. Was übrig bleibt, findet seine Abnehmer auf den Gemüsemärkten in den Städten.
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