Für die gesamte Strecke benötigt man mindestens dreißig Tage. Wer nicht gar so viel Zeit hat, der kann seine Wanderung in einer der vielen Städte entlang des Wanderweges beginnen. Ich entscheide mich für das Städtchen Kas, etwa auf der Hälfte der Strecke gelegen. Kas, einst ein verschlafenes Fischerdorf, blieb bisher vom Massentourismus verschont und steht für gehobenen Individual- und Sporttourismus. Entlang der engen Gassen liegen kleine Pensionen, und gemütliche Restaurants mit Blick aufs Meer. Im beschaulichen Hafen dümpeln eine überschaubare Zahl von Ausflugsdampfern neben den Fischerbooten und den Schiffen für Tauchausflüge. Die Urlaubssaison ist noch jung. Auf dem Campingplatz steht einsam und verlassen ein Wohnmobil, ein Zettel an der Rezeption teilt mir die Telefonnummer mit, unter der ich den „Platzwart“ erreiche.

Türkische Gastfreundschaft

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit würzigem Schafskäse, Tomaten, Gurken, Oliven und Weißbrot beginne ich am nächsten Morgen meine Tour. Die rege Bautätigkeit entlang der Strandpromenade kündet davon, dass der Tourismus auch in Kas expandiert: Hier wird ein Stück Strasse neu gepflastert, dort entsteht eine Pension. Doch schon nach wenigen Schritten wird es sehr, sehr ruhig. Schildkröten kreuzen meinen Weg, und mein Blick schweift frei über das Meer und die vorgelagerte Insel Meis.

Türkei / Lykien / Meerblick

Ich lasse Kas hinter mir und bin eine halbe Stunde später in der ländlichen, scheinbar seit Jahrhunderten unveränderten Türkei, weit weg von feilschenden Teppichverkäufern und Ansichtskartenverkäufern. Mein Weg führt über Felder und durch Olivenhaine, vorbei an verlassenen Häusern und mühsam aufgeschichteten Steinmauern. Ich bin vielleicht vier oder fünf Stunden unterwegs, als ich das erste Mal – in den nächsten zwei Wochen sollte mir das noch oft wiederfahren – türkische Gastfreundschaft erlebe: Freudig erregt winkt mich ein Mann vom Weg. Er begrüßt mich überschwänglich, zieht mich auf die Terrasse seines Hauses und weist seine Frau an aufzutischen. Augenblicke später türmen sich dünne Brotfladen – „Yuffka“ genannt – vor mir auf. Dazu wird ein großer Krug mit Ayran gereicht, einem köstlich-erfrischenden Getränk aus Ziegenmilch und Ziegenjoghurt. Zum Abschluss dieses köstlichen Mahls darf natürlich der obligatorische Tee nicht fehlen. Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal staune ich, wie viel Zucker hier in die kleinen bauchigen Teegläser geschüttet wird. Herzlich bedanke ich mich bei meinen beiden Gastgebern für diese unerwartete, aber willkommene Abwechslung und den freundlichen Empfang.

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