Reisemagazin schwarzaufweiss

Out of Antalya

Ein Besuch im Hinterland der türkischen Ferienmetropole

Text und Fotos: Anita Ericson

Kaş ist die große Überraschung: so kann es also auch aussehen, wenn auf dem Ticket Antalya steht. Keine Megasuperclubhotels, die ihre Mauern aneinander wetzen und mehr Betten bieten als das dazugehörige Dorf Einwohner hat. Kaş lebt zwar mittlerweile ganz gut vom Tourismus, konnte aber seine Fischerdorfidylle in weiten Teilen erhalten.

Türkei - Kas

Blick auf den Ort Kaş

Nur wenige Autos verirren sich ins Zentrum und weiter an den Hafen, die engen, steilen, buckligen Gassen sind zumeist Fußgängern vorbehalten. In alten Steinhäusern, die aus jenen Zeiten stammen, als Griechen und Türken hier friedlich miteinander lebten, sind kleine Läden und hippe Cafés untergebracht, davor räkeln sich Katzen unter dichten Gummibäumen. Feigenbäume spenden fleckigen Schatten, Hibiskusblüten und Geranien in weiß gekalkten Steintrögen entlang von Hausmauern setzen bunte Tupfen. Ganz unten am Hafen trifft man sich im Teegarten des Noel Baba – Vater Weihnachtsmann – bei einem Glas Çay – Tee – und bespricht die kommende Sommersaison, die hoffentlich, der Weltlage zum Trotz, die Touristen wieder in Scharen strömen lässt.

So wenig man es nämlich der Stadt auf den ersten Blick ansieht, so dicht stehen doch auch hier die Hotels eins am anderen – allerdings in unauffälligen Stadthäusern an der üppig bewachsenen Promenade, die man erst überqueren muss, möchte man ans Meer. Das öffnet sich in Kaş dem Badenden auch nicht in sandigen Stränden sondern über steinige Buchten, an denen Badeplattformen angebracht sind. Dafür ist das Meer schon an der Wasserlinie kristallklar, keine Sandwolken trüben den Durchblick. Die Hotels sind terrassenförmig in den Hang gebaut, von den Pools der besseren Häuser bietet sich ein großartiger Blick über die Bucht, die von zwei Halbinseln und einer Insel eingerahmt wird. Im Rücken ist Kaş durch einen dramatischen Bergabhang vom Rest der Türkei nahezu abgeschnitten – was dem Ort fast ein insulares Flair verleiht.

Türkei - Kas - steinige Buchten mit Badeplattformen

Steinige Buchten mit Badeplattformen

Ausgerechnet diese einzigartige Lage wird Kaş wiederum zum Verhängnis – zumindest laut Meinung der hiesigen Touristiker, die es bedauern, dass es keine einzige Resort- oder Clubanlage gibt, die von einem der großen Reiseveranstalter mit Gästen gefüttert wird. Drei Stunden Transferzeit vom Flughafen Antalya respektive zweieinhalb von Dalaman ist heutzutage einfach zu viel, die meisten Gäste möchten in dieser Zeit längst am Pool dösen. Ob das wirklich ein Nachteil ist, darüber darf man freilich anderer Meinung sein: wer seinen Urlaub dort verbringen möchte, wo er etwas hat vom Land, dem sei Kaş wärmstens ans Herz gelegt.

Der Strand von Patara

Okay, es gibt, wie oben erwähnt, keinen ausgesprochenen Strand, aber man kann zur Halbinsel übersetzen, die eine schöne Bucht birgt oder einen Tagesausflug zum 18 Kilometer langen, breiten und dünengesäumten Strand von Patara machen. Die ganzen 18 einsamen Kilometer sind ein wahrer Urlaubstraum, Dorfvorsteher Arif Otlu sagt: „Das ganze Gebiet steht unter Naturschutz. Hier brüten die Karettschildkröten und es herrscht strengstes Bauverbot. Auch wegen der antiken Stadt, die direkt an die Sanddünen anschließt“. Das Dorf selbst liegt am Eingang zur Zufahrtsstraße. Eine bescheidene touristische Infrastruktur aus familiären Pensionen und simplen Lokalen hat sich etabliert. „Wir versuchen das bestehende Angebot zu verbessern und im Dorf zu investieren, um gegenüber anderen Orten konkurrenzfähig zu werden. Vorigen Winter haben wir etwa 300 Bäume gepflanzt, um das Ortsbild zu verschönern“, so Arif weiter. Aber was heißt schon konkurrenzfähig? Es ist eine Frage der Ansprüche: Rucksacktouristen haben Patara längst in die Liste ihrer must-visit-Orte aufgenommen. Sie schätzen die gemütliche Atmosphäre und die charmanten Quartiergeber wie Ferda Gürbüztürk, die vor zehn Jahren Ankara den Rücken kehrte und seither hier lebt: „Ich liebe das Leben in Patara und ich möchte, dass alle meine Gäste auch so denken“.

Türkei - Strand von Patara

Traumhafter Strand von Patara

Zentrum der Outdoorfreaks

Auch in Kaş ist das Publikum auffallend jung – neben vielen älteren Stammgästen finden sich vermehrt so genannte Outdoorfreaks ein. Murat von der Agentur Dragoman: „In Kaş findest Du die besten Tauchmöglichkeiten am Mittelmeer. In unseren Bergen, die praktisch aus dem Ort herauswachsen, gibt es tolle Trekking-, Mountainbike- und Canyoningmöglichkeiten. Und außerdem kannst Du Dich mit einem Paragleitschirm zu Tal stürzen. Am beliebtesten sind Kombinationen, jeden Tag etwas anderes. Da drauf stehen unsere Kunden“. Kaş hat sich in den letzten Jahren zur führenden Outdoordestination der Türkei gemausert, die sportlichen Gäste tragen viel bei zum unkomplizierten Flair im Ort.

Türkei - Kas

Führende Outdoordestination der Türkei: Kaş

Die Mountainbike-, Trekking- und Canyoningtouren führen ins Hinterland des Taurusgebirges mit seinen reißenden Flüssen, seinen aussichtsreichen Wanderwegen, seinen wadlsstrapazierenden Bergstrecken. Man kann den Ausflug gleichfalls bequem anlegen und mit dem Auto in die Berge fahren. Es dauert keine drei Minuten und man ist auf dem Land – die Frauen in buntgeblümten Pluderhosen und ärmellosen Strickwesten, das Kopftuch lose umgeschlungen; die Männer in tadellosen Hosen, etwas zu dicken Sakkos und wollenen Käppis, Zigarette stets im Mundwinkel. Die einen hängen im Garten ihres bescheidenen Häuschens die Wäsche auf, hüten an steinigen Abhängen die Ziegen – die anderen sitzen im Café oder stehen auf der Straße und diskutieren. Gömbe wirkt wie ein Nest weit im Landesinneren, obwohl Kaş gerade mal 60 Kilometer entfernt liegt. Vom Straßencafé blickt man auf die Moschee und den bis in den Juni hinein mit Schnee bedeckten Akdağ. Der Lautsprecher am Hauptplatz klackert und eine knarzende Stimme kündigt den großen Ausverkauf an: „Teppiche heute kaufen, erst im Herbst bezahlen“. Es folgt der atonale Singsang des Muezzin, Allah gibt seinen Segen. An den Straßenrändern sind Holzkisten gestapelt, die demnächst mit Äpfeln, die man nach der Ernte im Kühlhaus gelagert hatte, gefüllt und an die Küste gebracht werden. Pappeln säumen die terrassierten Felder zwischen den Obsthainen, einfache Bauernhäuser sprenkeln die Landschaft.

Türkei - Taurusgebirge - Moschee in Gömbe

Die Moschee in Gömbe mit dem mit Schnee bedeckten Akdağ im Hintergrund

Auf den Spuren der Lykier

Abgesehen von seinem dörflichen Charakter und seiner umwerfenden Gebirgslandschaft hat das Hinterland wenig zu bieten – keine herausragenden Moscheen, keine lebendigen Städtchen, keine Zeugen großer Vergangenheit. Kultur gibt’s dafür an der Küste, reichlich und einzigartig: auf der riesigen Halbinsel, die sich zwischen den beiden Charterflughäfen Antalya an der Süd- und Dalaman an der Westküste ins Meer vorschiebt, lag das antike Lykien. Die Lykier geben den Forschern Rätsel auf, eine Theorie besagt, dass sie im 15. Jahrhundert vor Christus von der griechischen Insel Kreta eingewandert waren. Ihr Anführer soll der Bruder des sagenhaften kretischen König Minos gewesen sein. Jedenfalls hatten sie hier ihr kleines Reich errichtet, das erst von den Römern assimiliert wurde. Zurückgeblieben sind die Reste ihres Totenkults, erstaunliche Grabbauten, die die lykische Küste überziehen.

Türkei - Myra - Basilika des heiligen Nikolaus

In der Basilika des heiligen Nikolaus in Myra

Eine der großartigsten Nekropolen ist in Myra zu finden, das darüberhinaus noch mit römischen Ruinen aufwartet – an denen in der Türkei aber sowieso kein Mangel herrscht. Abgesehen davon gibt es in Myra die Basilika des heiligen Nikolaus zu sehen, der im Laufe der Jahrtausende von einem mildtätigen Bischof zum überkommerzialisierten Santa Claus gewandelt wurde.

An der Kemerküste

Türkei - Kemerküste

Kemerküste

Folgt man von Myra dem Küstenverlauf in Richtung Osten, landet man an der Kemerküste. Die unterscheidet sich von der lykischen Küste dadurch, dass sie eigentlich noch schöner ist – dafür deutlich mehr erschlossen. Schöner, weil die karge Macchia sanften Pinienwäldern weicht, die sich an den Hängen des Taurus ins Meer ergießen. Wie etwa bei der antiken Stadt Olympos, wo ein pistaziengrüner Fluss bis zu einem langgezogenen Traumstrand aus grobem Kies führt.

Türkei - Kemerküste bei Olympos

Strand bei Olympos

Solche Plätze sind allerdings recht selten geworden an der Kemerküste, die malerischsten Buchten sind – und damit wären wir bei der Kehrseite der Medaille – fest in der Hand der Ferienhotels. Es war Kemer, wo der Aufstieg der Südtürkei als Badedestination begann, was angesichts der atemberaubenden Lage des Dorfs kein Wunder ist. Noch 1980 war die Bucht weitgehend verlassen, 1984 öffneten die ersten Clubanlagen an einem an sich aber immer noch einsamen Kiesstrand. Schön ist der von Bergen eingerahmte Strand geblieben, bloß reiht sich heute ein Hotel nahtlos ans andere. 50.000 Betten und möglichst alle Gäste wollen Meerblick. Das Dorf Kemer ist jenseits der großen Straße ins Abseits gerückt, die alten Häuser in Hafennähe sind durch zweckmäßige Neubauten ersetzt – unten Shops und Restaurants, oben Wohnungen und Büros. Bei dieser Entwicklung haben internationale Touristikkonzerne gewaltigen Profit gemacht, aber auch Einheimische sind ans große Geld gekommen. Ein typisches Beispiel ist Emin Gül, dessen Großvater Fischer war und der heute einen brandneuen Nissan Pathfinder mit allen Extras fährt. Am Ende des verbauten Gebiets steht sein Hotel Gül, daneben das Hotel Rose seines Bruders und dahinter noch mal jeweils ein Resort. „Es sind Familiengrundstücke. 1983 habe ich mit einem Campingplatz begonnen, bald darauf habe ich Bungalows gebaut. 2004 wurde unser Hotel eröffnet“. 150 Betten im schmalen Haus, Strandzugang über den Pool. Das Hotel ist mit stilsicherer Hand eingerichtet, ein bisschen Designertouch, aber nicht zu viel. Gebaut wird links von den beiden Häusern an weiteren Hotels, rechts wären ein paar Plätze frei. Sind es nicht schon zu viele Hotels? „Wir haben keinen Mangel an Nachfrage“, lächelt Emin Gül unergründlich, „Wir sind jedes Jahr schon im März ausgebucht“.

Über Auslastungsmangel beklagt sich auch Seda Alpata vom Dogan Hotel nicht: „Den Sommer über sind unsere Betten jedes Jahr zu 90 Prozent belegt. Unsere Kundschaft schätzt unser traditionelles Flair“. In der Tat ist das Hotel mitten in Antalyas Altstadt Kaleiçi ein besonderes Haus, das sich in jeder Hinsicht vom üblichen Beach-Resort-Angebot unterscheidet: die Zimmer sind untergebracht in mehreren, bis zu zweihundert Jahre alten Stadthäusern, die ab 1986 sukzessive von einer Pension zu einem eleganten Boutique-Hotel umgebaut wurden. Das Dogan Hotel ist eines von mehreren seiner Art in Antalya. „Wir sind sehr familär und bieten dennoch erstklassigen Service. Unsere Gäste möchten nicht in riesigen Ferienanlagen am Meer wohnen, sie schätzen das Ambiente mitten in der Stadt“, sagt Seda weiter. Sie genießen es, dann durch die Altstadtgassen zu schlendern, wenn die Touristen, die untertags die Stadt stürmen, längst wieder im modernen Speisesaal im Strandhotel sitzen.

Türkei - Altstadt von Antalya

Gassen in der Altstadt von Antalya

Wobei es einem ehrlich gesagt schwer fällt, Antalya ins Herz zu schließen. Die Hafenstadt, von der Kemal Atatürk angeblich meinte, sie sei die schönste Stadt der Türkei, wird von einem dichten Neubauring im Würgegriff gehalten, der das kleine Restchen Altstadt praktisch erdrückt. Vom Hafen sind es gerade ein paar Gässchen, die mehr durch Souvenirshops auffallen als durch besonders gepflegte Bausubstanz, bis man in den modernen Straßen der Stadt ist. Und der fehlt es irgendwie an Stimmung. Gerade auch Türken empfinden so, Orhan, ein echter Izmirer, der seit vielen Jahren an der Südküste wohnt: „Ich mag Antalya nicht besonders, der Stadt fehlt die Fröhlichkeit. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Antalya zu schnell zu groß gewachsen ist.“

Reiseinformationen

Türkisches Generalkonsulat Berlin
Heerstr.21
14052 Berlin
E-Mail: konsulat.berlin@mfa.gov.tr
http://berlin.bk.mfa.gov.tr

Türkisches Kultur- und Tourismusbüro
Baseler Str. 35-37
60329 Frankfurt
Deutschland
Tel. 0049-69-233081
Fax 0049-69-232751
 
in Österreich:

Singerstraße 2/8
1010 Wien
Tel.: 01/512 21 28
www.turkinfo.at

 

Website der Autorin: www.anita-ericson.com/anita.php

 

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