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Vom Provinznest zur Boomtown

Ankara

Text und Fotos: Hilke Maunder

Lange, zu lange  stand Ankara im Schatten von Istanbul. Die Hauptstadt im Herzen Anatoliens galt Jahrzehnte lang als rückständig und langweilig, die Bosporusmetropole als hipp. Diese Vorurteile sind längst überholt. Ankara, seit 90 Jahren Hauptstadt der Türkei, ist heute eine flotte Metropole mit alten Traditionen und modernen Visionen, die mit so mancher Überraschung aufwartet: Wo sonst sitzt eine Moschee auf einem Supermarkt?

Türkei - Ankara - Händler in der Altstadt

Händler in der Altstadt von Ankara

Seit 4000 Jahren zieht Ankara die Menschen an. Phryger, Galater, Byzantiner, Seldschuken und Osmanen siedelten dort auf dem 900 m hohen Hochplateau, das genau im geometrischen und geographischen Zentrum der 800.000 Quadratkilometer großen türkischen Republik liegt. Doch warum nannten sie ihre Siedlung inmitten der zentralanatolischen Steppe  „Ankyra“, Anker – obgleich doch das Mittelmeer wie auch das Schwarze Meer noch heute eine Tagesreise entfernt liegen? Statt eines Ankers hinterließen sie andere Zeugnisse: Fruchtbarkeitsstatuen und Sonnenscheiben, Bronzeschmuck und Hirschstandarten, Steinreliefs und Großplastiken – ein einmaliges Kulturerbe, mit ausgewählten Exponaten und geschickter Lichtsteuerung vom Museum für anatolische Zivilisationen (Anadolu Medeniyetleri Müzesi) geschickt in Szene gesetzt. Heimstatt der Sammlung ist eine ehemaligen Karawanserei mit kuppelüberdachtem Bazar zu Füßen einer mächtigen Zitadelle, die mit ihren 14 Bastionen und hoher Mauer aus tiefrotem Sandstein bis heute die Stadtkrone dominiert.

Türkei - Ankara - Zitadelle

Zitadelle

Dort, wo ein mächtiges Tor Eingang ins Innere gewährt, hat Rahmi Koç dem alten osmanischen Gasthof Çengelhan neues Leben eingehaucht. Die Herberge, die Rüstem Pascha, Großwesir und Schwiegersohn von Sultan Süeyman dem Prächtigen 1523 gegenüber des Hauptzugangs zur Zitadelle hatte errichten lassen, befand sich 2005 in desolatem Zustand. Heute birgt Çengelhan mit einer Filiale des Rahmi Koç Museums von Istanbul nicht nur Ankaras erstes Industriemuseum, sondern auch eines der schönsten Boutique-Hotels der Innenstadt. Den einst offenen Innenhof ließ Rahmi Koç durch ein Glasdach schützen, stellte Tische, Kerzen, Halbmondleuchter und Pflanzen auf – und schuf so ein Idyll für ein gemütlich-edles Essen abseits der Betriebsamkeit der Altstadtgassen, und doch mittendrin.

Jetzt, am frühen Nachmittag, drängen Jungen und Mädchen in Schuluniformen durch das Haupttor in die Straßen im Inneren des Festungsrings, hin zu niedrigen Häusern, die wie die vielen verwinkelten, engen Gassen jetzt saniert werden. In den Auslagen der Souvenirshops an der Hauptstraße hinauf zur Burg flattern T-Shirts neben handgewebten Tüchern im Wind; wenig  weiter ist die Auswahl an Getränken mit leeren Büchsen und Tetrapacks auf ein Holzbrett an der Wand genagelt. Im Schatten der Burgmauer häkeln alte Frauen in weiten Röcken aus dünnem Garn feste Taschen. Nähert sich ein Fremder, springen sie auf, rufen, winken, werben lachend untereinander den potentiellen Kunden ab. „30 Lira“ rufen sie, „gute Tasche, für Sie nur 20 Lira!“ Neben der Ware an der Mauerwand steht ein kleiner Samowar, befeuert mit wenigen Zweigen.

Türkei - Ankara - Frauen verkaufen Taschen am Aufgang zur Zitadelle

Frauen verkaufen Taschen am Aufgang zur Zitadelle

Wirkt Ankara zunächst wie ein zersiedelter Moloch, eine Metropole aus lose miteinander verbundenen Vierteln, belehrt der Rundblick vom obersten Mauerring der Zitadelle eines Besseren. Aus 978 m Höhe zeigt die Stadt plötzlich Struktur, haben Achsen und Viertel klar zugewiesene Funktionen. Der Mann, der dieses Ankara mit Hilfe von deutschen Architekten und Stadtplanern schuf, ruht in fünf Kilometer Luftlinie auf dem Hügel Anıttepe: Mustafa Kemal Atatürk. 1923 wurde der Offizier erster Präsident der modernen Türkei. Der osmanisch-islamische Kalifenstaat wich einer modernen, westlich orientierten Republik, bei der die Trennung von Staat und Kirche in der Verfassung verankert wurde.

Türkei - Ankara  - Blick über die Stadt

Blick über die Stadt

Neue Leitzentrale des Landes wurde eine Provinzstadt, in der sich zwei Karawanenstraßen kreuzten: Ankara. In Stein gemeißelt wurde die Entscheidung von einem deutschen Architekten, der bereits Groß-Berlin geplant hatte:  Hermann Jansen. Rund um die Zitadelle als Stadtkrone teilte er Ankara nach Funktionen ein: Regierungsviertel,  Univiertel, Arbeiterviertel und andere Wohngebiete sowie Diplomatenviertel. Den Namen des Viertels für Gesandte und Botschafter – Kavaklidere – trägt auch das bekannteste türkische Weingut, das vor den Toren der Stadt aus dem „Ochsenauge“ erlesene Tropfen keltert. Hauptverkehrsachse zwischen den Vierteln ist der kilometerlange Atatürk-Boulevard.

Türkei - Ankara - Anıtkabir, Mausoleum

Blick auf das Mausoleum Anitkabir

Als Atatürk am 10. November 1938 – in Istanbul! – an Leberzirrhose stirbt, wird sein Leichnam nach Ankara gebracht, wo für ihn mit Anıtkabir ein monumentales Mausoleum errichtet wird –  mit Löwenstraße, Kolonnaden umrahmtem Festplatz und Ehrenhalle,  zu der 42 Stufen hinauf führen. Nirgendwo ist die tiefe Verehrung für den „Vater der Türken“ so zu spüren wie hier: Vorschulkinder, Familien, Geschäftsleute, Militärs, ja, selbst junge Brautpaare erweisen ihm die Referenz und legen Blumen vor dem leeren Sarkophag in der Ehrenhalle nieder – die Gebeine des Staatsgründers ruhen unter der Ehrenhalle in der Erde. Zwölf Millionen Menschen besuchen jährlich diese gewaltige Anlage, die Soldaten der Streitkräfte vor blank geputzten Glaskästen rund um die Uhr bewachen.

Türkei - Ankara - Anıtkabir, Mausoleum

Fast 30 Jahre vergingen, ehe der Klerus es wagte, in Ankara ein Monument gegen den staatlich verordneten Laizismus zu setzen. Doch kaum begonnen, wurde der Bau der größten Moschee der Staat von höchster Regierungsebene gestoppt – erst 1987, weitere 20 Jahre später, wurde die Kocatepe Camii vollendet: als Glaubensfestung über einem Konsumtempel. Unter den Gläubigen, die oben gen Mekka gewandt beten, laufen Tiefkühlkost und Konservendosen durch die Scannerkassen des Supermarktes.

Türkei - Ankara - Cocktail in Cafe

Limonade im House Café an der Nenehatun

Der Mann, der heute Ankaras Gesicht verändert, die Beamtenstadt aus ihrem Aktenschlaf riss und der chronischen  Luftverschmutzung den Kampf angesagt hat, heißt Melih Gökcek. Unter dem islamischen Bürgermeister wurden Autoachsen unter die Erde gelegt, Joggingstrecken und Trimm-Dich-Stationen an Straßen angelegt, Parks und Grünanlagen aufgehübscht und das Heizungssystem von Kohle auf Gas umgestellt. Aus ihrem Dornröschenschlaf erwachten auch alte Viertel wie Hamamönü.  wo 250 Häuser teils abgerissen und neugebaut, 33 von Grund auf im osmanischen Stil renoviert wurden. Märkte, Masjuds und Moscheen haben das Flair, das um 1920 das Viertel berühmt gemacht hatte, so erfolgreich wieder belebt, dass Hamamönü der Titel „auserlesene Destinationen Europas 2011“ erhielt.

Absolut trendy ist auch der Shopping- und Ausgehstadtteil Tunalı. Auf der Bummelmeile Tunalı Hilmi Caddesi drängen sich Modeboutiquen, Juweliere, Beautysalons und sicherlich die meisten Friseure Kleinasiens; dazwischen konkurrieren Filialen türkischer Fast-Food-Ketten mit türkischen Kumpir-Kartoffel-Imbissen. Zwischen den Fahrzeugen, die sich fast Stoßstange an Stoßstange über die Fahrbahn schieben, jongliert ein Mann in dunklem Anzug sein Tablett mit geschwungenen Teegläsern hin zu einem Telefonshop, in dem eine Familie eifrig gestikulierend  den geplanten Handykauf diskutiert. Hupen, Lachen, Ladenmusik und Werbetrailer vermengen sich zu einem Klangbrei, der über der Straße schwebt und zu ihrem Flair gehört wie die Wasserpfeifen, an denen junge Männer betont lässig im „Punch-Elite“ –Café beim Chillen auf modischen Sesseln ziehen. Sehen und gesehen werden ist auch das Motto im House Café an der Nenehatun, das seine selbst gemachten Limonaden nicht schnöde mit Strohhalm serviert, sondern als wahre Kunstwerke, gestylt mit fruchtigen Schnitzereien und kontraststarker Naturdeko, die schmeckt. Genauso wie die Gerichte auf der kleinen, feinen Karte, die das House Café von mittags bis Mitternacht zum Treffpunkt für all jene macht, die unter freiem Himmel ganz entspannt chillen und genießen wollen.

 

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