Reisemagazin schwarzaufweiss

Radeln ganz mondän

Mit dem Fahrrad zu den tschechischen Bäderorten

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Westböhmisches Bäderdreieck wird die Gegend hier genannt. Per Fahrrad wird sie zum Bäderviereck: Franzensbad, Karlsbad, Konstantinsbad, Marienbad und wieder Franzensbad heißen die mondänen Koordinatenpunkte dieser Tour. Die Etappen zwischen den Kurorten betragen jeweils um die 50 km. Angekommen machen wir immer einen Tag Pause, lassen uns Anwendungen für müde Radlermuskeln gefallen und bewundern die Bäder-Architektur. Goethe, Kafka, Hebbel, Twain - viele Schriftsteller, Musiker und Künstler haben diese Orte in höchsten Tönen gepriesen. Nun auch wir. Doch loben muss man auch die Radwege, die die Kurorte verbinden.

Von Cheb nach Franzensbad

Tschechien - Cheb

Cheb ist fesch und farbenfroh herausgeputzt

Bahnankunft in Cheb und gleich geht’s hinein ins Zentrum. Cheb ist fesch: Bunt angestrichene, frisch renovierte Häuser am Marktplatz. Am Brunnen treffen mehrere Radlergruppen ein. Und Goethe begegnet uns kurz hinter dem Ort zum ersten Mal: als eine in die Felswand eingelassene Plakette schaut sein Konterfei von oben herab. Der Radweg Nr. 36 führt Richtung Franzensbad. Am Wegesrand lohnt ein Abstecher nach Amerika. Amerika liegt mitten in Europa, in Tschechien. Einen hübschen See gibt es hier mit einem Lokal, das Pilsener Urquell und Torten in rauen Mengen an die Kurgäste aus Franzensbad verkauft. Karel Gott plärrt aus dem Cassettendeck.

Tschechien - Franzensbad, Bäderarchitektur

Bäderarchitektur in Franzensbad

Franzensbad leuchtet in Schönbrunner Gelb mit weißen Stuckauflagen in der Sonne. Der Glanz alter Zeiten soll wieder erstrahlen. Zwischen Kolonnaden und Pavillons ergeht man sich an den Quellen, z. B. der Salz- oder der Glauberquelle.  Das Gesellschaftshaus ist sicher das beeindruckendste Haus des Ortes. In seinem Inneren locken das Casino und das Goethe-Restaurant, unter dessen durchsichtigem Boden Koi-Karpfen schwimmen. Das Stück in Europas angeblich größtem Bodenaquarium soll an die 2.500 € kosten. Ein anderes Wasserbecken erfreut den Radfahrer sicher mehr: Im Aquaforum kommen müde Muskeln wieder auf Touren, etliche Schwimmbecken mit Massagedüsen sorgen dafür.

Tschechien - Franzensbad, Gesellschaftshaus

Gesellschaftshaus in Franzensbad

Von Franzensbad nach Karlsbad

Richtung Karlsbad geht es nun zunächst nach Chlum Svaté Maří. Hier erhebt sich die Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt mit ihrer dem Petersdom nachempfundenen, reich mit Fresken verzierten Kuppel. Nach dieser Pracht folgt Sokolov mit seinen weniger idyllischen Plattenbauten und schließlich geht es den Fluss Eger entlang nach Loket. Ein Highlight, das schon Goethe bezauberte. Unterhalb der imposanten Burg, die hoch oben auf einem Felsen thront, gruppieren sich kleine Lädchen und Restaurants in pastellfarben gestrichenen Häusern um einen Platz.

Tschechien - Vor einem Geschäft in Loket

Vor einem Geschäft in Loket

So idyllisch geht es weiter an der Eger entlang durch den Wald bis ins großstädtische, quirlige Karlsbad. Ein Kulturschock. Man ist einen Tag lang über böhmische Dörfer geradelt, kaum ein Mensch zu sehen, vereinzelte Gehöfte, „Allesgeschäfte“ mit integrierter Kneipe, viel Grün, fast Urwald, eine Bierpinte am Wegesrand, auf Tschechisch eine so genannte „Pivnice“, in der es die Halbe (Bier, versteht sich von selbst) für 17 Kronen gibt (ca. 70 Cent) und man am Hof um die Ecke geht, um zu pinkeln...

Tschechien - Brücke über den Fluss Eger

Brücke über den Fluss Eger (dt.) / Ohre (tschech.)>

In den Kurorten hingegen geht es mondän zu. Heutzutage treibt sich allerlei Volk darin herum, während sich zu Zeiten Goethes noch die Röcke bauschten und man flanierte. Goethe verfasste dort so manchen Reim, doch nun gibt es einen neuen: Becherovka sei zu Zeiten des Sozialismus die 13. Quelle gewesen, so heißt es. Doch heute gebe es mehrere. Das berichtet jedenfalls augenzwinkernd der Direktor des Hotels Krivan. Im Kurzentrum geht man shoppen oder man hört der tschechischen Band zu, die heute in giftgrünen Latzhosen neben dem Thermalbad aufspielt. Oder aber man flaniert zwischen den korinthischen Säulen der Mühlbrunnenkolonnade, der gusseisernen Parkkolonnade und den diversen Pavillons. Dazu braucht der geneigte Kurgast eine Schnabeltasse mit Bäderlogo-Aufdruck, die er förmlich vor sich her trägt und wichtig damit herum schwenkt. Ab und an wird am köstlichen Quellwasser genippt (oder am Becherovka?). Diese Behältnisse sind der letzte Schrei und auch am Goetheweg anzutreffen, wo Plaketten mit überschwänglichen Danksagungen ehemaliger Kurgäste und ein launiger Spruch von Goethe nebst seiner Büste angebracht sind:

„Was ich dort gelebt, genossen,
was mir alldorther entsprossen,
Welche Freude, welche Kenntnis,
wär ein allzu lang Geständnis!
Mög es jeden so erfreuen.
Die Erfahrenen, die Neuen!"

Tschechien - Spruch von Goethe auf einer Tafel in Karlsbad

Spruch von Goethe auf einer Tafel und seine Büste in Karlsbad

Die Gegend ringsum ist bergig, doch es gibt zwei Seilbahnen, z. B. hoch hinauf zum Aussichtspunkt Diana. Von dort hat man, auch ohne seine Radlerwaden anstrengen zu müssen, einen herrlichen Blick über Karlsbad. Was empfiehlt man Fahrradfahrern hier als Anwendung? Eine Hydropunktmassage im dem Hotel Krivan angeschlossenen Spa. 

Karlsbad – Konstantinsbad - Marienbad

Tschechien - Becov nad Teplou, Schloss

Barockes Schloss in Becov nad Teplou

Solchermaßen gelockert geht’s über Hügel - eine 12-prozentige Steigung ist zu bewältigen -  nach Bečov nad Teplou. Ein hübsches Städtchen, das neben einer Burg mit dem Reliquienschrein des Hl. Maurus und einem barocken Schloss auch ein Museum, das u. a. historische Fahrräder zeigt, sein eigen nennen darf. Wieder geht es über Hügel, durch Orte, die wie ausgestorben wirken, nur räudige Hunde sind zu sehen und zu hören, die bellend „ihren“ Hof verteidigen, nach Teplá. Etwas außerhalb liegt das barocke Kloster Teplá mit romanisch-gotischer Hallenkirche und der zweitgrößten Bibliothek Böhmens mit über 100.000 Büchern. Die Spuren der Zeit sind dem Kloster zum Teil noch anzusehen. Es wurde 1950 verstaatlicht und diente der tschechischen Armee als Kaserne.

Tschechien - Kloster Teplá

Kloster Teplá

Nicht mehr weit ist es nun bis Konstantinsbad, das eher wie ein großer, ruhig gelegener Park wirkt. Jedes Bad hat eben seinen eigenen Charakter. Auf der Radetappe war es frisch, das geht auf die Lunge, und so empfiehlt man uns als Anwendung einen Besuch in der Tschechien - Kloster TepláSalzhöhle im Kurhaus Prusík, 45 Minuten mit entspannender Musikuntermalung steigern die körperliche Ausdauer und entsprechen angeblich drei Tagen Urlaub am Meer. Ich döse dahin. Auch die Leistungsfähigkeit will gesteigert werden, also steigen wir in die Nirostawanne: Einen Stock höher lassen wir uns ins Kohlensäurebad gleiten. Das weite die Blutgefäße, meint die Oberschwester, und verbessere so den Blutdurchfluss. Gut so, die nächsten Hügel auf dem Weg nach Marienbad warten ja schon.

Ein fast aufgegebenes Kaff mitten im Wald erweckt unser Interesse. Doch früher ist es hier in Kurschin/Korzen lebhaft zugegangen, verkündet ein Schild: Es gab eine jüdische Gemeinde, eine Synagoge, einen heute rekonstruierten Friedhof, eine Papiermühle, zwei Wirtshäuser, zwei Lebensmittelgeschäfte, drei Schneider und ein kleines Schloss. „1930 waren hier 282 Einwohner in 54 Häusern registriert, 1991 waren es nur noch 6 Häuser mit 11 Einwohnern“, steht da zu lesen. Gespenstisch. Gespenstisch ist auch der Waldweg, der hierher führt, und außerordentlich holprig. Ein Trekkingrad muss es dafür schon sein, besser noch ein Mountainbike. Mithilfe der Karten von SHOCart findet man die Radrouten leicht. Außerdem hilft die geniale Beschilderung: schwarze Nummerierung auf gelbem Grund. Man braucht sich nur die Nummer des Ortes zu merken, in dessen Richtung man fahren will. Für uns ist das im Moment die 2206 nach Planá mit seinem Bergbaumuseum und weiter nach Chodová Planá, wo man sich durch die Chodovar-Brauerei führen lassen und in den Katakomben des Felsenkellers Bier verkosten kann. Ein süßer weißer Hund ziert das Logo. Er soll einst die Quelle entdeckt haben, aus deren Wasser dieses Bier gebraut wird. Wem nach äußerer und innerer Anwendung ist, dem kann geholfen werden: Im brauereieigenen Hotel werden Bierbäder angeboten. Während des Bades trinkt man Chodovar-Bier.

Tschechien - Führung in der Chodovar-Brauerei in Chodová Planá. Bierbad, altes Plakat

Bierbad, altes Plakat in der Chodovar-Brauerei in Chodová Planá

Bier ist eine tschechische Passion. Böse Zungen behaupten, hierzulande esse man zum Trinken und nicht umgekehrt. Vielleicht ist das so, auf der Karte einer Pivnice (Bierpinte) stehen meist auch Kleinigkeiten, die man zum Bier genießen kann, in etwa vergleichbar den spanischen Tapas: z. B. topinka, geröstetes Knoblauchbrot mit Belag. An den Kiosken wird oft klobása verkauft, Grillwurst mit Senf, dazu gibt es Brot, wenn man will. So auch in Marienbad, wo es auf den ersten Blick vornehmlich ums Shoppen geht, zumindest die Hauptstraße entlang. Taschen, Schuhe, Becherovka, Zigaretten vom Asia-Markt und natürlich immer wieder Oblaten. Diese gibt es in Packungen oder einzeln und angewärmt direkt auf die Hand.

Auch oben im Kurzentrum neben der schmiedeeisernen Neuen Kolonnade und dem Kreuzbrunnen gibt es eine Verkaufsstation von Kolonáda-Oblaten. Jede Menge Prunkstücke mondäner Bäderarchitektur, Pavillons und Parks, Kurbäder und Quellen im Stile der Neorenaissance, des Neobarock oder des Klassizismus zieren die Stadt. Hier verliebte sich Goethe glücklos in die 51 Jahre jüngere Ulrike von Letzow und schrieb seine „Marienbader Elegie“. Unsere Elegie singen wir auf das Mineralbad und auf das trockene Gasbad im Grandhotel Pacifik. Flugs wird man bis zum Bauch in einen Plastiksack gesteckt, der dann mit einer Art Gaspistole aufgeblasen wird. Wozu das gut ist? Die Physiotherapeutin überlegt: „Blut und… Potenz.“ Gekicher auf den Gängen. Das Bad im Wasser der hoteleigenen Mineralwasserquelle ist eher nach Radfahrers Geschmack und prickelt angenehm auf der Haut. Durch die Haut wird das Kohlendioxid resorbiert, erhöht die Durchblutung und wirkt sich positiv auf Nieren und Herz aus.

Tschechien - Malereien am Restaurant Švejk in Franzensbad

Malereien am Restaurant Švejk in Franzensbad

Am nächsten Tag fahre ich noch einmal so schnell? Auf der letzten Etappe geht es zunächst gemütlich nach Bad Königswart mit seinem Schloss, doch dann folgt ein saftiger Anstieg auf einen Berg hinauf und 25 km durch Wald und Nichts. Ab Kynšperk nad Ohří nähern wir uns behutsam, dann hat Franzensbad uns wieder. Im Pavillon der Franzensquelle trinkt man Gesundheitswasser. Einen Schritt daneben streicheln Damen den Kleinen Franzl oder František und kichern verschämt. Franzl ist eine kleine Statue auf einer Kugel sitzend, der einen Fisch in Händen hält. Berührt man ihn, so wird man fruchtbar. Wir bevorzugen ein Kohlensäurebad im Kaiserbad und eine Aromamassage für den verspannten Rücken im Kurhotel Pawlik. Im Restaurant Švejk, das mit allen möglichen Schweijk-Utensilien verziert ist, gibt es „Hänchenbrust nach Damenkompanie“, „Hänchennudeln nach Putzfrau Pejlar Art“ oder „Jungen aus der ersten Marschkompanie“. So lustig wie die deutschen Übersetzungen wirkt auch die tschechische Sprache selbst manchmal. Es gibt Beton zu trinken (Becherovka mit Tonic Water). Kostel bedeutet Kirche, aber Kozel, was auf Deutsch Ziegenbock bedeutet, ist eine Biermarke. Doch ein paar Worte Tschechisch öffnen alle Herzen: Bitte (prosím), danke (děkuju), guten Tag (dobrý den), und nicht zuletzt ahoj, das soviel wie hallo oder tschüs bedeutet, helfen aus fast jeder Verlegenheit. Ahoj sagen die Tschechen nicht zuletzt wegen der vielen Quellen und Bäder hier, weil sie also sehr viel mit Wasser zu tun haben. Der letzte Satz war ein Scherz. Der Rest nicht. Ahoj, Tschechien!

 

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