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Kaffeestunde mit Franz Kafka

Ein Bummel durch die Kaffeehäuser von Prag

Text und Fotos: Volker Mehnert

Die Prager Kaffeehäuser sind Legende. Und sie haben sogar die Jahrzehnte des Sozialismus überlebt. Auch wenn sich in den meisten Cafés heute vorwiegend Touristen ein Stelldichein geben, betragen sie sich hier erstaunlicherweise leiser und zurückhaltender als anderswo in der Stadt. Eine gewisse Feierlichkeit breitet sich aus, gerade so wie beim Besuch einer berühmten Kirche. Und wer sich dem überbordenden Touristenstrom in der Prager Innenstadt vollends entziehen möchte, der gehe am Vormittag ins Café Louvre. Vielleicht weil es im ersten Stockwerk liegt, findet der Fremde nicht automatisch dorthin, und deshalb sind die Prager fast unter sich - beim Frühstück, Zeitung lesen und beim Palavern mit Freunden und Arbeitskollegen.

Tschechien Prag Kaffeehaus

Franz Kafka war hier. Das behaupten die klassischen Prager Kaffeehäuser natürlich gern, und manche dürften damit sogar Recht haben. Aber kommt es darauf wirklich an, wenn man ein so außergewöhnliches Ambiente vorweisen kann: Elegant-zurückhaltendes Art-déco in den Cafés Slavia und Pariz sowie überschäumender Jugendstil im Imperial und im Café des Gemeindehauses wetteifern mit den einladenden Salons im Louvre und dem dekorativen Understatement im Arco. All diese Kaffeehäuser erscheinen zeitlos, auch wenn einige nach fünf Jahrzehnten realsozialistischer Unterbrechung erst mühsam wieder rekonstruiert werden mussten. Das Slavia wurde 1997 wiedereröffnet, im Arco war noch bis vor kurzem eine Polizeikantine untergebracht, und auch die anderen haben in den letzten Jahren eine kräftigen Auffrischung erlebt.

Tschechien Prag  Café LouvreCafé

Café Louvre

Ein innenarchitektonisches Meisterstück wurde im Gran Café Oriental vollbracht, das sogar seit 1920 geschlossen war und lange Zeit als Bankgebäude diente. Zum Glück hatten sich die ursprünglichen Pläne für dieses einzigartige Kubismus-Café erhalten, so dass es im Jahr 2006 stilgerecht wiedereröffnet werden konnte. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt, der rechte Winkel führt Regie und wirkt doch nirgends unangenehm kantig oder ungemütlich. Die schwarze Holztäfelung an den Wänden, die Tapeten, die großen Fenster, die Spiegel, das Mobiliar und die Lampen geben dem Gast das Gefühl, als lebendige Figur in ein dreidimensionales kubistisches Gesamtkunstwerk hineingeraten zu sein. Kaffee und Kuchen, ob gut oder nicht, sind in dieser Umgebung bloß belangloses Beiwerk.

Leben, Faulenzen, Zeit Totschlagen

Dort in einer Ecke des Café Arco oder hier im ersten Stockwerk des Café Louvre, das glaubt man sofort, muss Kafka gesessen haben - und viele andere Prominente vor ihm, mit ihm, nach ihm. Denn die Prager Kaffeehäuser vor dem Ersten Weltkrieg waren nicht nur Cafés, sondern Treffpunkte für Künstler, Journalisten und Schriftsteller. Sie dienten den Intellektuellen als literarische Salons und manch armem Poeten, der hier seinen Weltschmerz pflegte, als Wohnzimmer und Postadresse. „Im Kaffeehaus isst man auf Pump, im Kaffeehaus wird gelebt, gefaulenzt, die Zeit totgeschlagen“, schrieb die Prager Journalistin und Kafka-Freundin Milena Jesenská.

Tschechien Prag Café Imperial

Café Imperial

Dass man im Laufe des Tages mindestens zwei oder drei Cafés zum Lesen, Diskutieren oder Billardspielen aufsuchte, gehörte in den Kreisen der Boheme damals zum guten Ton. „Hier im Kaffeehaus“, erinnerte sich der Literaturnobelpreisträger Jaroslav Seifert, „wurde diskutiert, geplant, leidenschaftlich debattiert, und die erotische Zeitschrift ´La vie parisienne´ ging von Hand zu Hand und war nach ein paar Tagen zerschlissen wie eine Regimentsfahne nach der Bataille”.

Tschechien Prag Café Pariz

Café Pariz

Im Café Arco trafen sich die deutschsprachigen Autoren des „Prager Kreises“. Die Zeitungen, die dort auslagen, finanzierte angeblich Franz Werfel, der deshalb für sich das Recht herausnahm, seine Werke lautstark zu deklamieren - ganz zum Leidweisen von Kafka, der sich darüber in einem Tagebucheintrag beschwerte. Genau beobachtet wurden die deutschen Herren vom tschechischen Publizisten František Langer, der auch ihren jeweiligen Gemütszustand eingehend beschrieb: „Das Café Arco war ein elegantes Etablissement mit großen Spiegeln, hier trafen sich die deutschen Schriftsteller Franz Werfel, der damals Verse schrieb, Franz Kafka, der eine Zeit quälender Zweifel an seiner schriftstellerischen Begabung durchmachte, Max Brod und Egon Erwin Kisch, der schon damals das ganze nächtliche Prag kannte.“

Von der Moldau an die Seine

Das Café Slavia war über Generationen hinweg ein Treffpunkt der Intellektuellen - von den Literaten vor dem Ersten Weltkrieg bis hin zu den Vordenkern des Prager Frühlings und der Charta 77. Dabei hat es kräftige Wandlungen erlebt. „Es war ein ganz gewöhnliches Kaffeehaus, nicht mehr“, schrieb der Architekt Karel Honzik über das Café in den Zwanziger Jahren. „Seine Einrichtung bestand aus Thonetstühlen, aus wackeligen Sofas mit schwarzen, ziemlich abgewetzten Wachstuchbezügen und aus den obligaten Kaffeehaustischen, deren künstliche Marmorplatten so aussahen, als entstammten sie dem Mesozoikum.“ Und auch sonst war es nicht gerade ein edles Etablissement, wie uns Jaroslav Seifert überliefert: „Der Kaffee war dort stadtbekannt schlecht. Die zwei Kronen, die man dafür auf den Tisch legte, waren eher das Entrée: im Winter, um in der Wärme zu sitzen, im Sommer für den dichten Qualm.“

Tschechien Prag Fran Café Oriental

Gran Café Oriental

In einem Gedicht über das Café Slavia beschreibt er auch, wie der reichlich genossene Absinth die Wahrnehmung der künstlerisch angehauchten Gäste so sehr trübte, dass sie in ihrer Sehnsucht nach Paris die vor dem Fenster vorbeifließende Moldau am Ende für die Seine hielten. Noch heute hängt an der Wand im Slavia das großformatige Gemälde eines Absinthtrinkers, vor dessen trunkenem Auge sich die Schimäre einer unbekleideten Frau entfaltet. Ansonsten aber geht es hier längst nicht mehr so liederlich zu wie einst, und nur der Klavierspieler mit seinem blassen Teint und den weißen Haaren scheint die Verbindung von der Gegenwart in eine unbestimmte Vergangenheit zu halten.

Tschechien Prag Café Ebel

Café Ebel

Kann man also in Prag nur im Spannungsfeld von Tradition und Tourismus Kaffee trinken? Nein, denn zwischen all den prachtvollen Fassaden der Altstadt hat sich inzwischen die unscheinbare Kaffeehauskette der polnischen Kaffee-Enthusiastin Malgorzata Ebel einquartiert. Moderne Literaten scheinen dort zwar auf den ersten Blick nicht zu verkehren, aber mindestens eines dieser Cafés wäre der perfekte Ort, um einen literarischen Salon für das frühe einundzwanzigste Jahrhundert zu eröffnen - und das sogar bei exzellentem, frisch geröstetem Kaffee.

 

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