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Von der Quelle zur Mündung der Moldau

Unterwegs in Tschechien

Text und Fotos: Beate Schümann

Marktplatz von Budweis mit dem dreitürmigen hellblauen Rathaus und dem Samson-Brunnen

Marktplatz von Budweis mit dem dreitürmigen hellblauen Rathaus und dem Samson-Brunnen

Hoch und dicht stehen im Böhmerwald die Bäume. Auf den 1200 Höhenmetern ist es frisch, und außer der Sibirischen Schwertlilie sind nicht viele Blumen der Kälte gewachsen. Ein schick angelegter Holzweg führt zu einer Stelle, wo ein unscheinbares Bächlein aus dem Gebirgsboden quillt. Das Wasser ergießt sich in ein kleines Becken, in dem Glücksmünzen silbern glitzern, die Wanderer und Radler hineinwerfen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und aus diesem Felsen entspringt die Moldau, der wichtigste Fluss Tschechiens.

Man lauscht der Quelle eine Weile. Plötzlich hört man sie flötengleich springen, heiter glucksen und gurgeln wie eine Klarinette, munter sprudeln, kurz und schnell, wie an der Harfe gezupft. Die Moldau-Melodie von Bedřich Smetana ist im Ohr. Dem tschechischen Tonkünstler verdankt die Nation ihre heimliche Hymne, die das Land, seine Bräuche und den Strom in Noten beschreibt. Kaum ein anderer hat das Plätschern, Perlen und Fließen von Wasser akustisch treffender umgesetzt.

Tschiechien - Paddeln und Raften auf der Moldau ist der Volkssport Nummer Eins der Tschechen. Hier bei Krumau.

Paddeln und Raften auf der Moldau ist der Volkssport Nummer Eins der Tschechen. Hier bei Krumau.

Die Moldau ist den Tschechen die Mutter aller Flüsse. Wo sich der Böhmerwald herrlich unberührt, urwüchsig und in seltener Ursprünglichkeit zeigt, entspringt genau genommen der Quellfluss Warme Moldau, Teplá Vlatava. Mehr als vierzig Jahre war die grenznahe Gegend ein militärisches Sperrgebiet, kaum besiedelt und für Besucher unzugänglich. Als der Eiserne Vorhang fiel, wurde das Gelände 1992 als Sumava-Nationalpark unter Schutz gestellt und bildet heute mit dem benachbarten Nationalpark Bayrischer Wald das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas.

Doch zunächst versickert die Warme Moldau in den Tal- und Hochmooren des Böhmerwaldes. Hinter dem Gebirgsdorf Kvilda (1) gewinnt der Bach an Breite, windet sich durch Auen, grüne Wiesen und Täler. Bei Stožec (2) vermischt er sich mit der Kalten Moldau, die aus dem deutschen Haidmühle kommt, zu einem Strom. Von jetzt an ist die Moldau tschechisch, heißt Vlatava oder aus dem Germanischen abgeleitet „gewaltiges Wasser“.

Langsam wird die Vlatava breiter und schneller. Sie passiert gemähte Felder und goldene Herbstwälder, überwindet drei Stauseen, meistert Schleusen und Wehre, durchfließt weite Ebenen und wilde Schluchten, vorbei an Burgen, Dörfern und Ortschaften ohne Industrie. Von der Quelle bis zur Mündung fließt sie 430 Kilometer. Damit zählt sie nicht zu Europas gewaltigsten Strömen, aber zu den aufregendsten.

„Böhmen liegt am Meer“ schrieb Shakespeare für sein literarisches „Wintermärchen“. Das war reine Fiktion, und doch sieht man den Fluss bei Nová Pec in einer Art Meer abtauchen, dem Lipno-Stausee (3). Als die Moldau in den 50er Jahren hier gestaut wurde, verschwanden Dörfer, Gehöfte und auch das Moldau-Herz, eine herzförmige Flussschleife, die heute nur noch bei Niedrigwasser zum Vorschein kommt. Mit einer Länge von 42 Kilometern entstand der größte Binnensee Tschechiens, der im Winter gefriert und auf dem Schlittschuhläufer, Eishockeyspieler und Eisstockschiesser ihr wahres Wintermärchen finden.

Am See liegt auch Horní Planá (Oberplan), der Geburtsort von Adalbert Stifter (1805-1868). Auch wenn Thomas Mann seinen Schriftstellerkollegen für einen Langweiler hielt. Die Böhmen verehren ihn für die idyllischen Beschreibungen ihrer Heimat. Sonst zeigt sich der Badeort wie viele andere am Lipno-Nordufer architektonisch monoton im Stil des sozialistischen Wohnungsbaus. Am Ufer reihen sich Datschensiedlungen, Campingplätze, Gasthäuser und ein paar neuere Hotels.

Paddeln und Raften auf der Moldau ist der Volkssport Nummer Eins der Tschechen. Hier bei Krumau, Südböhmen, Tschechien

Bei Vyšší Brod (Hohenfurt) (4) hat man den Fluss endlich wieder. In dem malerischen Städtchen mit dem Zisterzienserkloster beginnt im Sommer für viele Tschechen das wahre Moldau-Vergnügen: Kanufahren, der Volkssport Nummer Eins. Doch Ende September schließen die Campingplätze und Imbissbuden am Ufer. Kanus, Kajaks und Raftingboote werden verstaut, und der flotte Strom, auf dem eben noch Tausende heiter unterwegs waren, fließt still vor sich hin. Wie in einem Urstromtal, schlängelt er sich durch die idyllische Landschaft. Seine Farbe ist tiefschwarz, weil er durch mehrere Moorgebiete fließt.

Bei Rožmberk (Rosenberg) (5) hat sich auf einem Hügel die Schlossburg postiert. Trutzig und mächtig erinnert sie an die Wittigonen und Rosenbergs, zwei der einflussreichsten Dynastien Südböhmens. Die Landstraße 160 folgt der wild mäandernden Moldau. Andernorts werden an Flussschleifen Aussichtspunkte und Panoramaterrassen gebaut, die die Menschen wie Pilgerorte besuchen. Doch der Oberlauf der Moldau bildet ständig Schlingen. Er zieht slalomartig von Schleife zu Schleife, wie kaum ein anderer Fluss in Europa, die meist Opfer von Kanalisierungen wurden. „Die Moldau blieb verschont“, erklärt Václav Cilek, Direktor des Geologischen Instituts in Prag, „weil sie durch viele Felsenschluchten fließt.“

Tschechien - Silhouette der Altstadt von Krumau mit dem Rosenbergschloss

Silhouette der Altstadt von Krumau mit dem Rosenbergschloss

In Český Krumlov (Krumau) (6) mäandert der Fluss gleich dreimal krumm durch eine Schlucht und umschlingt die 1253 gegründete Stadt fast vollständig. Auf einem langgestreckten Felsvorsprung darüber erheben sich Schloss und Burg, die die Macht der Rosenbergs seit dem 14. Jahrhundert eindrucksvoll in Szene setzen, ein Ensemble doppelt so groß wie die Unesco-geschützte Altstadt. Ihre Substanz ist gotisch, doch ihr Antlitz stammt aus der Renaissance. Jedes Jahr begeistert es Millionen Touristen. Auch der Maler Egon Schiele hielt sich am Geburtsort seiner Mutter auf. Nur drei Monate. Obwohl der Expressionist zahlreiche Stadtansichten hinterließ, vertrieben ihn die Bewohner, weil sie seine Kunst für obszön hielten. Heute ehrt ihn Krumau mit dem Schiele ART Centrum und dem restaurierten Wohnhaus.

Karlsbrücke mit Hradschin-Burg, Prag, Tschechien

Karlsbrücke mit Hradschin-Burg

Mit der Moldau erreicht man Prag (7). Vom Letná-Hügel gesehen, legt sich der Fluss wie eine schmucke Schärpe über den Bauch der Goldenen Stadt. Er trennt das politische Prag mit dem Hradschin, der größten Burganlage der Welt, den Adelspalästen und dem Parlament vom akademischen Prag mit der Universität, dem Nationaltheater und Nationalmuseum. Achtzehn Brücken halten die beiden Seiten fest zusammen. Die älteste ist die Karlsbrücke mit den lebensgroßen Männern aus schwarzem Stein. Den besten Platz in der Mitte besetzt der Heilige Nepomuk, der 1393 in der Moldau ertränkt worden war. Zwei Bronzetafeln an seiner Statue erzählen die Geschichte des Martyriums. Wer den Stürzenden mit den Fingern berühre, wissen die Prager, dem erfüllt der Heilige alle Wünsche. Doch weil viele nicht wissen, wo sie ihr Glück suchen sollen, polieren täglich tausende Hände beide Bronzen blank.

Tschechien - Prag - Die Statue des Hl. Nepomuk auf der Karlsbrücke. Messingplatten erzählen seine Geschichte. Wenn man den stürzenden Märtyrer mit den Fingern berührte, bringe es Glück, sagen die Prager.

Die Statue des Hl. Nepomuk auf der Karlsbrücke

Bedřich Smetana hat am Moldauufer ein Denkmal und im früheren Wasserwerk ein Museum erhalten. „Seine Musik wurde so populär, weil sie schön und leicht zu verstehen ist“, sagt die Direktorin Olga Mojžíšová. Smetana sei der Begründer der Nationalmusik und „die erste große musikalische Persönlichkeit Tschechiens.“ Im Raum der Notenpulte kann der Besucher mit dem elektronischen Taktstock auf dem Dirigentenpult Stücke erklingen lassen. Richtet man ihn auf Pult I, hört man „Die Moldau“.

Moldau-Brücken, Prag, Tschechien

Moldau-Brücken

Bei einer Sightseeing-Schiffstour erklärt Bootsmann Martin mit der Hand auf der Brust seine Liebe zur Moldau. Ohne sie hätte Prag keinen goldenen Glanz. „Der Fluss entspringt im Böhmerwald und mündet in die Nordsee“, schwärmt er und übersetzt locker in drei Sprachen. Als überzeugter Tscheche erlaubt er sich eine kleine geographische Unwahrheit. Denn viele Tschechen finden, dass die Elbe am Zusammenfluss eigentlich nach der längeren Moldau benannt werden müsste. Doch weil Geologen eigene Kriterien haben, mündet die Mutter aller Flüsse bei der alten Königsstadt Mělník, 38 Kilometer von Prag entfernt, in die Elbe und beide fließen vereint Richtung Nordsee.

 

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