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Kultur kompakt in Český Krumlov

Ein Besuch bei unserem böhmischen Nachbarn

Text und Fotos: Hilke Maunder

Eine autofreie Altstadt aus dem Mittelalter, überragt von einer imposanten Burganlage, die mit fünf Höhen und 40 Gebäuden zu den größten Komplexen zählt, die Europa bieten kann: Dem Charme von Český Krumlov (Krummau), seit 1992 UNESCO Weltkulturerbe, können sich die jährlich mehr als eine Million Besucher aus Übersee kaum entziehen. Bundesdeutsche kennen die Stadt an der jungen Moldau kaum – doch bietet ein Kultursommer mit Shakespeare und Schiele, Stifter und Smetana mehr als genug Gelegenheiten, dies nachzuholen.

Tschechien - Cesky Krumlov - Stadtsilhouette mit zweitgrößter Burganlage Tschechiens

Stadtsilhouette mit zweitgrößter Burganlage Tschechiens

Das hügelige Land an der jungen Moldau, eine Autostunde von Passau oder Linz entfernt, besitzt eine der reichhaltigsten Kulturlandschaften Europas. Klostersiedlungen des Bistums Passau säumen die Flüsse, Burgen und Schlösser der Witigonen und Schwarzenberg bekrönen die Hügel, und im Hinterkopf reisen die Klänge von Smetanas Moldau mit. Rund 100 Kilometer braucht sie von ihrer Quelle im Böhmerwald, muss erst am Oberlauf den einsamen Lipno-Stausee durchfließen, ehe sie Český Krumlov erreicht, wo ihr Doppelmäander den alten historischen Stadtkern von der Burg mit der darunter liegenden Siedlung Latran trennt. Das Plätschern des Wassers, das allerorten kleine Stromschnellen bildet, begleitet die Besucher. Kanu- und Kajakfahrer erkunden die Stadt von der Wasserseite aus, geräumige Terrassen konkurrieren um die schönste Sicht auf die „krumme Au“. Den schönsten Blick jedoch haben seit der Renaissance die Herren von Rosenberg für sich reserviert: Ihre Residenz bildet nach dem Prager Hradschin die größte Burganlage Böhmens. Vier Bären als Wappentiere bewachen im Burggraben den Eingang. Führungen zeigen die schönsten Schätze der 320 Innenräume – so eine goldene Kutsche, die nur einmal zum Einsatz kam, und das 1767 gegründete Schlosstheater, das zu den ältesten Europas zählt. Ein Unikum: der Bühnenmechanismus.

Tschechien - Cesky Krumlov an der Krummau

Český Krumlov an der Krummau

Pünktlich um zwölf schließen die Kassen am Schloss – Einlass in die zweitgrößte Burganlage Tschechiens wird erst wieder am Nachmittag gewährt. Wer die Zeit bis dahin überbrücken möchte, sollte einen Abstecher zum Wenzelskeller machen. In diesem weiß gekalkten Gewölbe zeigt eine sehenswerte Keramik-Ausstellung von Mai bis Oktober Vasen, Schalen und freie Objekte internationaler Designer. Der „Schmalzkasten“, eine Galerie im zweiten Schlosshof, konzentriert sich auf tschechische Kunst.

Beim Internationalen Musikfestival im August verwandelt sich die gesamte Schlossanlage zur grandiosen Bühne. Gespielt wird nahezu überall: im Maskensaal, in der Reithalle, in den fünf Innenhöfen, auf den Gartenterrassen und in den Klosterkirchen der Umgebung.

Der heiter-bunte Maskensaal, den Josef Lederer 1748 mit 135 Figuren aus der Krummauer Gesellschaft und der Commedia dell’Arte ausmalte, bildet alljährlich den festlichen Rahmen für ein internationales Piano-Festival. Ein Unikum im weitläufigen Schlosspark ist die Freilichtbühne: Nicht die Bühne, sondern die 658 Zuschauer auf der Tribüne drehen sich beim Szenenwechsel. Mozart, Shakespeare und Dvorak bestimmen den Spielplan des Südböhmischen Theaters.

Tschechien - Cesky Krumlov - Blick auf den Schlossturm

Blick auf den Schlossturm

Kultur kompakt: Dazu gehört in Český Krumlov auch die Malerei. Seit 1993 hält das Egon Schiele Art Centrum mit Aquarellen und Zeichnungen, Fotos und Erinnerungsstücken das Andenken an den Maler fest, der trotz seiner Liebe zu der Stadt, aus der seine Mutter stammte, es nur ein Jahr lang hier aushielt: Seine freizügigen Aktzeichnungen widersprachen so sehr den Krummauer Vorstellungen von Sitte und Anstand, das diese ihn 1911 von hier vergraulten. Heute gibt sich die Stadt freizügiger, wie ein Bummel durch die zahlreichen Galerien beweist – Akte in Öl und Aquarell, käuflich für Tausende Kronen. Bodenständiger ist das Angebot an böhmischem Glas. In einem Gewölbe-Shop an den Stufen zum Schloss (Latran 11) werden erstklassige Repliken historischer Gläser von Renaissance bis Jugendstil angeboten, deren Originale in Museen zu finden sind. Einzelstücke aus mundgeblasenem böhmischem Kristallglas sind ab 150 Kronen erhältlich, seltene Stücke erreichen Preise von mehreren Tausenden Kronen.

Tschechien - Cesky Krumlov - Stadttor am Schloss

Stadttor am Schloss

Am Abend, wenn die Busse der Tagestouristen die Stadt verlassen haben, zeigt Český Krumlov sich von seiner romantischen Seite. Fahles Licht aus alten Lampen erhellt die Gassen, hell erleuchtet thront die Burg über der Moldau. Im Gewölbekeller der Ritterstube „Markéta“ flackert die Glut im Kamin. In dunkeln Tonbecher wird mährischer Wein, auf rustikalen Holzbrettern Steaks vom offenen Feuer serviert. Dunkles Eggenberger Bier, in Český Krumlov gebraut, wird in der urgemütlichen Hospoda „Na Louzi“ serviert. Das Lokal, original in der Einrichtung von 1932 erhalten, ist bekannt für seine Hausmannskost. Und das heißt in Tschechien Knödel und Kraut. Die Semmel- der Kartoffelknödel, stets von der Stange in Scheiben geschnitten, werden zu allen Gerichten gereicht – zu Sauer-, Rinder, Schweinebraten, Ente oder Fasan, Kompott oder Karpfen. Die fetten Fische, in mehr als 1000 Teichen der Umgebung seit dem Mittelalter gezüchtet, werden auf einer Moldau-Insel an blank gescheuerten Holztischen der Rybárská „Na Ostrove“ fangfrisch serviert. Den klassischen Abschluss nach solchem opulenten Mahl bildet ein milder Kräuterlikör: „Becherovka“ – auch wenn er nicht aus Krumlov, sondern aus Karlsbad kommt.

Attraktive Abstecher

České Budejovice (Budweis)

Am Zusammenfluss von Maltsch und Moldau liegt, nur 30 Kilometer von Český Krumlov entfernt, die Hauptstadt Südböhmens: České Budejovice (Budweis). In der Heimat des „Budvar“, des Budweiser Bieres, lädt an einem der schönsten und größten Marktplätze Europas das Hotel Zvon zu Einkehr und Unterkunft. Wer aus den Fenstern der Suiten auf den Namesti Premysla Otakara II. blickt, wähnt sich in Italien: Alle ihn umgebenden Häuser haben Laubengänge; in der Mitte trifft sich ganz Budweis am Samsonbrunnen zum Klönen, Sehen und Gesehen werden. Wer nicht im „Zvon“ wohnt, kann vom Schwarzen Turm aus 72 Meter Höhe einen luftigen Blick auf das Altstadt-Idyll werfen.

Hluboká nad Vlatvou (Frauenberg)

Nördlich von České Budejovice liegt das „Windsor“ der Tschechen: „Hluboká“, das weiße Schloss der Schwarzenbergs. Einst als Burg gegründet, in Renaissance, Barock und Historismus aus- und umgebaut, lockt das monumentale Ensemble heute nicht nur Brautpaare und Besucher, sondern auch Filmemacher hierher.

 

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