Reisemagazin schwarzaufweiss

Deutsch-tschechische Impressionen

Unterwegs in Böhmen: mit dem Fahrrad von Regensburg über Pilsen nach Prag

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Ahoj! Nein, wir befinden uns nicht auf See, nicht einmal an der Küste. Ganz im Gegenteil, mitten im rauschenden Böhmerwald, Sumava, wie er auf tschechisch genannt wird, sind wir. Doch auch das ist ja nicht ganz richtig, schließlich sind wir noch gar nicht dort, in Tschechien. Denn in Ostbayern beginnen wir, in Regensburg, das sich neuerdings voller Stolz zum Weltkulturerbe gehörig nennen darf.

Tschechien Böhmen steinerne Brücke

Die Stadt platzt gerade aus allen Nähten vor lauter Radfahrern. Kein Wunder, denn hier kreuzen sich Donau- und Regentalradweg. Von hier aus radelt man durch Kultur- und Landschaftsräume über Pilsen nach Prag. Die Idee dazu war schon kurz nach der Grenzöffnung geboren, nun gibt es also einen durchgehend markierten Radweg, der sich auf deutscher Seite aus dem Regental- und dem Chambtalradweg, kurz vor der Grenze aus dem Radweg Nr. 2014 und auf tschechischer Seite aus der Route Nr. 3, die auf verkehrsarmen Landstraßen, Radwegen und Nebenstrecken in die tschechische Hauptstadt führt, zusammensetzt. Ein Vorzeigeprojekt, das im Rahmen der Regionalkooperation der Region Pilsen mit den Regierungen der Oberpfalz und Niederbayerns realisiert wurde.

Tschechien Böhmen Regental

Idylle am Regental-Radweg

Durchs Regental geht es auf einem Radweg de Luxe, glatt asphaltiert und gut ausgeschildert teils unter schattigen Büschen und Bäumen am Wasser entlang. Dabei klingt das sonore Surren der Reifen auf Asphalt wie Musik in den Ohren. Da vorne wird gebadet! Badeplätze gibt es in der Tat immer wieder: Das Badewehr Pielmühle kurz nach Regensburg oder das idyllisch gelegene Regentalbad in Regenstauf. Am Regen, wo Flusswasser noch Badewasser ist. Wir lassen uns treiben.

Wo der Drache stirbt

Unsere erste Station ist Walderbach mit seiner zum ehemaligen Zisterzienserkloster gehörigen romanischen Klosterkirche. Im und neben dem Kloster kann man nun übernachten: im Bett & Bike zertifizierten „Hotel Rückerl“. Der Blick von der hauseigenen Terrasse des Restaurants auf das Tal ist traumhaft. Und da es hierzulande heißt „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ tun wir uns gütlich. Schließlich stehen fangfrische Fische auf der Speisekarte und am Nachbartisch machen Wallermärchen die Runde. „Wir radeln nach Prag!“, erzählen wir dem Wirt. Antwort: „Oh, leck!“.

Tschechien Böhmen Schilderwald

Über die Wallfahrtskirche Heilbrünnl, vor der die Leute bis hinaus auf den Vorplatz stehen und sich bekreuzigen, geht es nach Roding. Auch hier, es ist schließlich Sonntag, hört man Gesänge aus der Kirche dringen und gleich um die Ecke steht schon ein Festzelt bereit. In der alten Handelsstadt Cham dann wechseln wir vom Regental- auf den Chambtalradweg über nach Furth im Wald im Hohenbogenwinkel, das unser heutiges Ziel ist. Furth im Wald ist bekannt für den „Drachenstich“, der immer noch im Rahmen eines Festspiels ausgeführt wird. „Furth lebt, solange der Drache stirbt“, heißt es denn auch. Zurück geht dieses Festspiel angeblich bis auf die Hussitenkriege. Der Drache lebt und stirbt und lebt und stirbt. Alle Jahre wieder. Auch heute noch! Wir beobachten die Proben.

Tschechien – unser wundervolles Nachbarland

Von Bayern nach Böhmen geht es nun, von Deutschland nach Tschechien. Tschechien? Hm, die meisten meiner Freunde kratzen sich hinterm Ohr. Was sie über Tschechien wissen, frage ich. Die Antworten sind immer gleich: Prag, Karel Gott, Vaclav Havel, Pilsen und Slivovice. Und, ach ja, dass es einst Tschechoslowakei hieß, aber das sei ja nun vorbei. Aber dann wurde es düster. Ich will gar nicht behaupten, dass es mir anders ergangen ist, denn das wäre gelogen. Jetzt allerdings bin ich davon überzeugt, dass es da einige Lücken zu schließen gilt. Ein Muss! Und ein sehr angenehmes! Schließlich ist Tschechien unser wundervolles Nachbarland.

Tschechien Böhmen Böhmische Dörfer

Durch böhmische Dörfer

Kurz vor der Grenze liegt die „Sportgaststätte Bayerwald“. Sportarten? Tanzsaal, Schießanlage, Liegewiese! Wir werden leider nicht aufgenommen, denn vormittags ist noch zu. An der Grenze findet sich ein wahrer Schilderwald, den wir fotografieren, aber die Grenzpolizisten, die dürfen wir nicht ablichten. „Meine Person ned!“. Alles klar. Hinter der Grenze gibt es Gartenzwerge en masse, die auf Tapeziertischen geduldig ihre Käufer erwarten, Wechselstuben und Pilsener! Zu diesem aber später mehr.

Tschechien Böhmen fluss Radbuza

Am Flüsschen Rabuza

Die Gegend ist ländlich, tiefgrün, hügelig, und ab und zu geht es auch etwas steiler zu. Sonst sind nur goldene Weizenfelder, Obstbäume, Weite, dichter Böhmerwald und Radfahrers Paradies. Und wirklich flitzen auffallend viele Radfahrer durch die Dörfer! Das ist verständlich, denn zwar geht es nun meist auf Straßen weiter, doch Autos treffen wir kaum an, und wenn, dann fühlen wir uns wie respektierte Verkehrteilnehmer. Ahoj! Natur- und sportverbunden sind sie also, die Tschechen. Sitzen sie nicht gerade vor ihrer Datscha oder auf einem Mountainbike, ein paar Mal treffen wir ganze Schulklassen, dann angeln sie oder paddeln mit ihren Kanus durch die Gegend. Sehr wasserverbunden scheinen sie also außerdem zu sein. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, warum sich alle mit ahoj begrüßen?

Durch böhmische Dörfer

Nicht immer lässt sich leicht erkennen, wo sich in den sprichwörtlichen böhmischen Dörfern Getränke erstehen lassen. In einem „Konzum“ vielleicht oder sonst einem der Ladengeschäfte oder Kneipen, die wie verlassen an der Strecke liegen. Lassen Sie sich davon nicht abschrecken! Die nächste Chance liegt vielleicht kilometerweit entfernt oder hat bereits seit 12.30 Uhr geschlossen. Und einmal zaghaft angeklopft empfing man uns mit offenen Armen in der zur „Penzion Lenin“ gehörigen Gaststube! Einsam bellt draußen der Hofhund, die Vögel zwitschern vergnügt, die Mücken summen.

Tschechien Böhmen Pilsen Platz der Republik

Am Platz der Republik in Pilsen

High Noon in Hradiste! Und warum nennt sich die Pension Lenin? Ganz einfach, meint der kauzige Wirt Lenin, alias Herr Kastl, er sehe schließlich aus wie er, und postiert sich neben einem Gemälde des Wladimir Iljitsch. Stimmt! Irgendwie verständigen wir uns, die Geschichten nehmen kein Ende. Und wir essen und trinken und essen und trinken. Auch das gehört zu Radfahrers Traum: die günstigen Preise, die eine Radtour in Tschechien, abgesehen von allem anderen, noch angenehmer machen!

Die nächste Etappe nach Pilsen führt nun teilweise auch durch Industriegebiet, dann am Fluss Rabuza entlang und schon durch die Stadt! Pilsen hat immer noch östlichen Charme, durch Farbe übertüncht oder mithilfe angeschraubter bunter Schilder aufgepeppt: Coca Cola, Triumph. Die schmuck renovierten Barock- und Renaissance-Häuser am Platz der Republik können sich jedoch sehen lassen, und Sehenswürdigkeiten gibt es derer viele: die Sankt Bartholomäus-Kirche etwa, die drittgrößte Synagoge der Welt, der Pilsener Untergrund mit seinen langen unterirdischen Gängen.

Tschechien Böhmen Pilsener Urquell

Die obligatorische Bierprobe in Pilsen

Doch was könnte einen durstigen Radfahrer mehr interessieren als eine Führung durch die Pilsener-Urquell-Brauerei mit anschließender Verkostung? Das berühmteste Bier der Welt stammt von hier: Kristallenes, goldenes Nass! 100.000 Besucher werden pro Jahr empfangen. Herrlich, wenn das berühmteste Bier der Welt im 6,5 Grad kalten Keller 12 bis 21 Meter unter der Erde durch Radlers Kehle rinnt!

Prag, endlich Prag!

Herauszufinden aus Pilsen ist per Rad schwer, ausdrücklich empfohlen sei dazu der Stadtplan mit Radwegen der Touristinformation Pilsen, und auch hinter Rokycany wird der Radweg eher zum Treppenwitz: Geröll, Split, Wasser, links oder rechts. Fehlende Schilder. Aus ist’s mit dem Kilometer machen. Als dies kurz hinter dem idyllischen Dobriv mit seinen schmucken hölzernen Gehöften, der alten Steinbrücke und der Hammerschmiede mitten in einem Wald wieder passiert, entscheiden wir uns für die Landstraße nach Horovice. Der Supermarkt dort schließt um 17 Uhr. Aber Herr Vinh um die Ecke hat noch geöffnet und wir erstehen Proviant. Nach einem opulenten Mahl, gekrönt von einem weiteren Glas Pilsener, fallen wir ins wohlverdiente Bett im Hotel „Zeleny Strom“, wo auch der tschechische Radclub seine Plakette angebracht hat.

Tschechien Böhmen Einkehr

Letzte Einkehr kurz vor Prag

Über die alt bewährten Landstraßen geht es Richtung Hauptstadt und wir machen Halt in einem der Dörfer längs des Wegs. War es Podrby? Ich weiß es nicht mehr. Wären nicht zwei Alte unter einem schattigen Dach gesessen, jeder ein Getränk in der Hand, so hätten wir ihn wieder einmal übersehen: den namenlosen Laden. Vor mir drei Dorffrauen, die den Wocheneinkauf machen. Das dauert eine halbe Stunde. Mindestens. Ein Schwätzchen hier, ein paar Neuigkeiten da, und noch 500 Gramm Wurst! Dann bin ich dran, und mein laues Mineralwasser aus dem Regal wird sofort gegen ein eisgekühltes eingetauscht.

Tschechien Böhmen Moldau

Am Moldaustrand in Prag

Ein paar Kilometer nehmen wir nun noch längs des blauen Bandes der Berounka unter die Räder, kleine Holzdatschen, blühende Gärten und liebevoll gestaltete Kneipen säumen den Weg, dann heißt es: Prag. Endlich Prag!

Komm, lass uns weiterfahren!

Längs des städtischen Radwegs entdecken wir gleich einen schicken Citystrand, dahinter die Kulisse. Was für ein Anblick! Ein Tag wird hier nicht reichen, auch drei Tage nicht, eine ganze Woche wird es schon sein müssen, um wenigstens einige der Sehenswürdigkeiten näher zu untersuchen. Dazu kann man nun in eines der „Velotrixis“ steigen, eine Art Fahrradrikscha, die einem in der Innenstadt überall begegnen. Wir lassen treten! Für Eilige gibt es auch den Královska cestá, den ehemaligen Krönungsweg, der innerhalb von eineinhalb Stunden an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorbeiführt.

Tschechien Böhmen Prager Gasse

Eingang zum "Schwarzen Ochsen"

Oder eine Bootsfahrt auf der Moldau? Nachts zu Fuß durch die Stadt bei der Gespensterführung? Abends ins Konzert, Marionettenschauspiel, Schwarze Theater, in die Oper? Kneipen? Kneipen! Ich lande immer wieder im urigen „Schwarzen Ochsen“. Dampfig ist’s hier, heiß und laut und eng auf den Holzbänken. Hier gibt es herzhafte Kleinigkeiten und dazu läuft das Bier „Velkopoporický Kozel“. Selbst gebraut und lecker! Von der Strecke ab Regensburg muss ich meinem Nachbarn „erzählen“. Mit Händen und Füßen, Englisch und Deutsch geht das schon.

Tschechien Böhmen Prager Bahnhof

Per Bahn zurück nach Hause - leider!

Eine illustre Gemeinde sitzt hier beisammen, ein kleines Panoptikum: Einer muss sein Glas immer schräg stellen, niemand weiß, warum. Eine ganze Gruppe hat offensichtlich eine Brauereiführung hinter sich und versucht, die durchweichten Kartons mit Flaschen nach Hause zu transportieren. Schwankend. Drei sitzen vor dem Fenster und starren vor sich hin. Hoffnung, ade? Pils, willkommen! Darauf noch einen Slivovice und dann ab zur fast 650 Jahre alten Karlsbrücke, deren gotische Fundamente von sanften Moldauwellen umspült werden. Sie ist unser Endziel! Moment mal. Moldau? Moldau-Radweg? Komm, lass uns weiterfahren! Ahoj!

 

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