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Tonga im Überblick

Wo genau liegt Tonga, das geheimnisumwitterte pazifische Königreich der freundlichen Menschen und winzigen Koralleninseln? Dort, „wo der Tag beginnt“, ganz nahe der internationalen Datumsgrenze, wo man vom Heute ins Gestern hinüber wechseln kann.

„Friendly Islands“ taufte Tongas Inselwelt der britische Forscher James Cook, als er Mitte 1777 auf seiner dritten Entdeckungsreise hier Station machte und von den sing-, ess- und trinkfreudigen Insulanern von einem Kava-Gelage zur nächsten Festivität geladen wurde. Das zog sich über Wochen hin und Cook genoss die Freuden in vollen Zügen – ein groteskes Missverständnis, wie sich später herausstellte, denn die Feierei mit den Fremden diente allein dem Zweck, sie einzulullen und zusammenzuhalten, um sie bei passender Gelegenheit umzubringen und sich dann der englischen Schiffe zu bemächtigen. Allein der Umstand, dass Häuptling Finau und seine Spießgesellen sich nicht über den richtigen Zeitpunkt einigen konnten, rettete den ahnungslosen Briten das Leben und die Geschichte der Entdeckungen nahm ihren Gang, so wie wir sie kennen.

Tonga

Einsames Eiland
© Matthew Scholey - Fotolia.com

Aus Cooks „Friendly Islands“ wurden bei uns die „Freundschaftsinseln“. Mit großer Sympathie verfolgte man hierzulande die spärlichen Nachrichten von den fernen Inseln südlich des Äquators und besiegelte die Freundschaftsbande 1876 mit einem „Immerwährenden Freundschaftsvertrag“ zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Tonga, der 1976 erneuert wurde. Tongas Monarch und seine malerische Entourage sind gern gesehene Staatsgäste in der Bundesrepublik.

Die freundschaftlichen Beziehungen haben einige unternehmerische Deutsche bewogen, sich in Tonga niederzulassen und mit ihren Ideen und Investitionen der touristischen Entwicklung des Königreichs ein wenig auf die Beine zu helfen. Dabei geht es nicht um Glamour und Spektakel oder die großen Zahlen. Das überlässt man neidlos der  Tourismusindustrie auf den Fijis oder den Cook Islands. Was hier zählt und was es zu bewahren gilt, sind die Herzlichkeit und überwältigende Gastfreundschaft der traditionsbewussten Tongaer und die Naturschönheiten ihrer Inselwelt.

Zu den Niuas

Schon das gemütliche Einreiseprozedere, das jeden europäischen Sicherheitsbeamten in Rage versetzen würde, stimmt die Ankömmlinge auf das andere Zeitgefühl einer gelassenen Inselnation ein. Wir sind auf Tongatapu, der Hauptinsel, die wir gleich wieder in einer kleinen Maschine vom „domestic airport“ in Richtung Norden verlassen werden. Ziel sind die drei Vulkaninseln der Niua-Gruppe, winzige Landmarken, viele hundert Kilometer von den anderen tongaischen Inselgruppen entfernt. Hier werden noch die Traditionen gepflegt. Man gibt sich sehr konservativ und lässt auch mal durchblicken, dass, wer baden will, nicht zu viel Haut zeigen sollte. Besucher kommen selten hierher, dabei gibt es wunderschöne Strände, wo man mutterseelenallein sich seinen Südseeträumereien hingeben kann.

Tonga

Foto: © smart-design - Fotolia.com

Niuatoputapu mit 18 km² und das 50 km² große Niuafo'ou bieten Bootstrips, aufregende Schnorchel- und Tauchgründe, man kann fischen, Muscheln sammeln, wandern, sich wie Robinson fühlen. Die Defizite an Komfort in den bescheidenen Unterkünften werden durch eine warmherzige Gastfreundschaft wett gemacht. Hauptort der Inselgruppe ist das schläfrige Hihifo, wo es eine Polizeistation, ein Postamt und ein kleines Geschäft gibt. Und dann ist da noch Tafahi, die dritte Insel der Gruppe, ein mächtiger Vulkankegel auf einer Fläche von nur 3,4 km². Ein paar Dutzend Insulaner leben zu Füßen des 560 m hohen Vulkanriesen, eine Herausforderung für Kletterfreunde.

Es sind Inseln zum Relaxen, zur gemächlichen Einstimmung auf die Wunder der Inseln Tongas, die als einzige im südpazifischen Raum nie die Schrecken des Kolonialismus erleiden mussten. Selbst als sie 1900 britisches Protektorat wurden, blieb der Einfluss Londons begrenzt – dank des Vertrags mit dem Deutschen Reich.

Vava'u – Inseln

Den Flug zurück nach Tongatapu unterbrechen wir auf den bewaldeten Eilanden der Vava'u Gruppe, von denen eines kleiner ist als das andere. 34 sollen es sein, davon 21 bewohnt. Für Segelfans ist das Vava'u-Revier mit seinen Kanälen zwischen den Inseln, den Tiefwasserpartien, Buchten und sturmfesten Ankerplätzen eine der ganz großen „sailing locations“ der Welt. Und für „whale watcher“ gibt es kaum ein aufregenderes Gewässer, kann man hier doch mit den majestätischen Buckelwalen schwimmen und sie aus nächster Nähe bestaunen, wenn sie sich zwischen Juli und Oktober in Massen einfinden, um sich zu paaren und die Jungen zur Welt zu bringen.

Das von Korallenriffen gesäumte hügelige Inselterrain lässt sich gut mit dem Leihfahrrad erkunden, um den Kliffs im Norden einen Besuch abzustatten oder die atemberaubenden weißen Korallensandstrände an der türkisfarbenen See zu erreichen.

Buckelwal vor Tonga

Buckelwal
Foto: © Fins 'n' Flukes - Fotolia.com

Neiafu gilt als Tongas ansehnlichste Kleinstadt und zugleich ist sie Hauptort der Vava'u Inselgruppe. Die rund 6.000 Einwohner siedeln zwischen niedrigen Hügeln am Rande des Port of Refuge (Zufluchthafen), der sich fjordartig ins Inselinnere schlängelt und Segelyachten sicheren Ankergrund bei Hurrikans bietet.

Neben Segel- und Kajaktouren und Whale watching sind Tauch- und Schnorchelgänge  und vor allem die Jagd auf Fische die angesagten Urlaubsvergnügen, auf die sich einheimische Anbieter bestens eingestellt haben. Und nutzen sollte man auch unbedingt ihre Angebote für Ausflüge zu den südlich vorgelagerten traumhaft schönen Inselchen wie Mala und Nuku, Fofoa und Nuapapu, Ngau oder Ovalau mit großartigen weißen Stränden und Schnorchelrevieren und für passionierte Südseeträumer, die der Szenerie nicht so schnell  Adieu sagen können, gibt es sogar romantische Resorts hier und da und „ecofriendly“ sind sie obendrein.

Ha'apai – Inselgruppe

Der Weiterflug von Vava'u zu den Ha'apai-Inseln bringt uns ins Zentrum des tongaischen Archipels, in das Herz Tongas, wie die Einheimischen sagen. Nirgendwo könne man Südseefeeling so intensiv erleben wie hier, ist die einhellige Meinung der Besucher, die auf den weißen Koralleninseln im Schatten von Kokospalmen, erfrischt von einer sanften Seebrise, mit dem freundlichen Personal plaudern, das sie mit exotischem Seegetier und kühlen Säften verwöhnt. So verstreicht gemächlich die Zeit. Es ist still, nur weit draußen am Korallenriff tobt die Brandung und im Flachwasser streiten sich kreischende Seevögel um zappelnde Fische. Noch weit entfernt, aber sein Kommen schon mit schrägem Tuten ankündigend, schaukelt die in den 80er Jahren in Bremen gebaute und dem Königreich geschenkte MS 'Olovaha mit Waren und seekranken Tongaern an Bord Richtung Durchfahrt im Riff.   

Jenseits des Resorts lässt es sich gut mit dem Fahrrad über die flachen Inseln Lifuka und Foa zuckeln, um im Hauptort Pangai ein bisschen zu shoppen, das kleine Heimatmuseum zu besichtigen und die Überreste einer Kreisgraben-Befestigung aus dem 15. Jahrhundert oder an einem der vielen unberührten Strände sich als „beachcomber“ zu betätigen.

Schwimmen, schnorcheln, tauchen, mit dem Fahrrad oder dem Kajak unterwegs sein, fischen, reiten oder wandern – wer aktiv sein will im Urlaub, wird hier wunschlos glücklich sein. Und wie auf den Vava'us sind Abstecher auf die kleinen, oft unbewohnten Inseln von besonderem Reiz. Da ist das kleine Paradies Uoleva, wo nur eine Handvoll Menschen ständig lebt. Bei Ebbe von Lifuka zu Fuß erreichbar, ansonsten mit dem Boot, bietet das Eiland nichts als Sand, Meer und Ruhe – und sogar zwei einfache Unterkünfte.  Oder das Postkartenidyll Nukunamo mit seinen weißen, muschelbedeckten Stränden und die bewohnten Eilande Ha'ano und 'Uiha. Und schließlich weit im Westen die drohenden Silhouetten der Vulkangiganten Kao (über 1.000 m hoch) und Tofua (507 m). Der untere Teil des Kao-Vulkankegels ist bewaldet, oben ist er kahl, kein Mensch lebt auf diesem Flecken Erde. Der ewig rauchende Tofua ist Tongas aktivster Vulkan. Wer das Kraxeln in den Bergen gewöhnt ist, kann den Kraterrand in eineinhalb Stunden (aber nur in Begleitung eines einheimischen Guides!) erreichen. Und ganz Mutige kampieren im Krater mit freiem Blick auf die brodelnde Caldera. 
   
Am 29. April 1789 kam es südlich von Tofua zu der berühmten Meuterei auf der „Bounty“, in deren Verlauf Kapitän William Bligh mit 18 loyalen Crewmitgliedern in einem offenen Boot ausgesetzt wurde. In Tofua versuchten sie Proviant zu beschaffen, dabei wurde Blighs Quartiermeister von Eingeborenen erschlagen und (angeblich) verspeist. Sie setzten die Fahrt fort und schafften tatsächlich mit ihrer Nussschale den unglaublichen 7.000-Kilometer-Trip von Tonga nach Timor (heute Indonesien, damals Niederländisch-Ostindien). Captain Bligh war nicht das erste Mal in tongaischen Gewässern unterwegs. Als Navigator der „Resolution“ hatte er als 21jähriger an James Cooks eingangs erwähnter dritter Südsee-Expedition teilgenommen.

Wieder auf Tongatapu 

Sie ist die größte (260 km²) unter den unzähligen kleinen Inseln Tongas. An ihrer Nordküste hat sich Nuku'alofa zur bedeutendsten Stadt des Königreichs gemausert. Hier residiert der Monarch und tagt das Parlament, alle wichtigen Ämter und eine Handvoll diplomatische Vertretungen sind in der 25.000-Einwohner-Metropole untergebracht. Der einzige internationale Flughafen Tongas liegt etliche Kilometer entfernt im Südosten der Insel.

Nuku'alofa ist nicht die Südseeperle, die sich mancher europäische Reisende vorstellen mag. Die aus allen Nähten platzende tongaische Hauptstadt kann die Hoffnungen der Bewohner und der nachdrängenden Zuwanderer auf Arbeit und ein leidlich komfortables Leben nicht erfüllen. Nuku'alofa weist alle Anzeichen einer überforderten Kommune auf, von Wohnungsnöten über Defizite beim Straßenbau bis zu Problemen mit der Müllentsorgung und bei der medizinischen Betreuung.

Wer sich ahnungslos an einem Sonntag für einen Stadtbummel entschieden hat, wird sich über leere Straßen und die Stille wundern, wo doch sonst ein buntes Durcheinander herrscht. Nur in der Nähe der Kirchen wird es auf zauberhafte Weise laut. Traditionell gekleidete Kirchgänger stimmen ihre berühmten, inbrünstig geschmetterten und von Blasmusik begleiteten Hymnen an, in denen sich uralte Gesänge mit den einst von Missionaren auf den Inseln verbreiteten Liedern zu liturgischen „Ohrwürmern“ vermischen. Der Sonntag ist heilig im Königreich – daran müssen sich die Zugereisten gewöhnen. Aktivitäten sind unerwünscht und so verkehrt kein Flugzeug, kein Bus, keine Fähre und Alkohol wird auch nicht ausgeschenkt. Oder doch? Die Ausgetrockneten steuern zielstrebig den einzigen Ort an, wo man nicht endgültig verdurstet und wo es entsprechend rappelvoll ist: die Bar des „International Dateline Hotels“.

Es liegt am Wasser, an der Vuna Road, mit zahlreichen anderen Cafés, Restaurants und Bars und auch der königliche Palast lässt sich von hier aus am besten betrachten. Er ist das Wahrzeichen der Hauptstadt und der weltweit einzige Königspalast aus Holz. 1867 wurde er aus in Neuseeland vorgefertigten Teilen zusammengebaut. Nahe dem Ufer liegen die Stände des Tu'imatamoana Fischmarkts und nicht weit davon präsentiert der quirlige Talamahu-Markt, Tongas größter Obst- und Gemüsemarkt, seine duftenden Früchte. Auch wunderschöne kunstgewerbliche Arbeiten kann man hier bestaunen und zu moderaten Preisen erstehen z. B. Schildpattschmuckstücke oder Taschen, Matten und Wandschmuck aus Tapa, einem gelb-braun bedruckten Baststoff aus der Rinde des Papiermaulbeerbaums.

Tonga

Das Trilithon von Ha'amonga
© By Tony Bowden from Tallinn, Estonia (Ha'amonga-A-Maui, Tonga Uploaded by Переход Артур) [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Wie schon auf den anderen Hauptinseln bietet sich das Fahrrad für Besichtigungstouren an. Also auf in den Osten, wo sich „The South Pacific's Stonehenge“, das rätselhafte Trilithon von Ha'amonga erhebt, ein aus drei 5 bzw. 6 m langen tonnenschweren, quaderförmigen Blöcken aus Korallenstein errichtetes Tor, das vermutlich tongaische Könige Anfang des 13. Jahrhunderts errichten ließen. Es diente offensichtlich astronomischen Berechnungen. Einen Besuch lohnen auch die 28, davon 15 monumentalen Terrassengräber von Lapaha. Die frühesten stammen wohl aus der Zeit um 1200, errichtet für die Toten einer königlichen Dynastie. Ein beliebtes Ziel ist auch die 'Anahulu Höhle voller Stalagmiten und Stalaktiten und einem erfrischenden Süßwasserpool. Strände gibt es in jeder Güte, die populärsten erstrecken sich an der Westküste, darunter Ha'atafu, Keleti, Monotapu.

Noch ein kurzer Abstecher zu den Motus, den Koralleninselchen im Blickfeld von Nuku'alofa. In den Gewässern von Pangaimotu – wie die anderen Eilande in wenigen Minuten mit dem Boot zu erreichen – lässt es sich herrlich schnorcheln, im exzellenten Resort köstlich speisen und für ein paar Nächte eine romantische Unterkunft finden. Atata und Fafá bieten einfache Bungalows unter Kokospalmen, viel Strand, eine herrliche See und jede Menge Wassersportarten. Ganz anders die zerklüftete Insel 'Eua, die sich dem  Ökotourismus zu öffnen versucht, auch als Alternative zu dem in Tonga gängigen Strandurlaub. Die Insel liegt 40 km vor Nuku'alofa. Sie ist mit dem Flugzeug oder per Boot zu erreichen, bietet einfache Unterkünfte und großartige Landschaftsbilder. Der Ozean donnert an ihre felsigen Küsten, tropischer Regenwald bedeckt die steilen Hänge, Flüsse stürzen über Felskanten hinab, Höhlen öffnen sich. 'Eua ist ein Abenteuer, in das man sich nur in Begleitung örtlicher Guides begeben sollte.

Eckart Fiene

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