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China liegt auf einer Insel

Taiwan

Text und Fotos: Markus Howest

Taiwan - einheimische Festtracht

Auf der Anhöhe thront das Fort San Domingo in der abendlichen Dämmerung. Etwas unterhalb liegt friedlich das Fischerdorf Danshui am gleichnamigen Fluss. Gegenüber, auf der anderen Flussseite erhebt sich majestätisch der Berg Guanyin, er bildet mit dem Fort eine Achse. Weiter flussaufwärts funkelt das Lichtermeer von Taipeh, der lebendigen Hauptstadt. Mehr als 360 Jahre Geschichte stecken in den Mauern des Forts – eine Geschichte von Eroberungen, Einwanderungen und Besiedelungen. Ilha formosa, schöne Insel, nannten sie die Portugiesen im Jahre 1583. Fortan besiedelten Niederländer und Spanier das Eiland. Alle schätzten die strategisch hervorragende Lage des Forts, auch der britische Konsul, der hier später seinen Sitz errichtete. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis der Strom des Danshui in die Straße von Taiwan mündet, jene Wasserstraße, die Taiwan als Republik China von der Volksrepublik China trennt, das die meisten für das „richtige“ China halten.

Richtig? „Im Jahre 1949 rief Staatsgründer Chiang Kai Shek die Republik China auf Taiwan aus“, sagt Felix, der Reiseleiter. Bis zum Ende der 70er Jahre habe Taiwan auf internationalem Parkett die Rolle Chinas eingenommen. Dann setzten die USA auf Peking und Taiwan verlor seinen Status. Nun sei der Inselstaat politisch weitgehend isoliert, bringt Felix die aktuelle Stellung seines Heimatlandes auf den Punkt. Doch Taiwan hat sich gut behauptet und zehrt von seiner überragenden Wirtschaftskraft - und von seinen Menschen. Felix ist so einer, er heißt eigentlich So Shu he, „Felix“ sei einfacher für die Touristen, sagt er. Souverän, freundlich und mit viel Geschick zur Improvisation managt er jedes Problem. „Eine Lösung gibt es immer“, ist seine Devise und damit liegt er ganz im Trend seiner Landsleute. Ob im Hotel, auf der Straße, im Restaurant: Lächeln, freundliche Verbeugung und Hilfe gibt es ungefragt. „Die Leute auf der Straße würden dir auch ihr Handy geben wenn du es brauchst“, sagt Felix. Dass er nicht übertreibt erleben wir auf Schritt und Tritt.

Hornissenschwarm an der Ampel

Herr Shu, unser Fahrer, manövriert den kleinen Reisebus geschickt durch den Verkehr der Millionenmetropole Taipeh. An den Ampeln stehen Dutzende von Vesparollern in den Startlöchern. Bei Grün preschen sie los wie ein Hornissenschwarm. „Würden alle Zweiradfahrer aufs Auto umsteigen, wäre das Chaos perfekt“, sagt Trust Lin vom Touristen Büro in einwandfreiem Deutsch. Schon jetzt steuern rund 700.000 Kleinwagen und 1,5 Millionen motorisierte Zweiräder durch die Metropole - Taiwan zählt mit seinen 24 Millionen Einwohnern zu den am dichtesten bevölkerten Ländern der Erde.

Taiwan - Nachtmarkt in Taipeh
Nachtmarkt in Taipeh

Hochhausfassaden wohin das Auge reicht, doch von Tristesse keine Spur: Grün, weiß, blau, orange, rot, violett - an jedem Haus, an jeder nur erdenklichen Fläche wimmelt es von Reklamen mit chinesischer Schrift. Wo sich sonst trostlose Betonschluchten auftun, erhebt sich hier ein endloses Meer buntester Farben umgeben von geschäftigem Treiben. Besonders erstrahlt Taipeh wenn es dunkel wird – dann entfalten die Leuchtreklamen ihre besondere Wirkung. Der Bummel über den Nachtmarkt von Shilin, einem der größten des Landes, wird dann zum Tagestrip.

Taiwan - Wolkenkratzer in Taipeh

Superlative sind in Taiwan beliebt: Eines der höchsten Gebäude der Welt steht in Taipeh – stolze 508 Meter misst der 101 Tower aus Glas und Stahl mit 101 Stockwerken. Rekordverdächtig auch seine Geschwindigkeit: Gegen eine Gebühr fahren wir vom 5. in den 89. Stock in 37 Sekunden, das sind 60 km/h – Kaugummi und reichlich schlucken machen die Ohren wieder frei. Unvergesslich ist der Ausblick über das Dickicht der Stadt und den in der Ferne sichtbaren Pazifik bei gutem Wetter, bei schlechtem verhindern die Wolken jede Sicht, dann bleibt auch der Fluss Danshui unsichtbar.

„Taiwan bietet alles was das Herz begehrt“, schwärmt Felix und er fängt gleich mit der Küche an. Er spricht von der fruchtbaren Vegetation, die dem Land einen reichen Erntekorb beschert – frischer Fisch und Meeresfrüchte im Überfluss, subtropische und tropische Obst- und Gemüsesorten in Hülle und Fülle sowie Bambussprossen und Pilze. „All das macht unsere Küche so vielseitig.“ Kulinarisches aus Taiwan? Auf dem Tisch des Restaurant Keelung dreht sich das Rad wie im Schlaraffenland – Omelette, frittierter Tintenfisch, Erdnüsse mit Chili, Formosaspargel, Jiaotsu, eine Art Ravioli oder Maultausche mit verschiedenen Füllungen, dazu Taiwan Beer und Tee. Zum Dessert Melone und Tomaten. Letztere gelten in Taiwan als Obst – man tunkt sie in Ingwersoße ein.

Taiwan - Garküche in Tainan
Garküche in Tainan

Danach sind wir gestärkt für einen Besuch im National Palace Museum (NPM), das mit seinen rund 600.000 Exponaten zu den größten der Welt gehört. Frisch renoviert zeigt das 80 Jahre alte Museum die wohl umfangreichste Sammlung chinesischer Artefakte weltweit.

Um sie vor der Zerstörung durch den Bürgerkrieg zu retten seien sie im Jahre 1949 aus dem Kaiserhaus nach Taiwan gebracht worden, erklärt Trust Lin. Rund 15.000 Objekte aus fünf Jahrtausenden finden hier ihren Platz. „Die Sammlung hat den Rang eines British Museum, eines Louvre oder Metropolitan Museum.“

Steile Felsklippen am Pazifik

Auf der dreistündigen Zugfahrt nach Hualien verstehen wir, warum vom Wilden Osten die Rede ist: Dramatische Klippen fallen steil gen Pazifik, nur vereinzelt haben sich in kleinen Buchten Fischerdörfer eingenistet, ab Suao sehen wir von den Gleisen aus, wie sich die Straße dicht an den Felsen entlang schlängelt und immer wieder einzigartige Blicke auf den Pazifik frei gibt. „Rund 30 Kilometer vor Hualien fallen die Chingshuei-Klippen besonders schroff ins Meer“, erzählt Felix, „sie zählen zu den höchsten der Welt.“

Schroff und felsig geht es auch auf unserer Tour weiter. Hinein in die Taroko-Schlucht im gleichnamigen Nationalpark - ein 19 Kilometer langer Felseinschnitt, der oberhalb von Hualien nach Westen verläuft. In Millionen von Jahren hat sich der Fluss Liwu seinen Weg durch das dichte Gestein gegraben. Links und rechts des Flusslaufs ragen bis zu 500 Meter hohe Wände aus Marmor und Granit empor, hier und da zischen kleine Wasserfälle aus den Felsspalten. Ein größerer Wasserfall ergießt sich unterhalb eines Felsens, auf dem der Schrein des Ewigen Frühlings residiert. Er erinnert an die 212 Bauarbeiter, die von 1956 bis1960 beim Bau des Highway Nr. 8 ums Leben kamen. „Ein gigantisches Projekt“, bestätigt Felix, „bis zu 6000 Männer arbeiteten Tag und Nacht um einen Weg durch das Gebirge mit seinen vielen Dreitausendern zu finden.“ Jetzt sind Ost- und Westküste über den 277 Kilometer Highway miteinander verbunden. Doch Taroko bietet mehr als Marmor und Straßenbaukunst. Auf mindestens sieben verschiedenen Trails lässt sich die Natur erwandern. Etwa auf dem Shakadang Trail: Entlang des gleichnamigen Bachs schlängelt sich ein in den Fels gehauener Pfad. Teils gebückt laufen wir die knapp vier Kilometer bis zur Lichtung von Wujiianwu und zurück in einer Stunde. Zwischendurch tapsen wir mit hochgekrempelten Hosen durch das klare Wasser des Baches und erfreuen uns am Anblick des edlen Marmorgesteins.

Romantik am Sonne-Mond-See

Wie ein verträumtes Paradies wirkt der Sonne-Mond-See im Zentrum der Insel - Ziel der meisten jungvermählten Taiwanesen. Umgeben von bis zu 2000 Meter hohen Bergen und dichtem Tropenwald ist der 760 Meter hoch gelegene See in mancherlei Hinsicht das Herz der Insel. „Staatsgründer Jan Kai-Chek liebte diese Gegend und zog sich gern hierhin zurück“, beschreibt Felix das politische Herz der Region. Für die Öffentlichkeit war der See über lange Zeit tabu. Fünf Wasserkraftwerke sorgen zudem für die Wirtschaftsader des Inselstaates. „Der See pumpt Leben ins Land, erklärt Felix, „gut 56 Prozent des Strombedarfs stammen von hier.“ Und für die Herzen romantisch veranlagter Brautpaare ist der See pure Poesie. „Blickt man von einer der umliegenden Höhen aus hat er die Form einer Sonne, von anderen Hügeln sieht er aus wie eine Mondsichel“, erfahren wir das Geheimnis seines Namens. Und was lieben die Paare? „Es ist die Stimmung“, sagt Felix und er grinst vielsagend.

Taiwan - Blick vom Hotel Lalu
Blick vom Hotel Lalu

Oder das Lalu. In dem Design-Resort nach japanischem Vorbild im Zen-Stil erbaut quartieren sich bevorzugt Paare ein. „Wir sind fast das ganze Jahr über ausgebucht“, bestätigt der Manager. Eine Mischung aus Luxus und Wellness, in dem edles Holz, Naturstein, Glas und Stahl ein puristisches Ambiente bilden. Wasser plätschert, harmonische Düfte liegen in der Luft, sanftes Licht, sanftmütiges Personal, sobald des dunkel wird, weisen Fackeln und Windlichter den Weg. Im lang gestreckten natürlich angelegten Pool fühlt man sich als schwimme man im See. Fast unmerklich geht der Pool in mit Seerosen bedeckte Kanäle über, die das ganze Gebäude umgeben. Von jedem der 96 Zimmer und seinen üppigen Balkonen schweift der Blick auf den See und auf die gegenüberliegende 46 Meter hohe Ci-En-Pagode, sowie auf die kleine Insel Lalu.

Taiwan - Ci-En-Pagode am Mondsee
Ci-En-Pagode am Mondsee

Wir genießen die laue Abendstimmung und die geräuschlose Stille am Seeufer und die Gedanken gehen zurück zum Fort San Domingo, dem Ausgangspunkt der Reise. Die Stille wirkt fast meditativ und wir wissen: Taiwan hat unser Herz berührt.

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