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Syrien im Überblick

Das Territorium des heutigen Syrien war vor rund 11.000 Jahren Schauplatz eines epochalen Umbruchs. Dank günstiger natürlicher Bedingungen wagten die Menschen dieses als „Fruchtbarer Halbmond“ in die Geschichtsschreibung eingegangenen Landstrichs die Erprobung neuer Lebensformen: Es war die Geburtsstunde der Seßhaftigkeit und der frühesten landwirtschaftlichen Aktivitäten des Menschen.

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Syrien. Kriegerische und terroristische Gewalteinwirkungen drohen in allen Landesteilen. Bundesbürger, die das Land noch nicht verlassen haben, werden nachdrücklich zur sofortigen Ausreise aufgefordert. Da die deutsche Botschaft in Damaskus geschlossen ist, kann keine konsularische Hilfe geleistet werden.

Später diente die „Wiege der Zivilisation“ als Brücke zwischen den Großmächten des Altertums– den Hethitern Kleinasiens, den wechselnden Reichen Mesopotamiens, dem pharaonischen Ägypten. Das uralte Siedlungsgebiet zwischen dem Mittelmeer und den nahöstlichen Wüsten geriet zum „Schmelztiegel“ der Völker und Kulturen, nicht ohne eigenständige Neuschöpfungen hervorzubringen und so gilt es heute als eine der kulturgeschichtlich bedeutendsten Landschaften der Erde.

Die Ruinen von Palmyra, Syrien

Die Ruinen von Palmyra
Foto: © Pascal Bierret - FOTOLIA

Nicht nur die altorientalischen Reiche haben hier ihre Spuren hinterlassen und der altsyrische Hauptgott Baal die biblische Welt nachhaltig geprägt. Auch Griechen und Römer errichteten Reiche auf syrischem Boden. Davon erzählen die Ruinen ihrer Städte. Und die Zeugnisse Byzanz` und des frühen Christentums, das sich hier formte, sind ohne Zahl. In mächtigen Wehrbauten verewigte sich die mittelalterliche Epoche der Kreuzfahrer und ihrer Ritterorden und die Kalifen der Omaijaden-Dynastie machten das paradiesische Damaskus zu ihrer Hauptstadt, um von nun an dem Land einen muslimischen Stempel aufzudrücken. Dieser ersten Kalifendynastie folgten weitere arabische Herrscherhäuser, dann fiel das islamisierte Turkvolk der Selçuken in Syrien ein, wurde abgelöst von der ebenfalls turkstämmigen Militärkaste der Mamluken und vom frühen 16. Jahrhundert bis zum Ende des 1. Weltkriegs herrschten osmanische Sultane über das Land.

Aleppo und Umgebung

Syriens zweite Millionenstadt Aleppo (arab. Haleb) steht am Anfang unserer Rundreise durch das nahöstliche Land. Wir werden im weiteren Verlauf die Mittelmeerküste erkunden, Damaskus erleben, den drusischen Süden und in einem weiten Bogen den wüstenhaften Südosten durchqueren, um entlang dem Euphrat an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Unterwegs gibt es atemberaubende Landschaften und eine nie vermutete Fülle großartiger historischer Stätten zu sehen und ein hellwaches, offenes Volk kennenzulernen, das aus vielen Kulturen, Sprachen und noch mehr Religionen schöpft.

Nun also Aleppo, die Metropole des Nordens, inmitten intensiv genutzter Anbauzonen und am Kreuzpunkt traditionsreicher Handelswege. Der wehrhafte Zitadellenhügel beherrscht die Stadt. Kurdische Aiyubiden befestigten und Mongolen verwüsteten ihn, Mamluken betrieben energisch den Wiederaufbau und die Osmanen setzten ihn fort. Das Plateau des Felskegels war aber nicht nur eine martialische Festung. Es diente zeitweise auch als Residenz. Paläste, Gärten, Bäder, Moscheen entstanden und unverändert hat man von hier oben den schönsten Blick auf die Stadt, die alten Viertel am Fuß der Zitadelle (UNESCO-Weltkulturerbe) mit dem 12 km langen Wegenetz des Basars, der zu den größten und schönsten Suqs des Vorderen Orients zählt, auf die prachtvollen Bauten der Omaijaden-Kalifen und Aiyubiden-Herrscher, der Mamluken und Osmanen.

Ein Ausflug zum 40 km entfernten Simeonsklosterführt in das Gebiet der „Toten Städte“ – über 700 aufgegebene Siedlungen mit mehr als 1.000 Kirchen und Kapellen aus frühbyzantinischer Zeit sind darunter zu verstehen. Sie verteilen sich auf die Berglandschaften nordwestlich und südwestlich von Aleppo. Feudalherren betrieben hier einst den Anbau von Oliven in Monokultur. Sie flohen nach den muslimischen Eroberungen im 7. Jahrhundert. Das Simeonskloster ist das herausragende Monument dieser grandiosen byzantinischen Ruinenlandschaft. Es erinnert an den Hl. Simeon, den „Säulenheiligen“, der als radikaler Asket Jahrzehnte seines Lebens auf Säulen verbrachte. Nach seinem Tode (459) entstand der beindruckende Klosterkomplex, in dessen Zentrum vier Säulenbasiliken kreuzförmig einen achteckigen Hof mit den Resten der Simeonssäule umstehen.

Ans Mittelmeer

Auf dem Weg an die Küste passieren wir die Ausgrabungsstätte Ebla (Tell Mardikh), ehemals Zentrum einer altorientalischen Großmacht, deren Anfänge im 3. Jahrtausend liegen und die uns ein sensationelles, 20.000 tönerne Keilschrifttafeln umfassendes Archiv mit überwiegend Verwaltungstexten hinterließ. Wir machen einen Abstecher nach Serjilla, der wohl besterhaltenen „Toten Stadt“ in den Zawiya-Bergen und pausieren in Apameia. Die Gründung des Seleukos I. Nikator, eines früheren Reitergenerals Alexander d. Gr., wird von ihren Bewunderern gerne als schönste hellenistische Ruinenstadt Syriens bezeichnet. Sie war bis ins Mittelalter bewohnt. Eine 6,3 km lange Mauer umschließt das riesige Stadtareal mit seinen erstaunlich gut erhaltenen Monumentalbauten.

Unser erstes Ziel an der Küste ist die Hafenstadt Latakia, ein moderner, europäisch anmutender Ort, der sich gut als Ausgangspunkt für Strandbesuche oder Tagestouren zu den mächtigen Kreuzritterburgen Qalaat Marqab und Qalaat Saladin in den Küstenbergen eignet.

10 km nördlich liegen die Ruinen von Ras Shamra, besser bekannt unter seinem antiken Namen Ugarit. Der bronzezeitliche Stadtstaat war ein bedeutendes Handels- und Kulturzentrum. Schriftkundige erdachten hier eine neue Konsonantenschrift, die wegweisend für die weitere Schriftentwicklung wurde. Tartus, das Tortosa der Kreuzfahrer, Zentrum des Templerordens, beherbergt mit der Kathedrale Notre-Dame de Tortosa den schönsten syrischen Kirchenbau der Kreuzfahrerzeit. Heute ist Tartus Hafenstadt und Touristenzentrum. 2,5 km vor der Stadt schwimmt das Eiland Arwad im levantinischen Meer – trotz seiner Winzigkeit (800 X 500 m) einst eine bedeutende phönizische Handelsstadt.

Kreuzritterburg Krak des Chevaliers, Syrien

Kreuzritterburg Krak des Chevaliers
Foto: © Pascal Bierret - FOTOLIA

Hama, Homs und Maalula

Auf einem 755 m hohen Plateau des Küstengebirges mit weitem Blick hinüber zu den schneebedeckten Gipfeln des Libanon-Gebirges thront die Kreuzritterburg Krak des Chevaliers, im Mittelalter ein bedeutender strategischer Stützpunkt des militanten Johanniter-Ordens. Das gewaltige Steingebirge mit seinem doppelten Mauerring, seinen Türmen und Bastionen gilt als besterhaltene Festung im christlichen Orient, als Inbegriff der Kreuzritterburg schlechthin.

Ein Umweg durch die Berge nach Hama läßt uns über die riesigen, hölzernen, überdies uralten Wasserschöpfräder im Ort staunen. Die imponierenden Maschinen mit bis zu 21 m Durchmesser heben das Wasser des Orontes-Flusses und leiten es über Aquädukte auf die höher gelegenen Felder.

Südlich von Homs, Syriens drittgrößter Stadt, geht es auf Nebenstraßen die Ostflanke des Anti-Libanon hinauf bis auf 1.600 m Höhe zu dem christlichen Städtchen Maalula. Das besondere an diesem Ort ist, daß hier noch ein Dialekt des Aramäischen gesprochen wird, das mit der Sprache Jesu Christi am nächsten verwandt ist. Es sind vielleicht noch 4.000 Menschen hier im Städtchen und in zwei benachbarten muslimischen Dörfern, die die Sprache beherrschen.

Die alten Wasserschöpfräder von Hama, Syrien

Die alten Wasserschöpfräder von Hama
Foto: © Pascal Bierret - FOTOLIA

Paradiesisches Damaskus

Neben Jericho und Aleppo zählt Damaskus zu den ältesten ununterbrochen besiedelten Städten der Erde. Der Überlieferung nach geht ihr arabischer Name auf den zweiten Sohn Noahs zurück. Abraham, der Stammvater des Volkes Israel, erster Muslim und für die Christen Urbild des wahrhaft Glaubenden, soll hier das Licht der Welt erblickt haben und Saul, der später Paulus genannt wurde, hatte in dieser Stadt sein alles veränderndes „Damaskuserlebnis“. Die alte Metropole liegt am Fuße des Berges Qasiun, wo Kain seinen Bruder Abel erschlug. Sie zieht sich durch die weiträumige Oase Ghuta mit ihren Gemüsefeldern und Obstplantagen, die der ganzjährig fließenden Barada bewässert. Schon immer erregte die Stadt im Grünen am Rande der Wüste, Inbegriff nahöstlicher Stadtkultur, das Entzücken ihrer Besucher, die nicht zögerten, Damaskus mit dem Paradies gleichzusetzen, sie als „Feindin alles Kummers“, „Königin der Düfte“, „Mutter aller Städte“ oder „blumenreiche Perle“ zu preisen. Und auch heute kann sich dem Reiz seiner Altstadt (Weltkulturerbe) niemand entziehen. Kunst, Architektur, Religion, Völkergemenge, Geräusche, Farben, Düfte: das ganze Spektrum morgenländischer Geschichte und Gegenwart begegnet uns an jeder Straßenecke. Und dazu paßt gut, daß es keine Trabantenstädte und Slums gibt, die Stadt sich erstaunlich frei von Bausünden entwickelt hat.

Man nehme sich also Zeit und lasse sich treiben, etwa vom Christenviertel über die schon im Neuen Testament erwähnte Via Recta (Gerade Straße) zu den großen Stadtherbergen (Khans), durch das Pilgerviertel Midan oder den reich mit muslimischen Denkmälern des 13. – 16. Jahrhunderts ausgestatteten Vorort Salihiya. Und irgendwann steht man vor der Omaijaden-Moschee, Damaskus` berühmtestem Bauwerk und älteste aktive Moschee der Welt, am 6. Mai 2001 Schauplatz eines denkwürdigen Ereignisses, als mit Johannes Paul II. das erste Mal ein Papst eine Moschee betrat. Man besuche den Azem-Palast, ein Beispiel für formvollendete osmanische Haus- und Wohnarchitektur, die unterirdische Ananias-Kapelle, wohl eine der ältesten christlichen Gebetsstätten oder die bedeutendste osmanische Moschee der Stadt, die Suleimaniya.

Syriens Süden

Auf einer alten Karawanenstraße fahren wir von Damaskus in das bevorzugte Siedlungsgebiet der Drusen, in das Hauran heißende „schwarze Land des Basalts“, eine vulkanische Gebirgs- und Hügellandschaft, in die sich fruchtbares Tafelland einschmiegt. Bosra (Weltkulturerbe) ist unser erstes Ziel. Es ist eine römische Ruinenstadt, durchsetzt mit muslimischen Bauten, einst Hauptstadt der römischen Provinz Arabia Petraea und am Schnittpunkt wichtiger Karawanenrouten gelegen. Eines der größten und am besten erhaltenen Theater der römischen Welt, Zisternen und Thermen, Basiliken, Paläste, Hamams und Moscheen sind zu besichtigen.

Auch Qanawat, das frühere Kanatha in 1.200 m Höhe und das ebenfalls hoch in den Bergen liegende Shahba waren bedeutende römische Siedlungen, deren Machthaber und lokale Würdenträger sehenswerte Bauten hinterließen.

Palmyra

Steppenwüste begleitet uns auf den 235 km Asphaltstraße von Damaskus zur Oase Tadmor mit den Ruinen der antiken Stadt Palmyra, dem unbestrittenen Höhepunkt jeder Syrien-Rundreise. Die zum Weltkulturerbe zählende Stadt in der Wüste war in ihrer großen Zeit Rastplatz und Handelszentrum für Karawanen mit Luxusgütern auf dem langen Weg von Mesopotamien an die Mittelmeerküste. Palmyras grandiose Ruinenlandschaft zeugt von dieser Zeit wirtschaftlicher Prosperität, als palmyrenische Kaufleute ihre Reichtümer in den Ausbau der Palmenstadt steckten, ein großzügiger Stadtentwurf mit prunkvollen Bauten Gestalt annahm. Unter dem Einfluß Roms ab dem 1. Jahrhundert wurde die Stadt weiter ausgebaut, nicht zuletzt wegen ihrer strategischen Bedeutung, doch die lokalen Machthaber versuchten – zeitweise erfolgreich – die Fremdherrschaft abzuschütteln, bis Kaiser Aurelian Palmyras selbstbewußte Königin Septimiae Zenobia 272 entmachtete und nach Rom entführte. Die prächtige Stadt verkam zum römischen Militärlager. Frühe Christen richteten sich in den alten Gemäuern ein und noch einmal versuchte Byzanz` Kaiser Justinian den alten Glanz wiederherzustellen, doch der Niedergang war nicht mehr aufzuhalten. Nach der Eroberung durch muslimische Truppen (634) verödete die Oasenstadt langsam

Unvergleichlich im milden Abendlicht die Sicht über Oase und Ruinenstätte von der Burg Qalaat Ibn Maan, die von einem drusischen Emir auf einem nahen Bergkegel errichtet wurde.

An den Euphrat

Die letzte Etappe der Rundreise bringt uns von Palmyra durch Wüste und Steppe zu den fruchtbaren Ufern des Euphrat. Seinen Windungen nach Süden folgend, legen wir zunächst in Dura Europos eine Pause ein. Hier entstand unter Seleukos I. eine hellenistische Festung mit Stadt als Stützpunkt gegen das unruhige mesopotamische Hinterland. Ein riesiges, eindrucksvolles Ruinengelände verlockt zu Erkundungsgängen. Noch weiter südlich liegen die Ausgrabungen des altorientalischen Stadtstaats Mari, Handelszentrum und Hochburg der Kunst, Fundort eines 25.000 Tontafeln umfassenden „Archivs“ und des „Schatzes von Ur“. Freigelegt wurden auch die 275 Räume des Lehmziegel- und Backsteinpalastes des letzten Königs von Mari aus dem 18. Jahrhundert v. Chr.

Und nun den Euphrat stromaufwärts nach Halabiya, einem stark befestigten Kontrollposten der palmyrenischen Königin Zenobia mit gut erhaltener Stadtmauer, Zitadelle, Türmen, frühchristlicher Basilika. Wir passieren Raqqa mit sehenswerten Bauten aus frühislamischer Zeit und verlassen dann die Euphratroute zu einem Abstecher durch die Wüste nach Resafa. Die Verehrung des hier hingerichteten christlichen Märtyrers und Soldatenheiligen St. Sergius machte den Ort zu einem im gesamten Mittelmeerraum bekannten Pilgerzentrum, das es auch nach der Eroberung durch die Araber (636) noch bis in das 13. Jahrhundert blieb. Es gibt 15 m hohe und 1,8 km lange Stadtmauern zu bestaunen, Zisternen, die Grabeskirche des Sergius und große Basiliken.

Unterwegs nach Norden erstreckt sich rechter Hand der vom Euphrat gespeiste Assad-Stausee. Er bewässert in weitem Umkreis landwirtschaftlich nutzbare Flächen und bewältigt einen Großteil der syrischen Stromproduktion.

Und dann ist es Steppenwüste so weit das Auge reicht, die uns auf dem Schlußstück nach Aleppo begleitet.

Eckart Fiene

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