Reisemagazin schwarzaufweiss


Suriname im Überblick

Für die meisten Europäer eher eine „terra incognita“, können unsere niederländischen Nachbarn mit dem kleinen Land im Nordosten Südamerikas sehr wohl etwas anfangen, wo doch Ortsnamen wie Groningen, Wageningen, Frederiksdorp oder Nieuw Amsterdam gebräuchlich sind und der Präsidentenpalast am Onafhankelijkheidsplein (Unabhängigkeitsplatz) liegt, das Königshaus Oranje-Nassau sich im Wilhelmina-Gebergte (Gebirge) und am Julianatop verewigte und Wasserfälle den Namen von Frederik Willem de Vierde tragen.

Suriname

Typisches Kolonialgebäude
© Philippe Surmely - fotolia.com

Die Namen sind geblieben auch nach dem Exodus der Niederländer. Kaum hatten sie nach 300 Jahren wenig rühmenswerter Kolonialherrschaft Nederlands Guyana 1975 in die Unabhängigkeit entlassen, stürzte der neue Staat Suriname ins Chaos. Das „Mutterland“ war mit seinem Latein rasch am Ende und brach die Beziehungen ab, um sie erst 1992 wieder aufzunehmen. Die unruhigen 70er und 80er Jahre warfen das Land in seiner Entwicklung weit zurück, auch der Aufbau des Tourismussektors geriet ins Stocken. Ob es aber fair ist, Suriname heute einen „touristischen Dornröschenschlaf“ anzudichten, darf bezweifelt werden. Gewiß weist die touristische Infrastruktur noch Defizite auf, doch ein engagiert arbeitendes Tourismusamt kümmert sich darum und es gibt eine große Zahl rühriger „Tour Operator“ (und nur mit ihnen sollte man im Land unterwegs sein!), die ihren Job sehr professionell betreiben.

Suriname

© Philippe Surmely - fotolia.com

Wie das benachbarte Guyana ist Suriname mangels Stränden kein Badeurlaubsziel. Massentourismus wird es hier nie geben. Seine atemberaubenden Naturschönheiten, die ethnische und kulturelle Vielfalt, das große Abenteuer tropischer Urwald werden immer ein Nischenziel bleiben – doch etwas mehr Zuspruch als gegenwärtig würde dem Lande guttun.
Seine abenteuerlichen Begleitumstände wird das Reisen in Suriname so bald nicht verlieren. Darauf müssen sich „Newcomer“ einstellen. Denn befestigte Straßen sind eher die Ausnahme und Urwaldpisten nicht selten durch Erdrutsche oder Überschwemmungen unpassierbar. So bewegt man sich eigentlich mehr auf den Flüssen, zumeist eingezwängt in einen „Korjaal“, dem mit Stechpaddeln oder Außenbordmotor angetriebenen Einbaum. Ungünstige Wasserstände oder Stromschnellen zeigen ihm freilich allzu oft seine Grenzen auf. Bleibt noch der schnelle und leidlich komfortable Luftweg mit den kleinen, wendigen Propellerfliegern, die die rumpeligen „Airstrips“ im Urwald anfliegen, wobei es durchaus passieren kann, dass sie vor der niedrig hängenden Wolkenbank kapitulieren müssen, die den kurzen Landestreifen urplötzlich verhüllt hat. Derartiges ist nicht zu befürchten, wenn man von Europa kommend auf dem Johan-Adolf-Pengel International Airport nahe Paramaribo einschwebt, einem der wohl beschaulichsten Hauptstadt-Airports weltweit.

Fast kleinstädtisch mutet Surinames Hauptstadt an. Sie liegt am Westufer des Suriname-Flusses, 12 km vor dessen Mündung in den Atlantischen Ozean. Dominiert wird die bescheidene Metropole von einem Ensemble ansehnlicher Holzgebäude im niederländischen Kolonialstil. Dass noch etwa 250 von ihnen erhalten sind und auch der originale Straßenplan intakt blieb, mache die historische Innenstadt zu einem einzigartigen Beispiel für die behutsame Verschmelzung niederländischer Architekturvorstellungen mit traditioneller einheimischer Handwerkerkunst und lokalen Materialien, hieß es in der Laudatio der UNESCO, als sie der Stadt 2002 den Welterbestatus verlieh. Auf diese Weise sei ein ganz neuer architektonischer Ausdruck kreiert worden. Am eindrucksvollsten präsentieren sich die alten Häuserzeilen an der Waterkant, wo früher die Segler aus Europa festmachten, Waren und Sklaven gehandelt wurden, Kaufmannspaläste und Lagerhäuser entstanden.
Neben den Kolonialbauten aus dem frühen 19. Jahrhundert überraschen die vielen  prunkvollen Sakralbauten der verschiedenen Religionsgemeinschaften wie die in neoromanische und neogotische Stilelemente gekleidete katholische Kathedrale, die in einem Wettstreit mit der anglikanischen Kathedrale von Georgetown/Guyana um den Rang des höchsten und größten Holzgebäudes Südamerikas (oder gar der Welt?) steht. 1724 entstand in der Keizerstraat die große Synagoge und direkt daneben erhebt sich seit kurzem mit der Ahmadiyya Anjuman Isha`at Islam eine der größten Moscheen Südamerikas, farbenprächtige Hindutempel sind in der Koning- und Wanicastraat zu bestaunen. Bei einem Stadtrundgang sollte man auch dem herrschaftlichen Gouverneurssitz, heute Präsidentenpalast, einen Besuch abstatten und im alten Fort Zeelandia einen Blick in die surinamische Geschichte werfen.

 Beliebtes Ausflugsziel der Hauptstädter ist die im 18. Jahrhundert errichtete Festung Nieuw Amsterdam, heute Freilichtmuseum. Sie steht auf der gegenüber liegenden Seite des hier 900 m breiten Suriname-Flusses. Manchen wird dabei ein anderes, in Nordamerika gelegenes Nieuw Amsterdam in Erinnerung gerufen: 1667 war es Verhandlungsgegenstand zwischen England und den Niederlanden. Nach langen Debatten kam es damals zu einem Tausch, der den Niederländern das heutige Suriname zuerkannte und die Engländer mit Nieuw Amsterdam, dem New York unserer Tage, beglückte. Wen wundert`s, dass die Surinamer spötteln, die Niederländer hätten seinerzeit den besseren Deal gemacht.

Die Gegend um Nieuw Amsterdam ist von Surinamern javanischer und indischer Abstammung besiedelt. Sie setzten in bescheidenem Maße fort, was zunächst von Engländern und nach 1667 von den Niederländern in großem Stil praktiziert wurde: Plantagenwirtschaft unter Kontrolle der West India Company. 1862 zählte man landesweit 216 Plantagen, die wegen Arbeitskräftemangels bis 1913 zu 79 Großplantagen zusammengelegt wurden. Man stoppte die Produktion von Kaffee, Kakao und Baumwolle und setzte allein auf Zuckerrohr. Um 1800, in der „goldenen Zeit“ der Plantagenwirtschaft, schufteten Jahr für Jahr an die 50.000 Sklaven auf den Pflanzungen. Erst 1863 konnten sich die Niederländer als letzte europäische Nation dazu durchringen, die Sklaverei abzuschaffen, mit einer langen Übergangszeit freilich: bis 1873 standen die Sklaven unter Staatsaufsicht (Staatstoezicht) und unterlagen einer immerhin bezahlten Arbeitspflicht. Viele alte Plantagen und „Herrenhäuser“ wie die frühere deutsche Kaffee- und Kakao-Pflanzung Frederiksdorp oder Marienburg, Meerzog, Peperpot u. a. sind zu besichtigen. Sie können auch Besucher beherbergen.

Suriname

Giftpfeilfrosch
( Foto: © Suriname Travel Organisation)

Andere lohnende Ausflugsziele sind das Galibi-Naturreservat am Mündungsdelta des östlichen Grenzflusses Marowijne. Das Schutzgebiet für Meeresschildkröten ist nur mit dem Boot erreichbar und verfügt jetzt auch über eine Touristen-Lodge. Südlich von Paramaribo liegt das van-Blommestein-Meer, ein gewaltiger Stausee, der mit 1.560 km² Fläche den Bodensee fast um das Dreifache übertrifft. Sein Kraftwerk versorgt die Bauxit verarbeitende Industrie und die Hauptstadt mit Energie. Westlich des Sees erstreckt sich der Naturpark Brownsberg, eine bergige Regenwaldregion mit reicher Flora und Fauna, gewaltigen Wasserfällen, phantastischen Ausblicken und sogar Wanderwegen. Auch hier gibt es seit kurzem ein guesthouse. Eineinhalb Stunden mit einem robusten Fahrzeug über schlechte Straßen – dann hat man Jodensavanne (Judensavanne) erreicht, einen historisch bedeutsamen Ort, der 1832 nach einem großen Brand aufgegeben wurde. 1665 hatten ihn jüdische Inquisitionsflüchtlinge gegründet. Die englischen und später die niederländischen Machthaber unterstützten die jüdischen Siedlungsinitiativen nach Kräften, gewährten etliche Privilegien in der Hoffnung, die Erfahrungen der Zugewanderten im internationalen Handel für das junge Land nutzen zu können. 1685 entstand die Synagoge „Beracha ve Shalom“, heute in Ruinen. Sie gilt als ältester jüdischer Sakralbau auf dem amerikanischen Kontinent. Der Friedhof bewahrt wunderschön ornamentierte Grabsteine (der älteste ist von 1667) mit spanischen, portugiesischen, niederländischen und hebräischen Inschriften.

Neben den schon genannten guesthouses sind noch eine Reihe weiterer Lodges erwähnenswert. Sie auf eigene Faust erreichen zu wollen, wäre keine gute Idee. Man sollte sich örtlichen Reiseveranstaltern anvertrauen, denn nur sie kennen sich aus mit den Pisten, Wasserwegen und Flugverbindungen, sie sorgen für Eßbares, wissen mit Tropengetier umzugehen, verstehen die Sprachen der Amerindians und Bosnegers. Nature Resort Kabalebo ist eine dieser Lodges, ein richtig komfortables Haus mit all-inclusice Service mitten im artenreichen Regenwald oder Arapahu Island im Corantijn-Fluß, wo es mysteriöse vorzeitliche Felszeichnungen, Wasserfälle und Tropenvögel zu bestaunen gibt. Empfehlenswert auch die Awarradam-Lodge in der Nähe tosender Stromschnellen und faul am Ufer liegender Krokodile, schließlich Palumeu am Rande eines Indianerdorfs. Hier sind Einbaumfahrten angesagt und Wanderungen durch den Regenwald, selbst der Umgang mit Pfeil und Bogen kann geübt werden. Seite an Seite mit den indianischen Ureinwohnern, von denen sie so manche Überlebenstechniken erlernten, siedeln die sog. Bosnegers an den Flußufern in den dichten Urwaldregionen Surinames. Die Buschneger, engl. auch „Maroons“ (die von der Außenwelt Abgeschnittenen) genannt, sind die Nachkommen geflohener Sklaven, die sich von der Zwangsarbeit auf den Plantagen in den Busch retten konnten und dort stammesähnliche Gemeinschaften mit vielen Elementen ihrer ursprünglich westafrikanischen Heimat schufen – eine faszinierende afrikanisch-amerikanische Mischkultur.

Und nicht zu vergessen: das Tafelberg Savanna Resort. Diese komfortable Lodge ist ein idealer Standort für geführte Touren in das Central Suriname Nature Reserve. Mit Auto und Einbaum wird die Anreise von Paramaribo zu einer Tagestour, bequemer ist der Flug zu einem der drei Airstrips im Reservat. Das 16.000 km² große Schutzgebiet (ein Zehntel der Gesamtfläche des Landes) zählt seit 2000 zum UNESCO-Weltnaturerbe. Seine Tiefland- und Bergzonen sind von dichtem tropischem Regenwald bedeckt, der eines der weltweit größten Gebiete mit völlig unversehrtem, unbewohntem und von der Jagd unberührtem tropischem Primärwald bildet. Die vielen natürlichen Lebensräume weisen eine artenreiche Flora und Fauna auf, die aufgrund der Größe und Unzugänglichkeit des Gebiets noch immer nicht vollständig erforscht sind.
Die Urwaldriesen sind hier wirkliche Riesen, 30 m hoch im Durchschnitt, nicht selten recken sie ihre Kronen sogar bis in Höhen von 40 und 50 m. Von den bisher gezählten 6.000 Pflanzenarten sind 47 endemisch. Mehr  als 400 Vogelarten teilen sich den Regenwald, die Savannenflächen und Sumpfwaldstreifen mit den acht in Suriname heimischen Affenarten, mit dem Jaguar, dem Riesengürteltier, Riesenottern, Tapiren, Faultieren.

Südlich dieses großartigen Naturschauspiels, schon nahe der Grenze zu Brasilien, erstreckt sich das Sipaliwini-Naturschutzgebiet. Es ist eine entlegene, fast menschenleere Savannenzone, leicht hügelig, hier und da mit Steinblöcken besetzt und von einigen z. T. noch namenlosen Bergen, sog. Inselbergen, überragt,  überwiegend grasbewachsen mit vereinzelten Bäumen darauf – eine Landschaft von eigenartiger Schönheit. Bis in das 20. Jahrhundert überließen die Niederländer diesen Teil ihrer Kolonie sich selbst. Das im Schutzgebiet siedelnde Trió-Indianervolk kam erst Mitte des letzten Jahrhunderts mit der Außenwelt in Kontakt. 

Eckart Fiene

 

Mehr zu Suriname

Reportagen
Reportage Teil 1: Von Paramaribo nach Galibi
Teil 2: Auf dem Suriname River zu den Maroonen-Dörfern im Regenwald

Suriname



Das könnte Sie auch interessieren

.