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Afrika tiefschwarz

Als Tourist in Südafrika bewegt man sich vorwiegend in weißen Bahnen. Es ist auffallend, dass sich in der Rainbow Nation, wie sich Südafrika neuerdings gerne selbst bezeichnet, die Lebenswelten von Schwarz und Weiß immer noch kaum überschneiden. Nur selten trifft man im Hotel, in der Lodge oder im gehobenen Restaurant im Landesinneren auf schwarze Mitgäste. Die schnieken Wohnviertel in den Kleinstädten sind fast zur Gänze in weißer Hand, die uniformen Neubauhütten an deren Rändern praktisch ausschließlich von Schwarzen bewohnt. Auf dem Land ein ähnliches Bild der räumlichen Trennung: in den schwarzen Dörfern wohnen Schwarze, in den weißen Weiße, nahezu ausnahmslos.

Fast zwanzig Jahre nach dem Fall des Apartheid-Systems. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns“, bringt es der junge Zulu Zweli, der uns in Durban begleitete, auf den Punkt, „Aber wir werden es schaffen“. Stolz zeigte er uns, wie in den ärmsten Stadtvierteln von Durban Wasser eingeleitet und Kanalisation gegraben wird, wie viele schwarze Anzug- und KostümträgerInnen nachmittags aus den Büros quellen, wie sich in den schicken Nachtclubs der Stadt die Jugend ohne Farbschranken amüsiert. „Es dauert, aber es geht bergauf. Und wir sind frei!“, so der selbstbewußte Zweli, der sich als Teenager für diese Freiheit auch persönlich eingesetzt hatte. Verachtung, Wut, Hass auf die Weißen? Zweli mit einem Lächeln: „Nein, überhaupt nicht. Nelson Mandela hat gesagt wir dürfen nicht im Zorn zurück blicken, wir müssen vorwärts schauen. Und das stimmt ja auch, alles andere bringt uns doch nicht weiter“.

Südafrika - KwaZulu-Natal - Bewohner im Zuludorf Nompondo
Bewohner im Zuludorf Nompondo

Eine ähnliche Einstellung finden wir bei Siphile wieder. Wir sind an seinem Zuluhof in der 20.000-Seelen-Gemeinde Nompondo zu Gast, wo man in der Nacht manchmal die Elefanten vom nahen Nationalpark Hluhluwe-Umfolozi trompeten hören kann. Der ehemalige Lehrer bemüht sich seit einigen Jahren ausländische Besucher fürs ländliche Dorfleben zu interessieren und damit beidseitig Brücken zu schlagen. Er nimmt uns mit auf einen Spaziergang durchs Dorf, dessen Gehöfte sich weiträumig verteilen. Die Sonne brennt schattenlos vom Himmel, wir schlapfen träge über die staubigen, roten Wege und bringen die zahlreichen Dorfbewohner, denen wir unterwegs begegnen, mit unseren unbeholfenen Klick- und Zischlauten zum Lachen. Im Mittelpunkt des Dorfes steht ein kleiner Kramladen, daneben dröhnt aus der örtlichen Bar Kwaito, der ultracoole Hiphop aus Durban.

Südafika - KwaZulu-Natal - Dorfladen in Nompondo
Kleiner Kramladen in Nompondo

„Die Arbeitslosenrate in unserer Gegend liegt bei fünfzig Prozent, viele Familien leben von staatlicher Unterstützung“, beginnt Siphile zu dozieren. Dann bringt er uns in die Schule und erläutert sein Projekt: „Das Wichtigste, was wir unseren Kindern mitgeben können, ist eine gute Ausbildung. Jeder Tourist, der uns besucht, sponsort unsere Schule und das summiert sich“. So profitiert die ganze Gemeinde vom Besucherstrom, der sich vorwiegend aus europäischen Reisegruppen nährt, und bleibt dabei doch relativ unberührt von dessen Einflüssen. Zumindest begegnen uns bei unserem Fußmarsch keine Souvenirverkäufer, keine um Zuckerl bettelnden Kinder, keine Zulutänzer als kaufbare Fotomotive. Die Schule selbst ist inzwischen eine der allerbesten im Land. „Wir schließen mit Hochschulreife ab. Der gute Notendurchschnitt ist schon ein Fundament für die Zukunft“.

Südafrika - KwaZulu-Natal - Kinder im Zuludorf Nompondo
Siphiles Kinder im Zuludorf Nompondo

Die Nacht im Zulurondavel bei Siphile war ebenso geplant wie die Stadtführung in Durban. Das dunkelschwarzeste Gesicht Afrikas zeigt sich uns aber ganz unerwartet ein paar Tage später: weil ein vorbereiteter Ausflug dem Sturm zum Opfer fällt, organisiert man uns statt dessen im Dorf Qongwane ein Fest. Wir werden mit schrillen Trillerpfeifen erwartet und nach den obligatorischen formellen Begrüßungen beginnen vier Sangomas, traditionelle Heilerinnen, sich im Takt der mit Zebrafell bespannten Trommel in Trance zu tanzen. Am hellichten Tag fahren die Ahnen in die Körper der stampfenden, klatschenden, springenden Tänzerinnen, lassen sie zucken, schütteln, schweißüberströmt zur Erde fallen. Das Publikum geht mit und hat uns längst vergessen. Das Erlebnis ist so dicht, dass selbst unser städtischer Begleiter Gänsehaut bekommt. Unter der modernen Fassade Südafrikas brodelt das Afrika der Abenteurromane.

Südafrika - KwaZulu-Natal - Sangomas

Afrika strandeinsam

Qongwane ist ein Nest des Maputolandes, jener Landschaft aus Sand, die im Nordosten als Elephant Coast in den Indischen Ozean zerfließt. Sanddünen hoch wie Berge trennen die schwarzen Dörfer mit ihren Feldern, die hier ihr Leben auf Sand bauen, von der wilden Küste. Eine asphaltierte Straße führt im Hinterland bis nach Mosambique, über eine Stichstraße gelangt man weiter ins Landesinnere zum Tembe Elephant Park; wer an die Küste will, muss mit rumpeligen Pisten Vorlieb nehmen, steht dafür aber dann an einem ganz besondern Stück Erde: auf einer Länge von über zweihundertfünfzig Kilometern wird der völlig unverbaute Strand nur an einer einzigen Stelle von einer Flussmündung unterbrochen. In den Küstenwäldern, am Rande von Seen und Sümpfen sind Begegnungen mit Chamäleons genauso wahrscheinlich wie mit Antilopen, Nilpferden oder Krokodilen. Der gesamte Küstenstreifen steht als Greater St. Lucia Wetland Park unter nationalem sowie Unesco-Schutz.

Süadafrika - St. Lucia Wetland Park - wütendes Mini-Chameleon
Wütendes Mini-Chameleon im St. Lucia Wetland Park

Wer als Entertainment für seinen Strandurlaub Naturbeobachtungen dem Jetskigedröhn vorzieht und als abendliches Unterhaltungsprogramm den Milchstraßenblick schätzt, ist hier bestens bedient, egal ob im Backpackertreff St. Lucia, im Tauchspot Sodwana oder in den ultra-einsamen Lodges an der Rocktail oder Kosi Bay. Wir haben uns für St. Lucia entschieden. Es ist Nacht und über uns funkelt der Sternenhimmel wie ein brilliantbesetztes Collier. Fünfundzwanzig Kilometer sind wir mit dem Jeep über den Strand gefahren, jetzt gehen wir zu Fuß weiter. Einzig der Wind ist unser Begleiter, der uns die warme Luft wie eine Feuchtigkeitsmaske ins Gesicht pappt. Rechts rauscht der Ozean, unsere Blicke sind nach links gerichtet. Wir hoffen auf eine Schildkrötensichtung: ab Ende November bis weit in den Januar hinein kommen die Weibchen in den Nächten an Land, um Eier zu vergraben, ab Januar bis März schlüpfen die Kleinen ebenfalls im Schutz der Dunkelheit und laufen möglichst rasch ins Meer. „Unsere Küste ist ein wichtiges Brutgebiet für verschiedene Schildkröten wie etwa die riesige Lederrückenschildkröte“, kramt Fahrer Kian in seinem reichlichen Wissensschatz. Kian hat Zoologie studiert und gibt nun, mangels freier Forschungsstellen, sein profundes Wissen an Touristen weiter: „Schildkröten sind erstaunliche Tiere, sie haben sich seit hundert Millionen Jahren kaum verändert und kommen seit mindestens 60.000 Jahren an unsere Strände zur Eiablage. Sie haben einen unglaublichen, vermutlich magnetischen Orientierungssinn, der sie stets an den gleichen Ort zurück führt“. Nun, wir haben Landkarten, Flugzeuge und Internet und deswegen sind wir uns sicher: auch wir werden wieder kommen. Bald schon.

Südafrika - Sodwana Bay
Sandstrand bei Sodwana Bay



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