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Eine Insel mit zwei Bergen

 Das Karbikidyll St. Lucia zwischen Regenwald und Kunst

Text und Fotos: Rainer Heubeck

St. Lucia - Piton
Blick auf die beiden Pitons

Dass die beiden Pitons, die Wahrzeichen der Karibikinsel St. Lucia, heilige Berge sind, daran hatten die Ureinwohner der Karibikinsel keinerlei Zweifel. Der Gran Piton, ein 792 Meter hoher Felskegel, war für sie der Sitz des Gottes der Hurrikane, der Petit Piton, der kleinere der beiden erkalteten Vulkankegel, die wie Zipfelmützen in den Himmel ragen und die Segler schon von weitem daran erinnern, dass sie sich nun einer der grünsten und schönsten der Inseln unter dem Wind nähern, war für die Arawak, so der Name der Ureinwohner St. Lucias, der Sitz der Götter der Fruchtbarkeit.

St. Lucia - Bild der zwei Pitons

Die beiden markant geformten Berge, die für lokale Künstler das beliebteste St. Lucia-Motiv überhaupt darstellen, befinden sich im Süden der Insel, in der Nähe der Ortschaft Soufrière. Ein Name, der französisch klingt – und das ist kein Zufall. Denn insgesamt 14 Mal wechselte das sechzig Kilometer lange und zwanzig Kilometer breite Eiland, das zu den kleinen Antillen gehört, zwischen 1650 und 1814 den Besitzer: sieben Mal war St. Lucia französisch, sieben Mal war es englisch. Zum Schluss blieben die Engländer – und seit dem Jahr 1979 ist die Insel ein unabhängiges Mitglied im von Großbritannien initiierten Commonwealth.

St. Lucia - Soufriere
Blick auf Soufrière

Mit der Seilbahn durch die Baumwipfel

St. Lucia liegt in der Karibik, doch das Eiland mit den beiden Bergen ist keine reine Strand-Destination, sondern besticht vor allem durch Natur und Kultur. Die Insel, die früher zu 86 Prozent vom tropischen Regenwald bedeckt war, fasziniert durch hügliges Landschaften und üppiges Grün. Wer abenteuerlustig ist, kann den Regenwald beim Canopy im Osten der Insel hautnah erleben. Zuerst schweben die Besucher in einer offenen Seilbahn zwanzig Minuten lang durch die Baumwipfel. Nach einer kurzen Wanderung absolvieren sie dann insgesamt sieben Rutschstrecken, so genannte Ziplines, in bis zu 45 Metern Höhe. Ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene, wo jeder Teilnehmer, versehen mit einer Spezialmontur und doppelt gesichert, insgesamt rund 1500 Meter mit den Füßen voraus an Stahlseilen in luftiger Höhe durch die Regenwaldgipfel saust. „In der Hochsaison, von Oktober bis Ende April, geht es hier manchmal richtig hektisch zu, an sehr guten Tagen haben wir zwischen 300 und 400 Besucher, die meisten von ihnen kommen zum Zip, denn damit hat man die volle Regenwald-Erfahrung“, erläutert Regenwald-Guide David Davis, der den Aktivurlaubern während der Tour auch zahlreiche Besonderheiten des Regenwaldes auf St. Lucia erklärt. Etwa das besonders eng verwobene Wurzelnetz der Bäume, durch das sich diese gegenseitig stabilisieren und das den St. Lucia-Regenwald praktisch hurrikansicher macht.

St. Lucia - Seilbahn

Vor Hurrikanen anderer Art ist die Insel freilich nicht gefeit – beispielsweise von einem weltweiten Pressehype und einer Paparazzi-Invasion, nachdem die englische Trouble-Sängerin Amy Winehouse die Insel zu ihrer zeitweisen Wahlheimat auserkoren hatte. Auf dem überschaubaren Eiland, auf dem jeder jeden kennt, sprachen sich die Eskapaden des ausgeflippten Superstars schnell herum, doch man reagierte mit karibischer Toleranz. Wer dazu noch, wie Hotelbesitzerin Karolin Güler Troubetkoy, an Amy und ihren Tross Zimmer vermieten konnte, war ohnehin zufrieden. „Im Grunde genommen hat Amy Winehouse St. Lucia über unser Hotel Jade Mountain entdeckt“, beteuert Karolin Güler Troubetkoy, die das Hotel zusammen mit ihrem Mann Nick betreibt, einem passionierten Architekten, der sich mit der extravaganten, in einen Hügel gebauten Luxusanlage, die einen Traumblick auf die beiden Pitons eröffnet, einen persönlichen Wunsch erfüllt hat.

St. Lucia - Blüte

Wo die Erde brodelt

Die beiden Pitons, der große 792 Meter hoch, der kleinere 750 Meter, sind vulkanischen Ursprungs. Der nahe gelegene Ort trägt den Namen Soufrière, auf französisch bedeutet dies Schwefel. Wer sich davon überzeugen möchte, dass es im Inneren der Insel weiterhin brodelt, der besucht Sulphur Springs und den nahe gelegenen La Soufrière-Krater, den einzigen Drive Inn-Vulkankrater der Welt. Dort führen junge Fremdenführer mit viel naturwissenschaftlichem Hintergrundwissen Touristen an den vulkanischen Quellen entlang, die mittlerweile eingezäunt sind. Früher, so berichtet unsere Führerin, wurde hier Schwefel abgebaut und nach Frankreich geschickt, um Schießpulver herzustellen. Aber das habe sich nicht lange gelohnt, die Mengen waren zu klein. Bevor der Zaun um blubbernden, dampfenden und stinkenden Quellen errichtet wurde, so verrät sie, haben die Einheimischen zuweilen Eier und Kartoffeln darin gekocht. Doch eines Tages sei dann ein Tourguide namens Gabriel, der den Touristen demonstrieren wollte, wie elastisch der Boden ist, eingebrochen und in das kochende Schwefelwasser gefallen. „Er hatte Verbrennungen zweiten Grades und musste sechs Monate lang im Krankenhaus bleiben. Das Loch, in das er gefallen ist, sieht man noch heute, wir nennen es das Gabriel-Loch. Inzwischen geht es ihm wieder gut, aber Gabriel arbeitet jetzt nicht mehr als Guide, sondern nur noch als Fischer, ich vermute, er bevorzugt jetzt kühleres Wasser“, berichtet unsere Führerin, die mit der Gruppe brav außerhalb des Zaunes bleibt.

St. Lucia - Sulphur Springs

Heiß sind auf St. Lucia aber nicht nur die unterirdischen Quellen, sondern auch die Paraden, Konzerte und Umzüge während des Inselkarnevals, der auf St. Lucia nicht im Februar, sondern im Juli gefeiert wird. Alljährlich küren die Inselbewohner dabei ihren Calypso-König, einer der Gewinner war der Musiker und Rastafari Anthony Lewis, Küstlername Black Herb, ein hoch gewachsener, schlanker Rasta, dessen Song „Suzette“ in St. Lucia jedes Schulkind auswendig kennt. Für Ausländer ist der Text, der in der Inselsprache Patois abgefasst ist, einem Kauderwelsch aus Englisch und Französisch, eher schwer verständlich. Das neben dem Inselkarneval bedeutendste kulturelle Ereignis der Insel, ist das alljährlich stattfindende St. Lucia Jazz, bei dem sich Stars wie Kassav und Amy Winehouse die Klinke in die Hand geben.

St. Lucia - Amy Winehouse
Amy Winehouse

Inselkultur

Calypso-Musik und Rastakultur sind in der englisch geprägten Inselhauptstadt Castries ebenso anzutreffen wie in der früheren französischen Inselhauptstadt Soufrière. Doch nicht nur für Musiker, auch für Schriftsteller, Maler und Kunsthandwerker bietet die Regenwald-Insel, die über relativ wenig und eher kleinere Strände verfügt und deshalb vom Massentourismus á la Jamaika, Kuba oder Dominikanische Republik verschont geblieben ist, eine inspirierende Umgebung und eine auskömmliche Existenzgrundlage. Ein Kunsthandwerker, der sich auf der Insel etabliert hat und wohl fühlt, ist der Holzschnitzer Zaka, der in London geboren und aufgewachsen ist und lange als Antiquitätenhändler gearbeitet hatte, aber dessen Vater aus St. Lucia stammte. Vor 18 Jahren kehrte Zaka auf die Insel seiner Vorfahren zurück – und will nun nicht wieder weg: „Ich kann große Städte nicht mehr ertragen, mein Bruder lebt in New York, dort dauerte es maximal 72 Stunden, bis es mir schlecht geht“, sagt er. Zaka nimmt die Hölzer und Farben der Insel – und fertigt daraus Kunstwerke für den Export, und das fast am Fließband. „Ich beschäftige in meiner Manufaktur drei Vorschnitzer, drei Schnitzer und zwei Maler.“ Seine Arbeiten, verrät er, sind weniger von der Rastakultur beeinflusst, als von der amerindianischen Kultur, einer Mischkultur von Kariben und Arawaks - den ursprünglichen Einwohnern der Karibik.

St. Lucia - Kunstwerke von Zaka

Zaka, der sich eher als Geschäftsmann denn als Künstler versteht, lebte anfangs im Norden der Insel, doch dort wurde es ihm bald zu geschäftig. „Irgendwann fingen dort die Verkehrsstaus an, das kannte ich schon aus London, das wollte ich nicht in der Karibik erleben.“ Später zog er in den Süden der Insel, in das stärker französisch geprägte Gebiet, das hügliger ist und deshalb schon aus geographischen Gründen weniger erschlossen ist. „Hier gefällt es mir, hier kann ich die nächsten Jahre bleiben und mich wohl fühlen. Ich fahre nur zwei Minuten und bin an einem Wasserfall, auch zum Strand habe ich nicht weit - und wenn ich mit dem Boot hinaus fahre, dann kann ich große Snapper fangen“, schwärmt Zaka, der seine Kunst längst auch über das Internet vertreibt.

St . Lucia - Zaka
Zaka

Die Küche auf St. Lucia

Der Mix zwischen französischen, englischen und afrikanischen Einflüssen prägt auch die Speisekarten auf der Karibikinsel, die früher ein Zentrum des Zuckerrohranbaus und der Kakaoproduktion war, derzeit aber hauptsächlich Bananen und Cashewnüsse exportiert. „Unsere Küche hier ist anders als die Küche auf Jamaika, dort gibt es vor allem Salzfisch, wir auf St. Lucia hingegen bereiten den Fisch frisch zu. Und wir kochen viel mit grünen Bananen, wir verwenden Wurzeln, Kräuter und verschiedenste Gemüsearten“, erläutert Ernie George vom Stonefield Villa Resort, einem kleinen, intimen Hotel im Süden der Insel, in dem karibische Kochkurse angeboten werden.

St. Lucia - Kakaobohnen
Kakaobohnen

Doch so, wie der Gros Piton nicht ohne den Petit Piton vorstellbar ist, ist auch der ruhige Süden St. Lucias nicht denkbar ohne den geschäftigen Norden. In Norden finden sich typische Strandhotels, aber auch abgelegene Hideaways wie das Cap Maison oder das Cotton Bay. Im nördlichen Teil der Insel liegt auch die Hauptstadt St. Lucias, die 60.000-Einwohner-Stadt Castries, die allein wegen ihres Marktes einen Besuch lohnt.

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