Reisemagazin schwarzaufweiss

Der Mensch lebt nicht von Paella allein

Valencia und die Kultur-Landschaft drum herum

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Die Sonne scheint viel zu oft in Valencia und im dazu gehörenden Umland. Eigentlich schade. Denn diese Region an der spanischen Ostküste bietet Indoor-Attraktionen, mit denen auch ein grauer Tag angenehm in Erinnerung bleibt. Unser Autor Winfried Dulisch besuchte einige dieser Sehenswürdigkeiten, obwohl es mal wieder überhaupt nicht regnete in der Comunitat Valenciana.

Spanien - Keramik-Museum Valencia

Keramik-Museum Valencia

Erzähl einem Valencianer – und erst einer Valencianerin – niemals, dass die Paella eine spanische Nationalspeise ist! Denn dieses Reis-Pfannengericht stammt eindeutig aus der Comunitat Valenciana. Basta. Und noch heftiger widersprechen diese Bewohner der spanischen Ostküste, wenn Fremde behaupten, die Paella Valenciana sei ein Fisch-und-Fleisch-Gericht. Irrtum. Eine Paella mixta (Gemisch aus Meeresfrüchten und Fleisch) wird von den Kennern der dortigen Regionalküche nur belächelt als Touristen-Paella, als Paella de turistas.

Meeresfrüchte und Fisch kamen erst später in der nördlich von Valencia gelegenen Region Katalonien als Zutat in jene große Metallpfanne, die über dem offenen Feuer erhitzt wird. Eine traditionelle Paella Valenciana wird dagegen nur zubereitet aus Reis, zartem Huhn- und/oder Kaninchen-Fleisch, langen grünen Bohnen (ferraduras) und Schnecken (vaquetas). - Aber das alles muss ein Spanien-Tourist nicht unbedingt wissen, um Valencia und seine Umgebung mit allen fünf Sinnen genießen zu können.

Spanien - Valencia - Paella

Denn sogar viele Spanier wissen nicht einmal genau, wo die drittgrößte Stadt (850.000 Einwohner) ihres Landes und die gleichnamige Autonomie-Region Valencia eigentlich zu finden sind. Denn immer wenn der Wetterbericht-Erstatter des staatlichen TV-Senders die Vorhersagen für die iberische Halbinsel trifft, verdeckt er mit seinem Oberkörper beinahe vollständig die Provinzen Valencia, Alacant und Castelló. Diese drei Provinzen bilden die Comunitat (vergleichbar einem deutschen Bundesland) Valenciana.

Salvador Andrés, Mitarbeiter beim Tourismusverband Castellon - Costa Azahar, hat deshalb bereits mehrfach schriftlich darum gebeten, das Wetter von der linken Bildschirm-Hälfte aus erklären zu lassen. Bislang haben die RTVE-Verantwortlichen ihm diesen Wunsch nicht erfüllt. Salvador Andrés vermutet: „Die Medienleute haben wohl Angst vor den Protesten unserer portugiesischen Nachbarn.“

Aber viel Abwechslung hätte der Wetterfrosch ohnehin nicht zu bieten, wenn er detaillierter eingehen würde auf die Wünsche der valencianischen Tourismus-Manager. Denn die mediterran milden Mittags-Temperaturen liegen in der Comunitat Valenciana, die beinahe so groß ist wie Belgien, im Winter zwischen 10 und 20 Grad, im Sommer zwischen 22 und 32 Grad. Im Hinterland sind die Schwankungen ein wenig größer. Im Norden fällt ab und zu auch mal Schnee, der ist aber für Ski-Tourismus nicht ausreichend – kurz: Eine ideale Herbst- und Winter-Destination für Wanderer und Biker.

Spanien - In den Gassen von Valencia

In den Gassen von Valencia

Wanderweg und Blaue Flagge

Weitaus lieber wirbt die Comunitat Valenciana mit ihren 3.000 Sonnenstunden pro Jahr. Hochsaison ist von Juli bis September. Badeurlaub empfiehlt sich von Mai bis Oktober, im Sommer liegt die Wassertemperatur bei 23, 24 Grad. Die übrigen Zeiten des Jahres sind ideal für Fuß- und Bike-Wanderungen. Von Dezember bis Februar lockt die Mandelblüte, im April die Orangenblüte in das Umland von Valencia.

Eine klimatisch dermaßen bevorzugte Region hat eigentlich keine Chance, wenn sie die Touristen zu ihren architektonischen Sehenswürdigkeiten oder in ihre Museen locken möchte. Außerdem ist Mutter Natur in der Comunitat Valencia mit einem 466 km langen Küstenstreifen eine beinahe unschlagbare Konkurrentin: Von der südlich gelegenen Costa Blanca (Weiße Küste) über den Golf von Valencia bis rauf zur Costa Azahar (Orangenblüten-Küste) wurden zum Beispiel 2006 insgesamt 93 Badestränden und 45 Yachthäfen mit dem Umwelt-Gütesiegel „Blaue Flagge“ ausgezeichnet. Und noch eine Zahl, mit der sich die Autonomie-Region Valencia als sanfte Tourismus-Destination vorstellt: Allein schon im Bereich der Costa Blanca hat das Wanderwege-Netz eine Länge von mehr als 2.500 Kilometern.

Spanien - Einer der wenigen grauen Momente am Golf von Valencia

Einer der wenigen grauen Momente am Golf von Valencia

UNESCO-Weltkulturerbe

Beinahe chancenlos – zumindest bei sonnigem Badewetter – sind jene fünf Attraktionen, die von der UNESCO dem Weltkulturerbe zugerechnet werden. In der Stadt Valencia gehört dazu die Seidenbörse. Außerdem jenes „Wassergericht“, das sich seit mehr als 1000 Jahren jeden Donnerstagmorgen vor der Kathedrale von Valencia trifft; dieses „Tribunal de las Aguas“ entscheidet über die Streitigkeiten von Grundbesitzern, die sich über die Bewässerung ihrer Felder nicht einigen können. Die Stadt Elche (Elx) steht wegen ihres - mit rund 200.000 Palmen – größten Palmenwaldes in Europa und wegen des jährlich im August stattfindenden Mysterienspiels „Misteri d’Elx“ auf der UNESCO-Liste.

Ebenfalls zum Weltkulturerbe gehören die Jungsteinzeit-Höhlenmalereien in der Comunitat Valenciana. Eine dieser Fundstätten von steinzeitlichen Felsmalereien ist die Cova del Cavalls (Höhle der Pferde) bei Tirig, 100 km nördlich von Valencia. Die schlechte Nachricht zuerst: Wer hier ein Steinzeit-Museum erwartet, in welchem der Besucher von Bild zu Bild wandert, wird herbe enttäuscht …

Spanien - Am Rande der Valltorta-Schlucht

Am Rande der Valltorta-Schlucht

… und wird gleichzeitig entschädigt mit einem herrlichen Ausblick hinein in die 20 km lange Valltorta-Schlucht, die Barranco de la Valltorta. Der Fußweg dorthin startet vor einem hochmodernen Museumsbau, der am Ortsrand von Tirig liegt. Eine halbe Stunde dauert die geführte Wanderung zu jener roten Felswand, an der die Jäger vor mehr als 3.000 Jahren ihre Gebrauchsanweisungen für die Benutzung der damals gebräuchlichen Jagdwaffen für die Nachgeborenen aufzeichneten.

Spanien - Barranco de la Valltorta

Die verblassten Felszeichnungen im Barranco de la Valltorta sind keineswegs eine empfehlenswerte Pilgerstätte für esoterisch Interessierte. Denn die dortigen Höhlenmalereien wurden von damaligen Jägermeistern nur angefertigt, um dem Nachwuchs zu erklären, wie ein Hirsch oder andere Wildtiere erlegt werden können.

Zum besseren Verständnis dieses Jäger-Lehrmaterials empfiehlt es sich, vor einer Betrachtung der Felszeichnungen unbedingt das dazugehörende Museum in Tirig zu besuchen. Denn hier wird der der Alltag unserer jagenden und sammelnden Vorfahren – auch in deutscher Sprache – anschaulich erklärt. Neben einer Multimedia-Show gehört die Originalgröße-Nachbildung eines Auerochsen (vor 2000 Jahren im Mittelmeer-Raum ausgestorben) dort zu den Publikumslieblingen.

Spanien - im Museum in Tirig

Am Ortseingang von Tirig wirbt allerdings keine Felsmalerei für einen Besuch in diesem Städtchen, sondern ein Hinweisschild aus Keramik. Und die Liebhaber von künstlerisch gestalteten Kacheln finden in der gesamten Comunitat Valenciana viele Museen, die sich der historischen und aktuellen Bedeutung des Keramik-Brennens für diese Region widmen.

Spanien - Tirig Hinweisschild

In der Stadt Onda – 70 Kilometer nördlich von Valencia - trifft der Besucher des dortigen Keramik- und Töpfer-Museum auf eine beinahe schon verwirrend bunte Vielfalt von überwiegend folkloristischen Motiven. Aber nicht nur in den Museen sind im Land Valencia farbenprächtige Keramik-Arbeiten zu sehen. Vom öffentlichen Gebäude bis hin zu liebevoll verzierten Privathäusern erweist sich diese Region als Mekka der kunstvoll gebrannten Kacheln.

Spanien - Keramik-Museum Onda

Keramik-Museum Onda

Das Keramik-Museum in Valencia beherbergt von allen Museen an der spanischen Ostküste die kostbarsten und historisch bedeutungsvollsten Exponate von hohem künstlerischem Wert. Kein Wunder. Denn diese Stadt quillt auch ansonsten über vor Kultur-Denkmälern. Von barocker Prunkentfaltung bis hin zu architektonisch zurückhaltend eingesetzten Jugendstil-Elementen reicht jene Vielfalt, die sich vor dem Besucher bei einer Stadt-Rundfahrt auffächert.

Eine weltweit einmalige Attraktion bietet im heutigen Valencia das ehemalige Turia-Flussbett. Eigentlich sollte dort nach der Umleitung des Turia-Flusses eine Autobahn gebaut werden. Aber eine Bürger-Bewegung hatte erfolgreich dagegen gekämpft mit dem Schlachtruf „El llit del riu és nostre i el volem verd!“ („Das Flussbett ist unser und wir wollen es grün“). 1985 begannen die Bauarbeiten für den Jardín del Turia, der architektonisch und ökologisch heute zu den eindrucksvollsten innerstädtischen Parklandschaften der Welt gehört.

Bei dieser Gelegenheit wurden im oder am Rande des ehemaligen Turia-Laufs zahlreiche Museen und andere Sehenswürdigkeiten erbaut. Das innen wie außen reizvollste Architektur-Projekt ist der Gebäude-Komplex „La Ciudad de las Artes y las Ciencias“, eine Stadt der Künste und Wissenschaften mitten in einem trockengelegten Flussbett.

Auf unterirdischem Wasser

Immer noch genügend Wasser zur Verfügung hat dagegen Europas längster Fluss, der unter der Erde verläuft. Ein unterirdischer Seitenarm des Riu Belcaide fließt durch die Cova Santa. Diese „heilige Höhle“ ist eine Naturgrotte, die in den Sommermonaten zu einer überirdisch aufregenden unterirdischen Kahnfahrt einlädt. Bei jenem kurzen Abschnitt, der zwischendurch auch mal zu Fuß zurückgelegt wird, können die Besucher dieses verzweigten Tropfsteinhöhlen-Systems auch mal ein wenig intensiver die farblich reizvollen Gesteinsformationen bewundern.

Spanien - Valencia - Höhlenerkundung per Kanu

Aber Vorsicht! Anschließend geht die Höhlen-Erkundung per Kahn weiter. Da müssen Manuel Casssino und seine übrigen Barquero-Kollegen (sag niemals „Gondoliere“ zu einem Barquero) ihre Fahrgäste immer wieder vor überhängenden Felsen warnen: „Cuidado con la cabeza!“ - Kopf runter!

Wenn der Grotten-Besucher nach dieser überirdisch faszinierenden unterirdischen Kahnfahrt wieder ins Freie kommt, muss er angenehm enttäuscht feststellen: Es hat da draußen mal wieder überhaupt nicht geregnet. Vielleicht hat es auch eine gute Auswirkung, dass der RTVE-Meteorologe bei seinen Wettervorhersagen mit dem gesamten Oberkörper Schutz bietet für die Comunitat Valenciana.

Spanien - Treppe mit Keramik-Kacheln in L’Alcora

Treppe mit Keramik-Kacheln in L’Alcora

Reiseinformationen zu Valencia

Allgemeine Informationen über die Stadt und das Land Valencia:

www.landvalencia.com

www.spain.info

Anreise:

Air Berlin fliegt von zahlreichen deutschen Flughäfen nach Mallorca, von dort ist ein Weiterflug nach Valencia sofort möglich. Internet: www.airberlin.com

 

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