Mit Tinto und Tapa am Tresen
Eine Bar-Tour durch Sevilla
Text und Fotos: Markus Howest
Das Leben in Andalusiens Metropole spielt sich am Tresen ab – ein Streifzug durch die schönsten Bars Sevillas.
Warme Luft weht durch die engen, verwinkelten Gassen, Wüstenluft aus der Sahara. Unter den Absätzen klackert der Asphalt, nur noch vereinzelt kommen Passanten entgegen, eine Kirchturmuhr schlägt ein Uhr mittags. Aus der Ferne erklingt die schneidende Stimme eines Losverkäufers der staatlichen Blindenlotterie. Der süße Duft von Jasmin und Orangenblüten vermischt sich mit dem Geruch von Espresso und hochkonzentriertem Putzmittel. Schon stehe ich vor der Bar Eslava, in der Nähe der Plaza de San Lorenzo, hier bin ich mit Juan Antonio, einem alten Studienkollegen, verabredet.

Fünf Tische, ein langer Tresen, auf dem Boden zwischen den Beinen der hektisch und laut parlierenden Gäste liegen Zigarettenkippen, Zahnstocher, Servietten und Olivensteine herum. Die Wände sind halbhoch gekachelt, darüber prangen Bilder mit Stierkampfszenen. Die Barmänner hinter der Theke flitzen hin und her. Spielerisch beten sie die Liste der aktuellen Tapas herunter, geben die Bestellung laut rufend in die Küche weiter, zapfen ein frisches Cruzcampo oder mixen einen Tinto de verano, Rotwein mit Limo und Eis. Dann addieren sie die Rechnung mit Kreide auf dem Holztresen und haben stets noch ein offenes Ohr – wahre Artisten in weißem Hemd und schwarzer Hose.

Bars - in der andalusischen Metropole gibt es rund 4500 davon und sie gehören zu Sevilla wie die Kaffeehäuser zu Wien und die Kölschkneipe zu Köln. Wohlgemerkt keine Restaurants, es sind Orte, wo man sich trifft und das tut, was der Sevillano am liebsten macht – feiern. Schon morgens beginnt die Belagerung des Tresens mit einer Tostada con aceite, Toast mit Olivenöl und einem Café con leche, Kaffee mit Milch, manch einer spült gern noch einen Cognac hinterher. Mittags herrscht Hochkonjunktur und abends sind die Stätten der Lebenslust ab neun wieder voll besetzt.
Im Minutentakt füllt sich die Bar. Juan Antonio betritt suchenden Blickes das Lokal. "Hola Juan", rufen ein paar Stimmen dem 42-jährigen entgegen. Jeder kennt ihn, Küsschen links, rechts und wieder links, Hände schütteln, ein Klaps auf die Schulter - Juan fühlt sich wie zuhause. Die meisten Gäste strahlen, lachen, reden, gestikulieren, andere sitzen schweigend da und gehören einfach dazu. Im Handumdrehen steht ein Glas Bier vor ihm, dazu eine Tapa - winzige Portionen, höchstens Untertellergröße - ensalada rusa, russischer Salat. "Tapas lenken vom Alkohol ab", klärt mich Juan zur Begrüßung auf, "sättigen müssen sie nicht. "Una de Boquerónes" ruft Juan schmunzelnd dem Barmann zu und schon lachen mich sauer eingelegte Anchovis an – so wird’s gemacht, den Kellner fixieren und laut bestellen.
Wenn in der Semana Santa, der Karwoche vor Ostern, Tausende von Menschen Straßenränder und Plätze säumen, erst leidenschaftlich trauern und anschließend wild feiern – dann muss eine Bar in der Nähe sein. Ein Grund dafür, dass die Bars meist in Sichtweite der Kirchen liegen. Wie das Rinconcillo, die älteste Bar Sevillas, nahe der Kirche Santa Catalina gelegen – unsere nächste Station. "Man zieht mindestens in drei bis vier Bars seiner Wahl", erklärt Juan Antonio, "in einer allein bleibt man selten."
Dicke Schinken hängen von der Decke, rustikale Holzregale mit Whisky, Schnaps und Wein zieren die Wände im vorderen Bereich, um die runden Tische aus riesigen Weinfässern stehen jung und alt, Einheimische und Touristen, Handwerker und Juristen. "Una de Espinaca", ruft einer der vier flinken Barmänner den schwitzenden Kollegen in der Küche zu und schon steht die Spezialität des Hauses, Spinat mit Kichererbsen, bereit. Der Geräuschpegel nimmt mit jedem Gast zu, die Kaffeemaschine zischt. Juan Antonio diskutiert mit hochrotem Kopf, die Argumente fliegen hin und her, ausreden kann keiner – am Ende wird schallend gelacht.
Wir schleichen durch die menschenleeren, teils mit Segeltuch überspannten Gassen, um uns vor der heißen Sonne zu schützen und gelangen ins Barrio de Santa Cruz, dem ehemaligen Judenviertel. Ohne Juan wäre ich hier verloren – ein labyrinthartiges Areal engster Gassen breitet sich längs der Alcázar-Mauern aus. Die Bar Las Teresas ist unser Ziel. Kurz vor der Siesta, gegen drei Uhr, ist es ruhiger geworden, vereinzelt stehen noch kleine Gruppen von Leuten herum, ihr Wortschwall übertrifft auch jetzt noch den einer gut besuchten Kneipe in Deutschland. Der Barmann putzt den Tresen und pfeift leise eine Melodie vor sich hin. Irgendwann legt Juan Antonio seinen Arm um meine Schulter, lächelt mich freundschaftlich an und sagt: "Und morgen zeige ich Dir all die Schätze dieser Stadt." Ich stelle mein Glas auf den Tresen, schaue Juan tief in die Augen und erwidere mit einem breiten Grinsen: "Aber jetzt kenne ich doch schon alles!"
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