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Expedition im Neoprenanzug

Aktivurlaub auf Mallorca

Text und Fotos: Sandra Rauch

Kletterfelsen, Höhlen und tiefe Schluchten: Immer mehr Aktivsportler entdecken die Baleareninsel für sich. Richtig aufregend wird es beim Canyoning: Enge, fast bodenlose Schluchten hat das Wasser in das Felsmassiv der Tramuntana im Norden Mallorcas geschliffen. Wer sich hier rein traut, erlebt ein grandioses Naturschauspiel, Nervenkitzel inklusive.

Jetzt wird‘s richtig dunkel. Bernd kramt zwei wasserdichte Stirnlampen aus dem Transportsack, getunt mit extra straffem Gummi aus dem Baumarkt. „Hab‘ ich selbst gebastelt“, sagt er. „Damit die Lampe beim Springen nicht verrutscht. Komm zieht mal über.“ Dario, sein Sohn, zerrt die Lampe über den weißen Schutzhelm. Drückt auf den Knopf und leuchtet vor sich ins Dunkle. „Mann, richtig hell“, findet der 14-Jährige. „Jetzt wird’s cool“, ruft er den anderen zu.

Spanien - Mallorca - Gorg Blau

Blick auf den Gorg Blau

Auch die anderen, zwei Frauen, zwei Männer, haben ihre Stirnlampen aufgesetzt. Barbara dreht sich noch einmal um, schaut nach oben. Gut 30 Meter ragen die Felswände in den Himmel, verwinden sich oben zu einem engen Spalt. Schwaches, fahles Licht fällt auf das Wasser und die Felsen der Schlucht. Drei Stunden sind sie jetzt schon in dem gewaltigen Canyon unterwegs, dem Gorg Blau auf Mallorca.

Der Gorg Blau, auch Gorg Blau y Sa Fosca genannt, gilt als einer der imposantesten Canyons Europas. Schon der Aussichtspunkt unterhalb des Coll des Jous auf der Straße von Soller nach Pollenca verrät die Dimensionen der geplanten Durchquerung: Wie ein großes, schwarzes Loch klafft die Schlucht des Torrent de Pareis, der nach der Durchquerung des Gorg Blau als „Rückweg“ durchwandert werden muss, in den Felsen der Serra de Tramuntana im Norden Mallorcas.

Spanien - Balearen - Mallorca - Schlucht des Torrent de Pareis

In der Schlucht des Torrent de Pareis

Die meisten Ausflügler sind schon beim Anblick der Felsszenerie am Aussichtspunkt überwältigt genug, für die Canyonisten ist das nur der Appetizer. Auf sie wartet eine Tour der Extreme: Vier bis acht Stunden dauert der Abstieg durch die Schlucht, je nach Gruppengröße und Kondition. Stufen von bis zu 20 Meter Höhe müssen abgeseilt, Hindernisse überklettert werden. Oft ist das Wasser in den Becken auch tief genug, um das Seil im Rucksack zu lassen und einfach vom Felsen in die Tiefe unter sich zu springen. Aquatisch nennen Profis diese Art von Canyon: Man ist ständig im Wasser und schwimmt immer wieder längere Strecken, meist durch enge Gänge oder kleinere Seen, die der Fluss im Laufe von Millionen Jahren ins Gestein geformt hat. Neoprenanzüge schützen die Abenteurer vor Unterkühlung, außerdem ist das Wasser wärmer als etwa in den Schluchten der Alpen: Eine ideale Voraussetzung für Touren im Frühjahr und Herbst, die besten Jahreszeiten für das Canyoning auf Mallorca, weil ausreichend Wasser durch die Schluchten fließt.

Spanien - Balearen - Mallorca - Gorg Blau

Der zweite Teil des Gorg Blau ist stockdunkel, wie eine Höhle. Etwas angespannt ist die Gruppe rund um Bernd, der eigentlich aus Dortmund kommt und vor einigen Jahren die Schluchten der Insel für sich entdeckt hat. Wachsam lauschen die Ohren den Geräuschen nach. Sie sind alle erfahrene Canyon-Geher, doch Erfahrung macht auch sensibel für Gefahren. Seit Stunden sind sie völlig abgeschirmt von der Außenwelt, was, wenn sich in der Zwischenzeit ein Gewitter in den Bergen zusammengebraut hat? In den engen Felsgängen hallen Geräusche seltsam nach, ein Dröhnen kann das ganz normale Rauschen des Wassers, aber ebenso gut auch eine sich nähernde Flutwelle sein.

Spanien - Balearen - Mallorca - Gorg Blau

Doch der Wetterbericht hatte stabiles Wetter vorausgesagt, zumindest das beruhigt die Nerven. Denn immer enger rücken die Wände jetzt zusammen, mancher Durchschlupf ist gerade hüftbreit. An einigen Stellen fließt das Wasser sogar komplett unter den Felsen durch. Können die Schluchtengeher diese Siphons nicht oben über die Felsen umklettern, müssen sie unten durch tauchen. Zum Glück sind es nur die Transportsäcke, die hier ab und zu stecken bleiben. Andere Passagen bieten dagegen Wasserspaß wie im Schwimmbad: Auf glattpolierten Felsrampen rutschen die Canyonisten ins Wasser, viele Becken sind tief genug, um einfach rein zu springen.

Spanien - Balearen - Mallorca - Gorg Blau

Nach einer guten Stunde in der totalen Finsternis öffnen sich die Felsen wieder. Erste Lichtstrahlen bündeln sich in einem dumpfen Nebel, wie eine dunkle, mächtige Kathedrale wirken die hohen Wände. Ein Stück weiter wird die Schlucht offener, das Licht stärker. Vor den Schluchtengehern liegen jetzt meterhohe Felsblöcke, die sie überklettern müssen. Sie wuchten ihre Säcke mit den Transporttonnen und Seilen die Felsen hoch. Oft gelingt das Klettern nur durch die bereits installierten Knotenseile, weil Füße und Hände am glitschigen Fels keinen Halt finden.

Wo das Felschaos vorbei ist, versickert das Wasser im Kies. Kurz darauf mündet die nun trockene Schlucht in den ebenfalls ausgetrockneten Torrent de Pareis. Ambitionierte Wanderer auf Mallorca kennen diese Schlucht: Von Sa Calobra, direkt am Meer, kann man den Flusslauf rauf- und wieder runter wandern. Beziehungsweise klettern und, je nach Jahreszeit, durch ausgedehnte Wasserlachen waten. Mallorquinische Outdoor-Veranstalter bieten den Torrent de Pareis sogar als eigene Canyontour an.

Spanien - Balearen - Mallorca - Torrent de Pareis

Abendstimmung im Torrent de Pareis am Tagesziel Sa Calobra

Bernd, Dario und die anderen machen hier erstmal Pause, stärken sich mit Weißbrot und Schokoriegeln, wärmen sich in der Sonne auf. Zwei Stunden sind es von hier noch bis Sa Calobra. Sie klettern weiter, rutschen über die Felsen, die durch die vielen Berührungen der Wanderer glatt poliert sind. Nach insgesamt acht Stunden Tour erreicht die Gruppe das Meer, das Auto in Sa Calobra. Das Abenteuer Gorg Blau ist geschafft.

Der Gorg Blau ist extrem – ein Superlativ der Natur, der seine Erforscher mächtig fordert. Doch die Schlucht ist bei weitem nicht das einzige was Mallorca in Sachen Canyoning zu bieten hat. Von der einfachen Schluchtenwanderung bis zur Extremtour gibt es für jeden Anspruch genug zu entdecken. Exklusivität ist garantiert, noch herrscht kein Touristen-Rummel in den Schluchten. Wer das Abenteuer einmal ausprobieren möchte, wendet sich am besten an die Outdoor-Veranstalter vor Ort. Vor allem im Frühjahr und Herbst lohnen die Touren, im Sommer fließt dagegen meist kaum noch Wasser.

 

Website der Autorin: http://www.sandrarauch.de

 

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