Reisemagazin schwarzaufweiss

Fiesta ohne Siesta

La Noche – Sag es niemandem weiter!

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Sie ist die angeblich längste Nacht der Welt: La Noche. Und sie dauert für einen Madrilenen von Freitagnachmittag bis Sonntagmittag. Kleinere Siestas inbegriffen, aber nur kleinere! Denn es muss ausgiebig gefeiert werden! Fiesta ohne Siesta, heißt die Devise, denn chronischer Schlafmangel ist schick! Wie das bei Judith Weibrecht ankam, lesen wir hier.

Des Madrilenen liebste Beschäftigung: Exzessives Nachtleben

Ich will es wissen und werfe mich ins Madrider Nachtleben, in die Reste der Movida, einer kulturellen Bewegung, die nach Franco entstanden ist und die Spaniens Hauptstadt sicher zu einer der Städte machte, wo am meisten los ist. Aber es gibt viele Namen für des Madrilenen liebste Freizeitbeschäftigung, das exzessive Nachtleben: la noche, la marcha.

Vamos! Auf geht`s!

17.00 Uhr, 35 Grad: Meinen Streifzug durch das Madrider „Nachtleben“ beginne ich gleich neben meiner Pension, in der Calle Atocha, in einer der zahllosen, unspektakulären Bars mit Nirostatheke, Tapas hinter Glas, z.B. Kartoffeln mit Knoblauchmayonnaise, und brüllend lautem Fernseher. Eine Art Familienbetrieb, wo sich die Nachbarn treffen.

Spanien / Madrid / Taberna Elisa

Taberna Elisa

Madrider verbringen sicher mehr als ihr halbes Leben in der Kneipe: Hier wird gefrühstückt, meist nur ein kleiner Kaffee und ein Gebäckteil, gevespert, ein meist preiswertes Mittagsmenü eingenommen, nach der Arbeit kommt man auf ein paar Tapas und ein Bierchen und natürlich trifft man sich hier auch am Wochenende!

In einem Stadtteil mehr Bars als in ganz Schweden

Angeblich gibt es alleine im Stadtteil Atocha mehr Bars als in ganz Schweden, und selbst der Bahnhof Atocha beherbergt heutzutage einen überdimensionalen Palmengarten mit Bars. Außerdem ist Spanien das Land, in dem man am meisten ausgibt, um außer Haus zu essen. „Wozu brauchen die überhaupt eine Wohnung?“, frage ich mich. Wahrscheinlich nur ein Schlafzimmer für ausgiebige Siestas zwischen den Kneipengängen.

Also weiter!

17.53 Uhr und 34 Grad zeigt die elektronische Standuhr an. Ich schleppe mich zur Plaza Santa Ana, dem Sammelplatz für Nachtschwärmer schlechthin, und lasse mich auf einer der zahllosen „Terrazas“ nieder. Übrigens auch eine Passion der Madrilenen. Die „Cervecería Santa Ana“ füllt sich langsam und man trinkt cañas, das sind kleine, frisch gezapfte Bierchen (0,2l). Die Flüssigkeit fließt aus monströsen Zapfhähnen!

Spanien / Madrid / Cerveceria Santa Ana

Cervecería Santa Ana

Ein paar Schritte weiter ist die „Cervecería Alemana“, wo schon Hemingway zu tief ins Glas geguckt hat. Diese Kneipe ist das älteste und traditionsreichste Lokal am Platze. Es ist ca. 18.40 Uhr und immer noch heiß, zu heiß. „Una de callos!“, eine Tapa mit Kutteln, bestelle ich. „Weißt du, was das ist?“, fragt mich der Ober - in Spanien duzt man sich viel schneller als in Deutschland -und klopft sich auf den Bauch. Als ich bejahe, findet er das sehr gut. Kutteln sind eine der typisch madrilenischen Spezialitäten. Der Lärmpegel hier ist hoch – es hallt von der hohen Decke. Auf den Marmortischchen klackern die Gläser der Bierchen.

Übrig gebliebene 68er, goldbehängte Senoras, Amerikaner in kurzen Hosen

Hier treffen sich übrig gebliebene 68er, ältliche gold- und perlenbehängte Senoras, die mit ihren Fächern wedeln, Touris, jede Menge Amerikaner in kurzen Hosen und T-Shirts, Magersüchtige in durchsichtigen Blusen. Ein Panoptikum! Im Schaufenster hängen einige kapitale Serrano-Schinken, an den Wänden Fotos von blutigen Stierkämpfen aus längst vergangenen Zeiten. Der Ober trägt sein weißes Jackett und bleibt mitten in dem ganzen Treiben verdammt cool. Er sieht aus, als würde er hier seit 50 Jahren arbeiten, als kenne er das alles. Es wird immer lauter, oder kommt mir das nur so vor?

Venga! Vamos!

Spanien / Madrid / Viva Madrid!

An der Plaza Santa Ana liegt auch das Teatro Espanol, ein Bau mit prächtiger klassizistischer Fassade, schräg dahinter befindet sich das “Viva Madrid!“ (s. Foto), eine uralte, aber trendige In-Kneipe mit Fayencekacheln und Spiegeln. Einen Café solo bitte, weiter geht`s. Venga! Vamos!

„Sprich lauter!“

Ich gehe auch ins Theater, aber ins „Teatro Círculo de Bellas Artes“ (s. Foto unten), wo man im gleichnamigen Café vorher so herrlich einen Milchkaffee schlürfen kann. Das Café ist verschwenderisch ausgestaltet mit einem riesigen Kronleuchter und einer hingegossenen Schönen aus Stein. Die Skulptur ist ein Blickfang für sich und wurde von Moisés Huerta geschaffen. Es geht distinguiert zu und still, jedenfalls für Madrider Verhältnisse. Das Theaterstück handelt von „Bunuel, Lorca und Dalí“, und außer mir scheinen noch einige andere vorhanden zu sein, die sich auf dem Weg ins Nachtleben befinden. Es wird lauthals gelacht und dem Schauspieler schon einmal bedeutet, er solle doch bitte lauter sprechen. „Gefällt`s dir so?“, brüllt dieser ins Publikum. Man bejaht.

Spanien / Madrid / Teatro Circulo de Bellas Artes

22.18 Uhr, 32 Grad

Die „Casa Alberto“ in der Calle de las Huertas, eines der ältesten Wirtshäuser der Stadt, die bereits seit 1827 existiert, hat ein beeindruckendes Interieur, ein Stilgemisch aus schwarz-weiß-Fotos von Fußballmannschaften und alten Fliesen, die anzeigen, dass es hier seit 1827 Vermouth „Yzaguirre“ vom Fass gibt. Zum Bier reicht man kostenlos eine Tapa mit Oliven und Muscheln, und auf der Speisekarte finden sich weitere, hervorragende Tapas.

Messwein im Angebot

Das „España Caní“ ist schon von außen mit herrlichen Fliesen verkleidet und erstaunlich kühl, darum bleibe ich hier etwas länger. Die Preise am Thresen sind immer günstiger als die am Tisch (und billiger als die an einem Tisch draußen), also schmeiße ich mich an die Theke. Es gibt selbst gemachten Vermouth, Sangría und eine hausgemachte Soße namens Salmorejo Cordobés mit Weißbrot zum Stippen. Auch die Soße ist erfrischend, da eiskalt, und schmeckt tomatig, leicht nach Knoblauch und ist sehr sämig. Chorizo infierno – teuflische Chorizo, eine Art Salami, probiere ich lieber nicht. Ein Schild preist Messwein an, und im dunklen Hintergrund stapeln sich die Fässer.

Leise Flamencomusik und ein Schwein auf der Schaukel

Es ist nach Mitternacht, und auch im „Los Gabrieles“ in der Calle Echegarray 17 ist es angenehm kühl durch die Ventilatoren an der Decke und, wieder einmal, durch die wunderschönen, handbemalten Azulejos (Fliesen), die das ganze Lokal verzieren: Z.B. wirbt ein Schwein auf einer Schaukel für den Schinken, den besten natürlich, von Sanchez Romero, an einer anderen Wand spielt ein Skelett Gitarre. Ich werde von leiser Flamencomusik berieselt.

Spanien / Madrid / Los Gabrieles

Los Gabrieles

Es gibt lauschige, dunkle Eckchen mit Zweiertischen. Zum Bierchen reicht man kostenlos eine Tapa mit Oliven. Langsam – aber nur langsam werden die Bars voller, denn vor Mitternacht ausgehen ist eigentlich uncool.

Wie spät ist es, bitte?

In den „Bodegas Melibea“ beginne ich die Tradition der Tapas zu schätzen, denn der asturische Sidra, Apfelwein, fährt mir direkt in die Glieder. Uhrzeit? Keine Ahnung! Aber bestimmt über 30 Grad! Als Tapa werden diesmal Minikringel aus Brotteig mit Salchichón, einer Art Salami, gereicht. Kostenlos, wie fast immer hier, wenn man ein alkoholisches Getränk bestellt.

Spanien / Madrid / Bodegas Melibea

Bodegas Melibea

Auch hier fliegt alles auf den Boden, wie in jeder madrilenischen Bar, Zuckertütchen, der Zucker höchstselbst, Olivernkerne oder auch Sidra – die Gläser werden nämlich bis zum Rand hin, oder auch darüber hinaus, vollgeschenkt.

Nach 2 Uhr wird die Szene wach

„Madrid me mata!“, Madrid bringt mich um, murmelt mein Nachbar am Tresen. Mich auch! Aber meint er nun die gegen 2 Uhr morgens immer noch unerträgliche Hitze, den unvermeidlichen Stau von Autos, der sich Freitag nachts um drei Uhr auf der Gran Vía wälzt, oder die hereinbrechende Müdigkeit mitten im angeblich härtesten Nachtleben der Welt, einem wahren Kneipenmarathon? Fast hatte ich vergessen, dass chronischer Schlafmangel schick ist. Vamos! Weiter geht`s! Die wilde Madrider Szene wird immer wacher, doch ich schiele bereits vor Müdigkeit . Vamos! Na gut ...

Spanien / Madrid / Viva Madrid!

Zapfhahn im Viva Madrid!

„No se lo digas a nadie!“

Bevor man zwischen 6 und 8 Uhr morgens churros, eine Art Spritzgebäck, und heiße Schokolade auf einer der zahllosen Caféterias an der Gran Vía einnimmt, suche ich angestrengt nach einer In-Kneipe, die sich hinter einer Art Garagentor versteckt. Sie heißt „No se lo digas a nadie“ – sag es niemandem weiter! Und dort ist dann Schluss für mich mit der Ausgehsucht– eine durchgemachte Nacht reicht!

 

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