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„Viva la Virgen!“

Helle Aufregung am Morgen: „Unser Pferd ist weg“, ruft Carmen mit zerzaustem Haar und läuft planlos in der Gegend umher. Sie hängt an Furioso; die braune Stute ist seit über zwanzig Jahren ihre treue Begleiterin. Schon wird über die zunehmende Kriminalität, den Vandalismus und den fehlenden Respekt – auch auf der Romería – geschimpft. Carmen und Miguel sind sich einig: alles „cabrones“, Feiglinge. Später sagt mir Juan, Furioso sei nicht richtig angebunden gewesen.

Spanien El Rocío auf dem Planwagen

So hätte er einen kleinen Ausflug unternommen - ein paar hundert Meter vom Lager entfernt sei er unter einer Schatten spendenden Pinie gestanden und habe auf den Treck gewartet. Ich lache, doch Juan bleibt ernst und sagt mit fester Stimme: „Mit einem Pferd bist Du wer, ohne fehlt Dir was.“ Mein Blick schweift über die Weiten der Dünenlandschaft – ich sehe überall Menschen, die elegant auf ihren geschmückten und liebevoll frisierten Rössern dahin reiten. Schwer schleppt sich dagegen das Fußvolk durch den Sand.

Spanien El Rocío Wallfahrt durch den Ort

Nach gut drei Stunden strammen Fußmarsches ist am Horizont die Silhouette des ganz in Weiß schimmernden Ortes El Rocío zu erkennen. Eine kleine Furt stellt das letzte Hindernis dar. Juan erinnert sich, wie vor etlichen Jahren die Karren und Wagen mühselig durch das Wasser gezogen wurden – heute hat die Ponton-Brücke der spanischen Armee den Übergang bequem gemacht. Der rollende Altar mit dem Bildnis der Heiligen Jungfrau wird auf der Brücke angehalten. „Viva la Virgen!“ singen die Mitglieder der „hermandad“. Männer und Frauen bringen ihre Körper in Tanzpose, die Menge klatscht, stampft im Takt und ruft „Olé“, dann zieht „triana“ in die gelobte Stadt ein.

Spanien El Rocío Wallfahrtskirche

Einem ungeschriebenen Drehbuch gleich zieht die Karawane weiter in Richtung der weißen Wallfahrtskirche. Dort wird auf dem großen Platz vor dem Hauptportal jede einzelne Bruderschaft willkommen geheißen, allen voran die älteste, schon 1580 gegründete mit dem klangvollen Namen „Pontificia, Real e Ilustre Hermandad Matriz de Almonte“.

Stundenlang ziehen die geschmückten Wagen an der Virgen del Rocío vorbei. Unaufhörlich ertönen Gesänge, eine Lautsprecherstimme kündigt die Ankunft der nächsten Bruderschaft an. Wie in einer Loge sitzt die feine Gesellschaft derweil auf den Balkonen ihrer Häuser und beobachtet bei einem Glas Sherry huldvoll das Geschehen. Denn wer in Andalusien etwas auf sich hält, besitzt in El Rocío ein eigenes Anwesen oder mietet für bis zu 6.000 Euro eine Residenz für drei Nächte; genau genommen sogar nur für zwei, denn heute, am Pfingstsonntag, strebt das Spektakel seinem Höhepunkt entgegen, in einer Nacht, in der niemand schläft.

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