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Die Jungfrau aus dem Sumpf

Die andalusische Wallfahrt nach El Rocío

Text: Markus Howest
Fotos: Jörg Wenzel

Spanien El Rocío Caballeros

Es werden immer mehr, am Ende sollen es eine Million sein – stolze Reiter, lachende Frauen auf geschmückten Planwagen und jede Menge Menschen in feierlichen Flamenco-Kleidern oder in typischer andalusischer Tracht pilgern tanzend und singend durch den Coto Doñana, den größten Nationalpark Spaniens. Ihr Ziel ist der Wallfahrtsort El Rocío im Mündungsgebiet des Río Guadalquivir.

Rötlich schimmert der Horizont. Am Hang steht ein alter Holzwagen mit großen weißen Rädern, festlich geschmückt, von Kerzen umrandet, im Zentrum ein Altar mit einer Heiligenfigur. Es ist still, Männer und Frauen jeden Alters bilden einen Halbkreis und starren ergriffen auf die Figur, aus der Ferne sind Sevillanas, flamencoähnliche Tänze, zu hören. Dann ertönt die Stimme einer jungen Frau – ein Klagelied, ein Lobgesang, ein Gebet? Danach wieder Stille. Schon setzt ein Mann mit rauer Stimme zum Gesang an, die Augen geschlossen, mit wogender Brust, er macht eine Pause und fährt fort. Der Reigen abwechselnder Gesänge reißt nicht ab – so geht es bis spät in die Nacht.

Spanien El rocío Tanz

„Die Menschen besingen ihre Wünsche, Sorgen und Ängste oder sie bedanken sich ganz einfach“, beschreibt Juan aus Sevilla die Szene am Hang. Sie zeigen damit ihre tiefe Verbindung zur „simpecados“, der Standarte ihrer „hermandad“, ihrer Bruderschaft und dem Bildnis der Heiligen Jungfrau. Mit einem rollenden Altar aus bemaltem Holz und massivem Silber, verziert mit Blumen und Insignien, pilgern die Wallfahrer jedes Jahr zu Pfingsten durch die „marismas“, die Sumpfgebiete entlang des Río Guadalquivir nach El Rocío.

Spanien El Rocío Planwagen

Juan gehört zu Triana, einer der ältesten Bruderschaften Sevillas. Er pilgert mit seinen Freunden in diesem Jahr zum dreißigsten Mal die 80 Kilometer weite Strecke nach El Rocío. Heute Abend nach knapp zwanzig Kilometern über Asphalt und Feld, ist die erste Raststation erreicht, insgesamt sind es drei. Juans „hermandad“ zählt rund tausend Mitglieder. „Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft“, erzählt der 45-jährige Familienvater, „in den Bars von Sevilla schwärmen wir vom letzten Fest und freuen uns schon auf das nächste.“ Kurz vor dem Start des Pilgerzugs sind die Mitglieder tagelang mit dem Schmücken der Planwagen, dem Bepacken der Landrover und Wohnwagen beschäftigt. „Und die Pferde werden gründlich gebürstet und frisiert“, meint Juan.

„Jamón serrano“ – das Beste ist gerade gut genug

Und wozu diese ganzen Traktoren und schweren Lkws? Die Antwort ist schnell gefunden: „Eine Seuche hat in diesem Jahr den Einsatz der Ochsen verhindert“, heißt es allseits mit einem hörbaren Seufzer. Sie ziehen aus alter Tradition die Kutschen und Wagen - dann sieht die Karawane aus wie die legendären Trecks im Wilden Westen.

Spanien El Rocío Auf der Wallfahrt

Doch es hat sich auch sonst einiges verändert seit Juan mit Carmen und Miguel vor genau dreißig Jahren zum ersten Mal dabei waren. Damals packten sie das Nötigste zusammen und marschierten los, heute zieht bei vielen der halbe Hausstand mit. Gut ausgestattete Küche, Bad und Bett, hinzu kommen Lebensmittel und Spirituosen vom feinsten in Hülle und Fülle. „Die Leute sparen monatelang - in diesen Tagen darf es an nichts fehlen“, klärt Carmen auf, während sie sich genüsslich eine Scheibe vom besten „jamón serrano“, dem luftgetrockneten Schinken abschneidet. Früher sei sie glücklich gewesen einfach nur dabei zu sein, fügt Carmen etwas wehmütig hinzu.

Spanien El Rocío Reiter

„Meistens ist es um die vierzig Grad heiß“, sagt Juan, „regnen tut es eigentlich nie.“ Eigentlich. Denn am nächsten Tag prasselt der Regen auf unser Zelt und ein erster scheuer Blick hinaus zeigt uns ein wahres Schlachtfeld. Ein Meer von Pfützen und schlammiger Boden erschweren den Aufbruch. Die Szenerie wirkt trostlos und beschwerlich. „Wozu jetzt weitermarschieren?“ zischt es uns durch den Kopf. Sevilla ist eine attraktive Großstadt und nur knapp zwanzig Kilometer entfernt. Für jeden Wallfahrer wäre dieser Gedanke ein Verrat.

„Vamos“ – die Wallfahrt muss weitergehen

Verrat an der „Paloma Blanca“, an der „Reina de los Marismas“, wie die Marienstatue auch genannt wird. Immerhin ist die Wallfahrt nach El Rocío eine der ältesten Marienwallfahrten im christlichen Abendland. Jedes Jahr machen sich über eine Million Teilnehmer aus ganz Spanien auf den Weg in den kleinen Ort im Süden Spaniens, um der „Virgen del Rocío“ ihre Ehre zu erweisen - eine Marienstatue, die im siebten Jahrhundert in den nahen Sümpfen gefunden worden sein soll.

Spanien El Rocío junge Frau

Die „Romería del Rocío“, die Pfingst-Wallfahrt, muss weitergehen: Reiter packen sich in dickes Regenzeug ein, riesige Trecker ziehen die Wohnwagen aus dem glitschig-rutschigen Feld – auch wenn der Kopf vom vielen Rum der letzten Nacht noch schmerzt, auch wenn die Nässe mittlerweile jede Textilfaser durchtränkt haben mag. „Vamos“, ruft Juan uns zu und schnürt mit verzerrtem Gesicht die Regenplane über seinen Landrover.

Am nächsten Tag scheint die Sonne vom blauen andalusischen Himmel. Schnell klettert das Thermometer auf 30 Grad. Jetzt quält sich die immer dichter werdende Karawane durch den tiefen Sand, der aufgewirbelte Staub macht das Atmen schwer. Der Weg führt über die Raya Real, den ersten Abschnitt der Dünenlandschaft mit ausgedehnten Pinienhainen im Nationalpark nahe der Costa de la Luz.

Spanien El Rocío unterwegs

Immer mehr stolze Caballeros mit schwarzen Sombreros, Cowboystiefeln und imposanten Lederschürzen reiten die breite Avenida entlang, verweilen hier und dort bei einer bekannten Gruppe, trinken ein Glas Manzanilla, den typischen Sherry der Region, essen Schinken und Oliven, lachen, erzählen und genießen sichtlich ihre Stellung auf dem hohen Ross. Dann geben sie ihrem schnaubenden Hengst wieder die Sporen und reiten durch den knöcheltiefen Sand ihrem Ziel entgegen.

„Es único“ – El Rocío ist einzigartig

„Die vielen Pausen finden nicht nur wegen der Tiere statt“, bemerkt Juan mit schelmischem Blick, „man braucht die Zeit fürs Flirten.“ Wenn anmutige Señoras mit streng zurückgekämmten Haaren, weißen Rüschenblusen, langen weiten Röcken und hohen Lederstiefeln ihre Arme zum Sevillana ausfahren und dem männlichen Gegenüber am Wegesrand tief in die Augen schauen – dann ist das ein Vorgeschmack auf die dreitägige Fiesta nach der Ankunft in El Rocío.

Spanien El Rocío Frauengruppe

Mit der „copa“ in der Hand habe ich den vorbeiziehenden Treck fest im Auge. „Lass die Vergleiche“, ermahne ich mich und doch drängt sich mir unweigerlich das Bild eines karnevalesken Spektakels auf. Statt tief religiösem Trauermarsch mit bedrückend-ernsten Gesichtern fühle ich mich von der ausladenden Lebensfreude der Andalusier angesteckt. Durch die bunten Kleider der Frauen und die Trachten der Männer erfährt die Szenerie eine bizarre Komik. „Es único“, zischt mir Juan zu, und er hat Recht – El Rocío ist wirklich einzigartig.

Spanien El Rocío Sevillana

Es ist die letzte Rast vor der morgigen Ankunft am Zielort. Die Aufregung vor dem großen Ereignis ist spürbar. Palacios heißt der Rastplatz, unweit des Palastes, in dem die spanische Regierung gern hochrangige Staatsgäste empfängt. Hochragende Palmen kündigen den Ort als oasenhaften Rastplatz an. Überall flackern Feuer in den roten Abendhimmel, Menschen sitzen um ihre Campingtische – sie essen und trinken. Aber sie sind ruhiger, andächtiger als zuvor. Ist es die Müdigkeit der letzten Tage oder kehrt tatsächlich Besinnung ein? Fest steht, nur ganz wenige feiern bis zum Morgengrauen. Mit den ersten Sonnenstrahlen setzen sich die ersten bereits in Bewegung, die letzen zwanzig Kilometer bis zur ersehnten Ermita de Nuestra Senora, der weißen Wallfahrtskirche.

„Viva la Virgen!“

Helle Aufregung am Morgen: „Unser Pferd ist weg“, ruft Carmen mit zerzaustem Haar und läuft planlos in der Gegend umher. Sie hängt an Furioso; die braune Stute ist seit über zwanzig Jahren ihre treue Begleiterin. Schon wird über die zunehmende Kriminalität, den Vandalismus und den fehlenden Respekt – auch auf der Romería – geschimpft. Carmen und Miguel sind sich einig: alles „cabrones“, Feiglinge. Später sagt mir Juan, Furioso sei nicht richtig angebunden gewesen.

Spanien El Rocío auf dem Planwagen

So hätte er einen kleinen Ausflug unternommen - ein paar hundert Meter vom Lager entfernt sei er unter einer Schatten spendenden Pinie gestanden und habe auf den Treck gewartet. Ich lache, doch Juan bleibt ernst und sagt mit fester Stimme: „Mit einem Pferd bist Du wer, ohne fehlt Dir was.“ Mein Blick schweift über die Weiten der Dünenlandschaft – ich sehe überall Menschen, die elegant auf ihren geschmückten und liebevoll frisierten Rössern dahin reiten. Schwer schleppt sich dagegen das Fußvolk durch den Sand.

Spanien El Rocío Wallfahrt durch den Ort

Nach gut drei Stunden strammen Fußmarsches ist am Horizont die Silhouette des ganz in Weiß schimmernden Ortes El Rocío zu erkennen. Eine kleine Furt stellt das letzte Hindernis dar. Juan erinnert sich, wie vor etlichen Jahren die Karren und Wagen mühselig durch das Wasser gezogen wurden – heute hat die Ponton-Brücke der spanischen Armee den Übergang bequem gemacht. Der rollende Altar mit dem Bildnis der Heiligen Jungfrau wird auf der Brücke angehalten. „Viva la Virgen!“ singen die Mitglieder der „hermandad“. Männer und Frauen bringen ihre Körper in Tanzpose, die Menge klatscht, stampft im Takt und ruft „Olé“, dann zieht „triana“ in die gelobte Stadt ein.

Spanien El Rocío Wallfahrtskirche

Einem ungeschriebenen Drehbuch gleich zieht die Karawane weiter in Richtung der weißen Wallfahrtskirche. Dort wird auf dem großen Platz vor dem Hauptportal jede einzelne Bruderschaft willkommen geheißen, allen voran die älteste, schon 1580 gegründete mit dem klangvollen Namen „Pontificia, Real e Ilustre Hermandad Matriz de Almonte“.

Stundenlang ziehen die geschmückten Wagen an der Virgen del Rocío vorbei. Unaufhörlich ertönen Gesänge, eine Lautsprecherstimme kündigt die Ankunft der nächsten Bruderschaft an. Wie in einer Loge sitzt die feine Gesellschaft derweil auf den Balkonen ihrer Häuser und beobachtet bei einem Glas Sherry huldvoll das Geschehen. Denn wer in Andalusien etwas auf sich hält, besitzt in El Rocío ein eigenes Anwesen oder mietet für bis zu 6.000 Euro eine Residenz für drei Nächte; genau genommen sogar nur für zwei, denn heute, am Pfingstsonntag, strebt das Spektakel seinem Höhepunkt entgegen, in einer Nacht, in der niemand schläft.

 

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