DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Al - Andalus


Seit dem Tode Mohammeds im Jahre 632 war es den Arabern in kürzester Zeit gelungen, die Herrschaft im nordafrikanischen Raum zu erlangen. Von kürzeren Einfällen abgesehen, ghasilas genannt, Wurzel des Wortes Razzia, war 711 das entscheidende Datum. Unter Führung von Tariq Ibn Ziad gehen bei Tarifa 20 000 Soldaten an Land, das Heer der Goten wird rasch besiegt und es dauert nur wenige Jahre, bis fast die gesamte iberische Halbinsel, von einigen Gebirgsgegenden im Norden abgesehen, unter arabischer Kontrolle steht. Die Zahl der Araber, die die neue Oberschicht stellten, war gering. Mit der Zeit kamen mehr und mehr Berber aus dem heutigen Marokko, vornehmlich Ackerbauern und Hirten. Nach ihnen benannten die Spanier alle Mohammedaner Mauren, moros, die Schwarzen, unabhängig davon, ob es sich um Berber oder Araber handelte.

Der rasche Sieg der neuen Herrscher läßt sich auch durch einige Eigentümlichkeiten des Islam erklären. Nur wenn die Bewohner eines eroberten Landes nicht kapitulierten, drohte ihnen Tod oder Sklaverei. Als Untertanen des Kalifen jedoch erwartete sie ein teilweise leichteres Leben als unter den Westgoten. Ob Christen oder Juden, alle durften ihren Glauben und ihre Gebräuche beibehalten, wer nicht freiwillig zum Islam übertrat musste lediglich eine besondere Kopfsteuer entrichten. Vor allem der jüdische Bevölkerungsanteil konnte nach Jahrhunderten des Antisemitismus aufatmen, sie erhielten kulturelle Eigenständigkeit und wirtschaftliche Freiheiten, erfüllten bald wichtige Funktionen in Handel und Handwerk und stiegen in höhere Staatsämter auf. Die arabische Führungsschicht war zunächst eine kleine Minderheit, die sich erst im Laufe der Zeit mit der einheimischen Bevölkerung vermischte und dadurch letztendlich zu stärkerer kultureller Eigenständigkeit gegenüber den arabischen Herkunftsländern gelangte.


Über lange Zeit hinweg beruhte die Vormachtstellung der Araber weniger auf Waffengewalt als auf der großen Ausstrahlungskraft der islamischen Kultur. Zentrum dieser Kultur bildeten die Städte, die wie z.B. Cordoba hunderttausende von Einwohnern zählten und nur Konstantinopel konnte sich mit ihrem Reichtum messen. Hier gab es Tausende von Werkstätten und Läden, hunderte von Moscheen und Palästen. Die Heilkunde erreichte in Andalusien einen Stand, der im mittelalterlichen Europa erst weitaus später erlangtt werden sollte, und so ließen sich auch wohlhabende Christen in Cordoba behandeln und Eingriffe von den damals fortschrittlichsten Chirurgen vornehmen. Das Handwerk erlebte eine nie dagewesene Blüte, sei es auf dem Gebiet der Waffenproduktion oder der Lederherstellung, der Seidenweberei oder der Papierherstellung, der Teppichweberei und der Glas- und Keramikproduktion. Hunderte von öffentlichen Bädern soll es im Cordoba des 10. Jh. gegeben haben, ein Niveau der Hygiene, das den mittelalterlichen Nachbarn im Norden fremd war. Es gab zahlreiche Bibliotheken und Schulen, die Universitäten zogen Studenten aus ganz Europa an.


Diese hochentwickelte städtische Lebenskultur beruhte zu einem erheblichen Teil auf einer weit entwickelten Landwirtschaftstechnik. Vor allem die Fähigkeit, über klug angewandte Bewässerungssysteme – Brunnen mit Schöpfrädern, Kanäle und Sickergräben - bislang unfruchtbares Gebiet in fruchtbares Land zu verwandeln, führte zu einem landwirtschaftlichen Überschuss. Neben neuen Agrartechniken führten die Araber auch neue Kulturpflanzen ein, die heute selbstverständlicher Bestandteil unseres Speiseplanes geworden sind: Zitronen und Apfelsinen, Aprikosen und Bananen, Maulbeerbäume als Grundlage für die Seidenindustrie, Reis und Zuckerrohr, Spinat und Blumenkohl, Spargel und Artischocken. Auch wurde das Merino-Schaf aus Nordafrika eingeführt, Wolle zu einem bedeutenden Exportartikel. Die Landwirtschaft basierte auf einem Pachtsystem, das die einzelnen Pächter nicht bis aufs Blut aussagte, wie es zum Teil unter Römern und Westgoten der Fall gewesen war.

Doch war die viele Jahrhunderte andauernde arabische Herrschaft über Andalusien keineswegs von gleichbleibender Natur, Phasen der Toleranz mussten Abschnitten des religiösen Fundamentalismus weichen, der sich wie bei allen Religionen unnachgiebig zeigte.
Im Jahre 756 wird unter Abderrahman I. , einem aus Damaskus geflohenen Omajidenprinzen, ein vom Orient unabhängiges Emirat errichtet, dessen Macht und Eigenständigkeit so stark wächst, daß im Jahre 929 Abderrahman III. sogar ein von Bagdad unabhängiges westliches Kalifat ausruft. Damit erlangte der Herrscher neben der weltichen Macht auch die uneingeschränkte religiöse Macht über die Gläubigen. Die Zeit des Kalifats bis ins Jahr 1031 war ohne Zweifel einer der Höhepunkte maurischer Kultur. Spannungen und Nachfolgestreitigkeiten, nicht zuletzt zwischen Berbern und Arabern, führen im 11. Jh. zum Zerfall des Kalifats in 30 kleine Einzelreiche, die sogenannten taifas. Das Ende der maurischen Herrschaft in Spanien war damit eingeleitet.

 

 

 

 

Twitter
RSS